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Der Mythos Fujimori

Fünf Jahre nach seiner Flucht ist Alberto Fujimori in Peru noch immer ein Mythos. Zu seiner politischen Hinterlassenschaft zählen drei Parteien, die sich angesichts der nahenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen kürzlich unter dem Namen „Sí cumple“ vereint haben. Das heißt so viel wie „Ja, er hält Versprechen“. Mit diesem Satz warben Fujimoris Anhänger in früheren Wahlkämpfen für ihr Idol. Die neue Partei darf laut Umfragen mit zehn Prozent der Stimmen rechnen. Mehr noch: Könnte Fujimori selbst kandidieren, würde sich der WählerInnenzuspruch den Prognosen zufolge mindestens verdoppeln. Deswegen wollte der Ex-Präsident vermutlich vom nahen Chile aus selbst den Wahlkampf leiten.
Sí cumple! Im Gegensatz zu anderen Präsidenten soll Fujimori seine Versprechen immer gehalten haben. Das ist ein Teil des Mythos. Seine Anhänger verehren ihn als einen brillanten, genialen, ja fast unfehlbaren Politiker und sehen in ihm den besten Präsidenten der peruanischen Geschichte. Für sie befreite er das Land vom Terrorismus des Sendero Luminoso und sanierte die von einer Rekordinflation zerrüttete Wirtschaft. Zum Mythos Fujimoris gehört auch seine vermeintliche Unbestechlichkeit. Deshalb bejubelte ein Großteil der Bevölkerung seinen Staatsstreich im Jahre 1992, als er das Parlament auflöste und die zum Teil als korrupt geltenden Abgeordneten davonjagte. Seinen massiven und offensichtlichen Wahlbetrug im Jahr 2000 hielten Fujimoris Anhänger für ein Kavaliersdelikt. Schließlich war zu verhindern, dass wieder Politiker an die Macht kamen, die sich nur die Taschen füllen wollten.
Erstmals merklich angekratzt wurde der Mythos Fujimori, als im Jahre 2000 ans Licht kam, dass sein Regime in Wirklichkeit zehn Jahre lang das Land ausgeplündert hatte: Öffentliche Unternehmen waren für eine Hand voll Dollar über den Tisch gegangen; Minister, Wirtschaftsbosse und ranghohe Offiziere wurden als Drahtzieher schmutziger Geschäfte bis hin zum Waffen- und Drogenhandel enttarnt. Der damalige Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos, die rechte Hand Fujimoris, hatte auf Videos festgehalten, wie er selbst Abgeordnete, Medienunternehmer, Richter und Staatsanwälte bestach. Als Montesinos unter Druck geriet und die Flucht ergriff, überwachte Fujimori persönlich in der Manier eines Fahndungsleiters eine Polizeirazzia in diversen Villen seines verschwundenen Partners. Schon bald wurde offensichtlich: Er suchte nach Videos, die ihn selbst belastet hätten.
Der Mythos Fujimori drohte endgültig zu zerbrechen, als der Präsident Ende 2000 vorgab, zu einer Konferenz nach Brunei zu reisen, aber in Wirklichkeit nach Japan flüchtete und von dort per Fax seinen Rücktritt erklärte. Aber kaum zu glauben – der Mythos überlebte. Der Verbrecher und Verräter, so ließen Fujimoris Anhänger fortan verlauten, sei Montesinos gewesen. Montesinos habe hinter Fujimoris Rücken gemordet, gestohlen, betrogen und bestochen. Der Präsident habe von all dem nichts gewusst. Mit anderen Worten: Fujimori erfuhr nie, wer die Hintermänner des Massakers an 14 mutmaßlichen Anhängern des Sendero Luminoso in Limas Stadtteil Barrios Altos im Jahre 1991 waren, bei dem sogar der Geländewagen seines Bruders Santiago benutzt wurde. Fujimori trage auch keine Verantwortung für die unzähligen Massaker, Morde und Vergewaltigungen der Armee aus der Endphase des Bürgerkriegs, die im Bericht der peruanischen Wahrheitskommission dokumentiert sind. Und als Fujimori 1997 in der Residenz des japanischen Botschafters vor laufenden Kameras triumphierend über die Leichen der soeben erschossenen MRTA-Rebellen stieg, die das Gebäude bis dahin besetzt gehalten hatten? Da konnte er selbstverständlich nicht ahnen, dass einige Rebellen sich zuvor ergeben hatten und hingerichtet worden waren.
Fujimori bemerkte demnach auch nicht, dass sein Partner Montesinos das Parlament, die wichtigsten Fernsehkanäle, die Regenbogenpresse und die Justiz durch Bestechung auf Linie gebracht hatte. Er muss sich wohl gewundert haben, warum er mit den Stimmen von Oppositionsabgeordneten im Parlament immer wieder eine Mehrheit zusammenbekam. Er wird zufrieden darüber gestaunt haben, dass die wichtigsten Medien ihm mit Hofberichterstattung den Weg zum dritten Wahlsieg freimachten und die Justiz immer wieder Oppositionelle als Verbrecher enttarnte und sie dazu zwang, ins Ausland zu fliehen oder ins Gefängnis zu verschwinden. Und als Fujimori erfuhr, wie sehr die Generäle seiner Streitkräfte unter Führung von Montesinos in Drogen- und Waffengeschäfte verwickelt waren, wie seine eigenen Minister sich die Taschen gefüllt hatten, da wird er enttäuscht aus allen Wolken gefallen sein.
Der Mythos Fujimori ist im Grunde schwer zu erklären. Zu glauben, Fujimori habe nichts gewusst, hieße zwangsläufig, in ihm den dümmsten Präsidenten der peruanischen Geschichte zu sehen. Wer Fujimori erlebt hat und weiß, dass er ein Mann ohne jedes Charisma ist, wer einmal von seinen in fehlerhaftem Spanisch gesprochenen Reden eingeschläfert wurde, mag das für möglich halten. Doch wenn schon Montesinos in seinem verbrecherischen Schaffen als genial und hochintelligent galt, dann ist es Fujimori erst recht, weil er es bei aller Beweislast sogar schaffte, seinen Mythos aufrecht zu erhalten. In dem Punkt ist seinen Anhängern zuzustimmen. Aber Fujimori ist bei den Menschen nicht nur beliebt gewesen, weil die Medien ihn hofierten. Er kam mit seiner einfachen Sprache und seinen Sozialprogrammen, die er mit den Privatisierungsgeldern vor allem kurz vor den Wahlen auflegte, besonders bei der armen Bevölkerung gut an.
Die Hoffnung bleibt, dass Fujimoris Mythos durch seine Festnahme in Chile endgültig zerstört wird. Noch ist nicht klar, ob er ausgeliefert wird. Und es ist keinesfalls sicher, ob die peruanische Justiz, die vor fünf Jahren noch auf sein Wort hörte, ihm tatsächlich seinen verdienten Platz im Gefängnis zuweisen würde. Eines steht jedoch unumstößlich fest: Fujimori wird als einer der korruptesten und skrupellosesten Präsidenten in die peruanische Geschichte eingehen.

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