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Der Tod des Comandante

Der spanische Priester, der die ELN seit 1982 geleitet hatte, war am 14. Februar, 60jährig, an Hepatitis gestorben: militärisch ungeschlagen und doch ein Opfer des strapazenreichen Lebens im Untergrund. General Fernando Tapias, der die Meldung bestätigte, gab zu, es wäre ihm lieber gewesen, den Guerillachef zu fangen, doch entscheidend sei, daß der „Oberterrorist“ keine Sabotageakte mehr leiten könne. Erstaunlich moderat fiel dagegen das offizielle Regierungskommuniqué aus, in dem der Friedenswille des Kommandanten gewürdigt wird: „Sein letzter Wille liegt im Vorabkommen von Viana, das unter seiner Anleitung unterschrieben wurde.“

Ein Priester in der Guerilla

Eigentlich wollte er in der Heimat sterben, im Dorf Alfamén der spanischen Provinz Zaragoza. Seine Verwandten, die heute noch dort leben, hat er nicht mehr gesehen, seit er sich vor 30 Jahren der Guerilla anschloß. Manuel Pérez Martínez war damals ein junger Priester, der, vom Fieber der Befreiungstheologie angesteckt, zwei Jahre durch Lateinamerika vagabundiert war. Aus der Dominikanischen Republik hatte man ihn ausgewiesen und auch in der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena, wo er mit zwei Kollegen in den Armenvierteln arbeitete, durfte er nicht lange bleiben. Nach Spanien deportiert, kehrte er kurz darauf heimlich nach Kolumbien zurück, um sich dem Volksbefreiungsheer (ELN) als Kämpfer anzubieten. Das war damals für engagierte Geistliche nichts Ungewöhnliches: schon der legendäre Camilo Torres hatte 1966 in der an der kubanischen Revolution orientierten Guerillagruppe den Tod gefunden.
Aber auch bei der Guerilla eckte der hitzköpfige Aragonier an. Nach einem Disput mit Comandante Ricardo Lara Parada wurde er nach wenigen Wochen aus dem ELN ausgestoßen und durfte erst 1970, als sich eine andere Fraktion innerhalb der Organisation durchsetzte, wieder zurückkehren. Camilo Torres war es gelungen, in den Flügelkämpfen innerhalb der Organisation zu vermitteln. Aber nach seinem Tod entbrannten wieder heftige Dispute zwischen der aus Studenten und Arbeitern zusammengesetzten urbanen Fraktion und dem Campesino-Flügel. Die inneren Konflikte erlaubten es der Armee, die ELN-Guerilla 1972/73 fast völlig aufzureiben. Der Oberkommandierende Fabio Vásquez verschwand auf Nimmerwiedersehen nach Kuba, seine beiden Brüder und zwei Priester fielen im Kampf.
Es schlug die Stunde des Manuel Pérez, alias Poliarco, dem es gelang, die revolutionäre Organisation wieder auf die Beine zu bringen. 1982 übernahm er formal den Vorsitz der politischen Kommission, ließ es sich aber auch nicht nehmen, immer wieder bei militärischen Aktionen mitzumischen. Unter seiner Führung wurde verstärkt die wirtschaftliche Infrastruktur Kolumbiens attackiert. Die Armee macht Manuel Pérez für mehr als 500 Anschläge auf Ölpipelines verantwortlich: “Sabotage der Infrastruktur für die Auslieferung der Naturschätze an die Multis”, wie der Guerillachef die Aktionen rechtfertigte.
Die Stärke des ELN, so wissen Insider, besteht in seiner horizontalen Organisation. Die wichtigen Entscheidungen werden immer mit den etwa 5.000 Mann und Frau starken Truppen diskutiert. Von der größten Guerilla Kolumbiens, den militärisch vertikal organisierten kommunistischen FARC, unterscheidet es sich auch durch die größeren Skrupel gegenüber Geschäften mit den Drogenhändlern.

Die Guerillakoordination Simon Bolívar

Dennoch suchte Manuel Pérez die Friedenspolitik mit den Rivalen abzustimmen. Er ist der geistige Vater der „Guerillakoordination Simon Bolívar“, die in drei gescheiterten Verhandlungsrunden der Regierung gegenübertrat.
Das vor wenigen Wochen in Madrid unterzeichnete Abkommen, das neuen Verhandlungen den Weg bereiten soll, war ein Alleingang des ELN. Manuel Pérez, bereits todkrank, konnte es noch absegnen.
Daß dieses unter Vermittlung der spanischen Regierung geschlossene Abkommen wirklich noch unter dieser Regierung zu ernsthaften Friedensverhandlungen führt, ist eher zweifelhaft. Der neue Oberkommandierende der ELN, Nicolás Rodríguez Bautista, alias Gabino, hat angedeutet, die Übereinkunft sei wegen einiger Vorbehalte eingefroren. Gabino, der beim ELN aufgewachsen ist und als engster Vertrauter des Verblichenen galt, dürfte zwar keine grundsätzlich andere Politik vertreten, doch er ist eine Generation jünger und hat es nicht so eilig, zu Lebzeiten noch große Taten zu setzen.
Eilig hat es nur Präsident Ernesto Samper, dem wenig mehr als zwei Amtsmonate verbleiben und der in dieser knappen Zeit noch etwas leisten will, das den Skandal um die Spende des Drogenkartells von Cali für seinen Wahlkampf in den Hintergrund treten läßt.

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