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Der transatlantische Tauschmarkt der Gefühle und Notwendigkeiten

Einen fulminanteren Empfang würden die DörflerInnen wohl nicht einmal Madonna oder Julio Iglesias bereiten: Schon bevor der Überlandbus mit den Ehrengästen an Kuhherden und brüchigen Mäuerchen vorbei in die Zielgerade rumpelt, hat sich auf der Plaza die Blaskapelle in Stellung gebracht. Kinder und alte Señoras treten ungeduldig von einem Bein aufs andere, während dutzende Landmänner – vom Mittvierziger bis zum Greis – mit zarten Rosen in schwieligen Fäusten ein Spalier bilden. Sogar der Dorfpolizist ist aphrodisiert: „Ich bin auch Junggeselle“, juchzt er den Ankommenden entgegen. Und da sind sie, die Frauen! Von Applaus begleitet, schreitet eine nach der anderen die Busstufen hinab. Eine Pummelige mittleren Alters, eine Blondierte mit feinen Gesichtszügen und dezentem Auftreten. Und dann kommen sie, die Mulattinnen aus der Dominikanischen Republik. Mit provozierender Selbstsicherheit stöckeln sie über die staubigen Dorfstraßen. Allerorten begleitet sie ein Raunen und Tuscheln. Wem wird es gelingen, heute bei der „Gran Fiesta de Solteros“, dem Tanzvergnügen für Alleinstehende, eine gute Partie zu machen? Carmelo, einer der Dorfhengste, gibt sich abgeklärt und rät seinen Kumpels, sich an die Latinas zu halten: „An die Schwarzen kommt man leichter ‘ran.“ Zwar trieft auch Carmelo beim Anblick der Frauen der Speichel fast aus dem Mund. Doch gibt er sich weltmännisch saturiert: „Ich habe ja für den Notfall meine Kubanerin. Im August reise ich nach Havanna und hole sie.“
In Flores de otro mundo (Blumen aus einer anderen Welt) katapultiert uns die spanische Regisseurin Iciar Bollain auf einen dörflichen Heiratsmarkt, der unversehens auch zu einer transatlantischen Tauschbörse der Sehnsüchte und Notwendigkeiten wird. Schauplatz ist eines der Dörfer Kastiliens, die seit Jahr und Tag ausbluten, weil die jungen Leute, insbesondere die Frauen, das Weite suchen. Jetzt halten die Bauern Ausschau nach jemandem, mit dem sie Tisch, Bett und Feldarbeit teilen können. Und die größtenteils ausländischen Frauen lassen sich von der Aussicht auf wirtschaftliche Sicherheit anlocken. So zum Beispiel Patricia aus der Dominikanischen Republik: In Madrid leben sie und ihre beiden Kinder von der Hand in den Mund, noch dazu mit der ständigen Angst im Nacken, abgeschoben zu werden. Was Patricias Chancen angeht, als Mutter von zwei dunkelhäutigen Kindern einen Mann zu bekommen, gehen die Meinungen der Frauen im Bus auseinander: „Wer will schon zwei negritos?“
Ausgerechnet Patricia ist allerdings eine der wenigen, die bei der „Gran Fiesta de Solteros“ einen Treffer landet: Nachdem sie einen Typen abgeschüttelt hat, der ihr beim Tanzen an die Wäsche wollte, flüchtet sie an die Theke und raunzt den Nächstbesten an: „Willst du mir auch an den Hintern fassen?“ Der schüchterne und unscheinbare Damián zuckt zusammen, als er das hört. Aber schon kurz darauf entspinnt sich ein – wenn auch von seiner Seite etwas zäher – Dialog. Wenige Stunden später sind Patricia und Damián sich schon handelseinig: So bald wie möglich wird geheiratet. Im Gegensatz zu dieser recht spröden Geschichte scheint es bei Alfonso und Marirrosi, einer spanischen Krankenschwester aus Bilbao, sogar gefunkt zu haben. Auf den ersten Blick scheinen die beiden nicht solche Welten zu trennen wie das andere Paar. Alfonso, einer der weltoffeneren Leute aus dem Dorf, züchtet in seinem Gewächshaus Orchideen aus Afrika. „Glaubst du, die gedeihen hier?“ fragt Marirrosi skeptisch.
