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„Der Narcostaat ist in Mexiko Realität.“

Sie mussten Mitte der 1990er Jahre nach einer Morddrohung gegen Sie und ihre Familie Mexiko fluchtartig in Richtung USA verlassen. Haben Sie seither Ruhe vor den Narcos?

Vor ein paar Monaten bin ich in eine andere Stadt gezogen. Aber die letzten zehn Jahre habe ich in Harlingen, Texas, gelebt. Ein paar Monate nach meiner Ankunft dort stellte ich fest, dass in einem benachbarten Nobelviertel ein Typ lebt, der immer von Leibwächtern begleitet war, wenn auch auf sehr diskrete Weise. Bei meinen Nachforschungen stellte ich fest, dass es sich um einen alten Bekannten handelte, einen der wichtigsten Köpfe des mexikanischen Drogenkartells „Cartel del Golfo“.

Und wie reagierten die „alten Bekannten“ auf ihren neuen, unliebsamen Nachbarn?

In Harlingen wurden zwei Mordanschläge auf mich verübt. Einer der Anschläge ist vom FBI dokumentiert, da in diesem Zusammenhang einer der bekanntesten Auftragsmörder des Cartel del Golfo inhaftiert wurde. Aus bürokratischen Gründen kam dieser aber auf Kaution wieder frei. Der zweite Anschlag auf mein Leben wurde nur durch einen Zufall verhindert. Einige schwer bewaffnete Kopfgeldjäger wurden gegenüber meines Hauses festgenommen, weil sie auf unachtsame Weise mit ihren Sturmgewehren herumhantierten.

Macht sich die Präsenz der Narcos in Texas auch sonst im täglichen Leben bemerkbar?

Die Kartelle sind überall. In Harlingen wohnte bis zu seiner Festnahme vor ein paar Monaten auch ein bekanntes Mitglied der Familie Arellano Félix [Kartell von Tijuana; Anm. d. Red.]. Aber insgesamt leben gerade in Harlingen noch immer ziemlich viele Schwergewichte der Narcos. Die Gewalt, die von den Drogenkartellen ausgeht, ist spürbar. Ob zugedröhnt im Alltag oder bei spektakulären Arbeitseinsätzen, teils als Polizisten verkleidet. Was hier abläuft, ist einfach haarsträubend.

Und wie schützt man sich vor solchen Mitmenschen?

Es fiel mir nicht leicht, mich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, aber das war absolut unumgänglich. Das war wie ein Gefängnis, das ich nur verließ, um meine kleine Tochter zur Schule zu bringen oder verkleidet im Supermarkt einzukaufen. Manchmal hatte ich auch „Freigang“ in einer nah gelegenen Bar, eskortiert von Dutzenden Freunden. Darüber hinaus versuche ich bis heute, immer auf dem neuesten Stand zu sein, untersuche seltsame Geschehnisse im Umkreis. Manchmal sind es Banalitäten, mit denen sich größere Ereignisse ankündigen.

Sie leben heute in dem Land, wo der Konsum an Kokain und Amphetaminen weltweit am höchsten ist und erleben einen Teil der „Antidrogenpolitik“ der USA ja hier aus nächster Nähe mit. Wie bewerten Sie diese Strategie?

Der so genannte „Krieg gegen die Drogen“ der US-Regierung ist bis heute ein nützlicher Vorwand, um weltweit Politik zu machen. Aber auch innerhalb des Landes führt die Antidrogenpolitik ständig zu Konflikten im Gesundheitswesen, begünstigt die Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und institutionelle Korruption. Ich finde, wenn man Alkohol, Tabak und medizinische Designerdrogen wie Retalin und Prozac – um nur zwei zu nennen – legalisiert, dann sollte sich die Regierung gegenüber anderen Drogen ähnlich verhalten.

Wie aber könnte eine solche Legalisierung konkret aussehen?

Der Regierung der USA unterstehen Institutionen, die eine unheimliche Expertise bei der Herstellung von Drogen haben. Das zeigt zum Beispiel schon der Beschluss des US-Kongresses zur kontrollierten Nutzung von Opiaten aus den 40er Jahren. Seither hat man die Methoden zu Herstellung von Opium und Morphium weiterentwickelt. Man weiß genau, wie man gewisse Substanzen lagert und vertreibt. Wenn der Konsum in den USA nicht länger unter Strafe gestellt wird, dann würden die aus illegalisiertem Angebot und Nachfrage stammenden enormen Gewinne drastisch schwinden. Die korrupte Macht der multinationalen kriminellen Unternehmen würde stark geschwächt.

Welche Veränderungen gibt es beim Vertrieb „illegaler Drogen“?

