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Der Mord ist nebensächlich

Víctor Silanpa ist ein nahbarer Typ. Er ist intelligent, sensibel, melancholisch. Er ist unpünktlich und verliert deswegen seine Freundin Mónica, die sich vernachlässigt fühlt, an einen anderen. Als er sich mit einer reizenden Siebzehnjährigen trösten will, erwartet diese plötzlich mehr Schutz und Beständigkeit von ihm, als ihm lieb ist. Er besitzt eine Schneiderpuppe, mit der er sich unterhalten kann, wenn er allein ist. In ihre Jackentasche hat er Zettel mit Zitaten gestopft, um sie gelegentlich hervorzuholen. Dort heißt es zum Beispiel: „Reize mich nicht, wenn du nicht willst, dass ich dich mit meinen Hörnern aufspieße.“ Das hatte Mónica einmal zu ihm gesagt. Schüchtern ist er, und dass er zu viel Rum trinkt und auch noch von Hämorrhoiden geplagt wird, macht ihn nicht energischer.
Aber Víctor Silanpa ist klug. Er ist Journalist in Bogotá und übernimmt es, Verbrechen zu recherchieren. Seine Verbindungen zur Polizei sind so gut, dass er einen unechten Dienstausweis bekommen hat und sich wahlweise als Reporter oder Kripo-Agent ausgeben kann, ja die Polizei beauftragt ihn sogar mit Nachforschungen.
Santiago Gamboas Buch Verlieren ist eine Frage der Methode beginnt wie ein regelrechter Krimi. Von dem Mord erfahren wir auf der ersten Seite (ein Mann ist mit zwei Pfählen durchbohrt worden), Víctor Silanpa macht sich an die Arbeit, er findet Spuren und kommt am Schluss zu einer Lösung, die den Mord einigermaßen klärt. Es geht um eine Grundstücksangelegenheit, in die Bauunternehmer und Politiker gleichermaßen verstrickt sind, zu der aber auch ein anrüchiger Nudistenclub gehört. Mit dem eigentlichen Kriminalroman hat es sich damit aber auch schon. Dass der Fall nach und nach aufgedeckt wird, ist nicht betont spannend geschrieben, im Grunde weiß man nach wenigen Seiten, was vorgefallen ist, und die bis kurz vor Schluss ungeklärten Details interessieren nicht sonderlich. Es geht also um etwas anderes.
Gamboa webt ein Geflecht von Menschengeschichten, die von Anfang an viel packender sind als der Mordfall. Über jede einzelne Geschichte wäre lange zu erzählen: Der Autor versteht es, die Figuren zum Leben zu erwecken, sie aus den genreüblichen Freund-Feind-Identifikationen herauszuhalten und dem Leser das Einfühlen leicht zu machen, ohne dass das aufdringlich werden würde. So gesellt sich zu Silanpa der Verwaltungsangestellte Emir Estupiñán, der seit Monaten seinen Bruder vermisst und hofft, endlich Gewissheit über dessen Verbleib zu bekommen. Dieser Bruder taucht erst viel später noch einmal auf, bis dahin jedoch sind wir Estupiñán und Silanpa auf zahlreichen Tages- und Nachtreisen durch Bogotá und Umgebung gefolgt und haben miterlebt, wie sich eine herbe, scheue Männerfreundschaft entwickelt. Nicht ganz so freundlich, aber nicht minder interessant geht es zwischen den Männern auf der Täterseite zu: Ein korrupter Senator, ein Baulöwe und ein Anwalt kungeln miteinander aus, wer wem was schuldet, sie setzen sich gegenseitig unter Druck, posieren wie die Gockel und reiten sich schließlich so in ihre mörderischen Machtspiele hinein, dass es für Silanpa ein Leichtes ist, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Überhaupt, die Wahrheit. Dass bei Gamboa derjenige, der den Mord aufklärt, Journalist ist und nicht Kriminalkommissar oder wenigstens Privatdetektiv, hat eine bedeutsame Konsequenz: Víctor Silanpas Ergebnisse führen zu nichts. Die Täter bleiben unbehelligt, und die Polizei setzt sich arrogant über alle Indizien und Beweise hinweg, die Silanpa zusammengebracht hat. Strafverfolgung orientiert sich nicht am geltenden Gesetz, sondern an persönlich-politischen Beziehungen.
Die Rechtswirklichkeit nicht nur Kolumbiens hat Santiago Gamboa hier leicht wiedererkennbar in Szene gesetzt. Diese Konstellation erinnert auch an die großen spanischen Kriminalromane der Siebzigerjahre, an Eduardo Mendoza und Manuel Vázquez Montalbán. Auch bei ihnen stand die Aufklärung der Fälle in einem scharfen Kontrast zur fehlenden Strafverfolgung – bezeichnend für eine Übergangsgesellschaft, die die Taten und Untaten des soeben zurückgetretenen Franquismus so gerne vergessen wollte.
Stellt man Gamboas Roman der kolumbianischen Bürgerkriegs- und Kriminalitätsgegenwart gegenüber, dann bringt er in diesem Punkt wenig Neues. Dass der Justizapparat in Kolumbien ebenso wenig vernünftig und gerecht arbeitet wie die Polizei, das wussten wir schon. Bemerkenswert ist allerdings die Zuversichtlichkeit, mit der der Autor das Auffinden der Wahrheit vor sich gehen lässt. Angesichts des hochkomplizierten Gewirrs von Interessen und Beschuldigungen, das die derzeit akuten Konflikte zwischen Militär, Paramilitärs und Guerillas, zwischen Staat und Drogenmafia, zwischen Polizei und Verbrechen in Kolumbien prägt, erscheint es etwas blauäugig, dass bei Gamboa ein Journalist einen solchen Fall befriedigend aufklärt. Die Annahme, dass feststellbar ist, was wirklich passiert, ist gewagt. Sie bedeutet, darauf zu vertrauen, dass wenigstens eine der beteiligten Gruppen ihre Aussagen nicht manipuliert, nicht einmal aus taktischen Gründen und bitterer Notwendigkeit.

Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit

Nun muss der Roman nicht unbedingt als Antwort auf alle fundamentalen Fragen des heutigen Kolumbien gelesen werden, und der Krimi-Handlung sei die schließliche Auflösung auch gegönnt. Hinter dem Anspruch, einen Roman über heute drängende Fragen zu schreiben – dieser Anspruch dringt in zahlreichen Passagen durch und wird auch vielfach überzeugend eingelöst –, bleibt Gamboa mit dieser recht einfachen Wendung allerdings zurück.
Sein eigentliches Können zeigt Santiago Gamboa im Detail. Er schreibt treffsichere Dialoge (die nebenbei bemerkt auch flüssig übersetzt sind), verwendet knappe und präzise szenische Beschreibungen und kriegt am Ende der immer nur wenige Seiten langen Abschnitte stets geschickt die Kurve. Die Larmoyanz des übergewichtigen Polizeihauptmanns Moya, der vor einer Abnehm-Selbsthilfegruppe mit Namen „Das letzte Abendmahl“ seine Lebensgeschichte ausbreitet; die Besuche Silanpas bei einem alten Redaktionskollegen, der wegen seines journalistischen Genies in der Klapsmühle gelandet ist; diese und andere Geschichten machen das Buch zu einem tiefgründigen Lesevergnügen. Abgerundet wird dies durch ein schön gemachtes Buch; nur ein paar Wermutstropfen sind darin in Form von störenden Trennungs- und Satzzeichenfehlern, die so ins Auge fallen, dass der Schlusskorrektor besoffen gewesen sein muss, als er sie übersehen hat. Macht nichts: Von Gamboa hätten wir gerne mehr.

Santiago Gamboa: Verlieren ist eine Frage der Methode. Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2000, 325 S., 36,- DM.

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