Film | Nummer 618 - Dezember 2025

Der kollektive Gesang der Freiheit

Im Film Belén stellt Regisseurin Dolores Fonzi den Abtreibungsfall dar, der in Argentinien zur „grünen Welle“ geführt hat. Eine Rezension.

Eine junge Frau mit akuten Unterleibsschmerzen kommt in die Notaufnahme eines öffentlichen Krankenhauses im ländlichen Tucumán, Nord­argentinien. Sie wankt kurz darauf blutend aus der Toilette und wird ohnmächtig. Nun geht alles sehr schnell. Als sie im OP-Saal aufwacht, ist sie in Handschellen gefesselt und wird hastig von Polizisten abgeführt. Der aktionsreiche Einstieg lässt uns als Zuschauer*innen nicht mehr los. 

Jone Karres Azurmendi

Eine junge Frau mit akuten Unterleibsschmerzen kommt in die Notaufnahme eines öffentlichen Krankenhauses im ländlichen Tucumán, Nord­argentinien. Sie wankt kurz darauf blutend aus der Toilette und wird ohnmächtig. Nun geht alles sehr schnell. Als sie im OP-Saal aufwacht, ist sie in Handschellen gefesselt und wird hastig von Polizisten abgeführt. Der aktionsreiche Einstieg lässt uns als Zuschauerinnen nicht mehr los. Es folgen zwei Jahre Gefängnis, mit der Anklage, auf der Toilette abgetrieben zu haben.

Belén erzählt die wahre Geschichte einer jungen Frau, die 2014 durch die Hölle ging (Belén ist der fiktive Name). Nach einem von Lügen und Intransparenz geprägten Prozess wurde sie zu acht Jahren Haft verurteilt. Als eine Anwältin davon hörte und sich spontan für sie einsetzte, wurde der Fall bekannt, erregte großes mediales Aufsehen und löste eine soziale, feministische Bewegung aus, die auf den Straßen die Freiheit Beléns forderte. „La ola verde” (die grüne Welle), forderte nicht nur die Befreiung dieser unschuldigen Frau, sondern die Entkriminalisierung von (freiwilliger oder unfreiwilliger) Abtreibung.

Nun hat die Schauspielerin und Regisseurin Dolores Fonzi das Justizdrama geschrieben, inszeniert und darin mitgewirkt. Das Drehbuch basiert auf dem Roman von Ana Correa (2019) „Somos Belén” (Wir sind Belén). Im Mittelpunkt steht jedoch der Kampf der Anwältin Soledad Deza um die Wiederaufnahme des Falls und Gerechtigkeit. Fonzi selbst spielt nicht das Opfer, sondern die Anwältin, die eigentliche „Heldin”, kraftvoll und überzeugend. Sie konfrontiert selbst Belén, die ihr zunächst misstraut, fordert aber auch Richterinnen, Beamtinnen, Anwältinnen, die öffentliche Meinung und das gesamte System heraus: ein System, das Frauen bestraft und kriminalisiert. Der soziale und mediale Druck war offensichtlich erfolgreich, denn 2021 wurde Abtreibung in Argentinien schließlich legalisiert.

Die Erzählweise ist klassisch und folgt damit den Konventionen des Justizdramas. Es bleibt aber nicht dabei. Im Laufe der Geschichte entsteht eine soziale Bewegung auf den Straßen, die sich für Belén engagiert. Es ist eine wachsende Welle massiver Straßenproteste. Die Entrüstung der Menschen ist ansteckend und nimmt Zuschau­er*innen mit auf die Reise. Das Abschlussplädoyer spricht Belén – überwältigt von der unerwartet massiven sozialen Unterstützung. In ihren Augen spiegeln sich die Menschen, die für sie einstehen.

Fonzi gelingt das Zusammenspiel von Gerichtsverfahren und der Kraft der feministischen Bewegung auf den Straßen meisterhaft. Sie zeigt einen Aktivismus, der das kollektive Bewusstsein der letzten Jahre in Argentinien geprägt hat. Sie hat es geschafft, durch die Darstellung dieser etwas surreal wirkenden Geschichte auf ein universelles Problem aufmerksam zu machen und die Widersprüche des Systems zu entlarven. Nicht umsonst ist Belén nominiert, um Argentinien bei der Oscarverleihung zu vertreten. Die Stärke des Films liegt in seiner Wahrheit, seiner Ehrlichkeit, seiner Hoffnung: „El canto colectivo nunca desafina”: Der kollektive Gesang ist die wahre, unge­brochene Stimme.


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