Flores de otro mundo ist die tragikomische Geschichte fortwährender Kulturschocks: zwischen Spanien und Lateinamerika, zwischen Dorf und Großstadt, zwischen machistischem Besitzdenken und weiblichem Aufbegehren.
Besonders deutlich wird dies an der Geschichte von Carmelo und seiner Geliebten Milady, die er aus Havanna „mitbringt“. Als sie das erste Mal seinem Wagen entsteigt, den gertenschlanken Körper in Leggings mit Stars&Stripes-Muster, das dunkelbraune Gesicht von einer Sonnenbrille abgeschirmt, wirkt sie weniger wie eine zarte Blüte als wie eine Pflanze aus dem Asphaltdschungel, die mit allen Wassern gewaschen ist. Milady ist das pure Gegenteil des Stereotyps von der armen Frau aus der Dritten Welt, die sich aus existentieller Not heraus jedem beliebigen Kerl an den Hals wirft. Im Gegenteil: Sie hat eine ziemliche Souveränität dabei entwickelt, Männer wie Carmelo um den Finger zu wickeln und dabei cool zu bleiben. Gnadenlos treffend ist die Szene, wo Carmelo ihr im Schnelldurchlauf seine Neureichen-Wohnung vorführt, bevor er „zur Sache“ kommen will. „Du verlierst keine Zeit“, meint Milady, und es klingt verächtlich. Entsprechend geschäftsmäßig beseitigt sie dann auch Carmelos Triebstau. Auch Spanien ist für Milady nicht per se das Gelobte Land: „Ich will mich hier erst mal umschauen“, meint sie selbstbewusst.
Patricia bemüht sich dagegen ziemlich ernsthaft, sich in das Dorfleben einzufügen. Als Milady sie das erste Mal sieht, steht sie mitten auf einer winterlichen Weide und versucht, den Körper vom Scheitel bis zur Sohle in derbe Wollsachen gehüllt, eine Kuh in den Stall zu bugsieren. Auch im Haushalt ist Patricia ständigem Anpassungsdruck ausgesetzt: Denn hier herrscht Damiáns Mutter. „Bei uns isst man Bohnen mit Reis“ gehört noch zu den harmloseren Kommentaren der Alten, die jede Bewegung Patricias und ihrer Kinder mit dünnlippigem Argwohn verfolgt. Als dann eines Tages Patricia Besuch von ihren Freundinnen aus Madrid hat, die beim Kochen das Haus mit karibischem Techno-Salsa beschallen, scheint die Eskalation unausweichlich zu sein …
Selten hat ein Film auf eine so unterhaltsame und gleichzeitig subtile Weise die Konflikte, aber auch die Entfaltungspotenziale auf die Leinwand gebracht, die sich aus der Einwanderung von LateinamerikanerInnen ins spanische „Mutterland“ ergeben. Ein Thema, das derzeit aktueller ist denn je. Da gibt es zum einen die Diskussionen um das neue AusländerInnengesetz und den Status der sin papeles. Zum anderen sind momentan einige der von Landflucht betroffenen Regionen Spaniens dabei, massenhaft EinwandrerInnen aus Lateinamerika anzuwerben, wobei sie allerdings in erster Linie auf direkte Nachkommen von SpanierInnen abzielen. Flores de otro mundo füllt dieses Thema mit Leben. Und dieses ist nun mal – trotz des eindeutigen Machtgefälles zwischen Norden und Süden – auf der individuellen Ebene voller Widersprüche und Ambivalenzen. Flores de otro mundo lässt in vielen Szenen offen, wer hier gerade wen benutzt. Was gemeinsame Perspektiven von so unterschiedlichen Personen wie Patricia und Damián angeht, serviert die Regisseurin keine Antworten auf dem Tablett, sondern stellt Fragen in den Raum. In einer Hinsicht ist der Film allerdings eindeutig: Die Gönnerhaftigkeit so mancher EuropäerInnen, die sich für den Nabel der Welt halten, wird als das vorgeführt, was sie ist: Provinziell, lächerlich – und alles andere als zukunftsweisend.

Iciar Bollain (Regie): Flores de otro mundo. Spanien 1999, Farbe, 106 Minuten.
Der Film startete am 1. Februar 2001 bundesweit im Kino.

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