Die alten Kartellstrukturen, früher von einer Handvoll Männern geleitet, haben sich zu internationalen kriminellen Unternehmen entwickelt. Dort trifft man auf hochmoderne Verwaltungssysteme. Außerdem sind die kriminellen Gewinne längst zu einer einflussreichen Finanzgröße innerhalb des US-amerikanischen Wirtschaftskreislaufs geworden. Gibt es denn ein besseres Mittel Geld zu waschen als Schatzanleihen der USA zu kaufen?

Der letztes Jahr „gewählte“ mexikanische Präsident Felipe Calderón initiiert ja seit Monaten eine militärische, polizeiliche und rechtliche Großoffensive gegen die narkotischen Handelsorganisationen. Wie beurteilen Sie dieses staatliche Vorgehen?

Seit der Präsidentschaft von José López Portillo [1976-1982, Anm. d. Red.] ist der mexikanische „Narcostaat“ eine Realität. Politiker, Polizisten und Vertreter der Rechtsprechung sind realer Bestandteil der sich entwickelnden kriminellen Multis. Verschlimmernd kommt hinzu, dass der massive Konsum von Drogen minderer Qualität in Mexiko fortschreitet, ohne dass der Staat reagiert. Die großen kriminellen Unternehmen agieren heute außerhalb staatlicher Kontrolle. Noch bis Anfang der 1990er Jahre kooperierten die gomeros eng mit dem mexikanischen Staat, unter strikten Regeln, vor allem wenn es um die Produktion für den US-Export ging. Diese goldenen Jahre sind vorbei, aus dem einfachen Grund, dass der Polizei die „Lizenz zum Töten“ entzogen wurde, mit der bis dahin auf blutige Weise Dissidenten ausgeschaltet wurden. Heute lebt ein Polizist gefährlicher als ein Narco.
Der mexikanische Präsident Calderón will künftig noch enger als bisher mit der US-Regierung bei der Antidrogenpolitik kooperieren. Das hört man in Mexiko nicht zum ersten Mal von einem Staatsoberhaupt…
Solange es in den USA eine große Nachfrage gibt, wird Mexiko im Geschäft sein. Aber der mexikanische Staat antwortet auf diese Realität fast ausschließlich mit juristischen und polizeilichen Mitteln. Dabei wären viel weitreichendere Reaktionen nötig, angefangen bei der Gesundheitspolitik, über Mechanismen der Strafverfolgung, bis hin zur alltäglichen Arbeitsweise des Geheimdienstes. In Mexiko sagt man, wer nicht die ganze Scheiße ans Licht bringt, sei dazu verurteilt, sie runterzuschlucken. Und der mexikanische Staat hat Jahrzehnte lang seine eigenen Ausscheidungen geschluckt. Für grundlegende Veränderungen bedarf es mehr Transparenz und einer institutionellen und öffentlichen Abrechnung.

Die jetzige militärische Repression gegen den organisierten Drogenhandel ist also völlig fehlgeleitet?

Es wird ausschließlich punktuell gegen einzelne Zellen des Drogenhandels vorgegangen. Aber wenn schon Repression, dann müsste diese die ökonomischen Strukturen der internationalen Drogenunternehmen treffen. Einzelne capos festzunehmen, reicht nicht aus, man müsste an das Kapital der kriminellen Unternehmen herankommen, an ihre Helfer und politischen Protektoren. Die mächtigsten und verzweigtesten Unternehmen sollten vorrangige Ziele sein.

Das hört sich eher nach noch mehr gewaltsamen staatlichen Einsätzen an als bisher. Nicht wenige Kritiker aus Mexiko beklagen aber schon jetzt eine weitere Militarisierung des Landes, da immer mehr Armeeeinheiten im „Kampf gegen die Drogen“ eingesetzt werden.

Das sind Entscheidungen, die eine Regierung nicht unabhängig von der Gesellschaft treffen kann. Sie sollten so öffentlich wie möglich getroffen werden. Das beinhaltet mehr politische Vorstellungskraft als bisher und eine energische Reaktion der Gesellschaft selbst. Soziale Ächtung ist vielleicht noch wichtiger als die eigentliche Strafverfolgung. Aber ich glaube, dass auch eine geheimdienstliche Aufarbeitung der vielfältigen Tätigkeitsfelder und Korruptionspraktiken der kriminellen Unternehmen unumgänglich ist.

Eine nachhaltige gesellschaftliche Antwort auf den Drogenhandel zu finden, bedarf also auch eines staatlichen Protagonismus?

Ja, vor allem was die dem Drogenhandel verbundenen Geschäfte wie Waffenschmuggel und Geldwäsche angeht. Aber es muss auch endlich ein bisheriges Tabuthema angegangen werden, die Legalisierung von Drogen, vor allem in den USA und anderer unmittelbar am Drogenhandel beteiligter Länder. Das wäre zumindest ein Anfang, um kriminellem Drogenhandel und organisiertem Verbrechen etwas entgegenzusetzen.

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