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Deutscher Blick auf Chile

Er war Grundlage der Arbeit an dieser Zeitschrift: der deutsche Blick auf Chile. Die deutsche Soli-Bewegung informierte und reflektierte die Geschehnisse in dem südamerikanischen Land.
Seit Mitte der sechziger Jahre interessierten sich deutsche PolitologInnen und SoziologInnen für das Land. Die Entwicklung hin zum Wahlsieg der Volksfront (UP) und ihre Regierungszeit waren ein beliebtes Studienobjekt. Der chilenische Weg weckte Hoffnungen auf die Möglichkeit einer demokratisch legitimierten Form des Sozialismus.
Nach dem Putsch fragten sich die Gelehrten, warum das sozialistische Experiment gescheitert war. Während Anfang der 1980er Jahre das Interesse an Chile abflaute, meldeten sich Mitte des Jahrzehnts deutsche WissenschaftlerInnen mit einigen Studien zum diktatorischen Regime zurück. Nach der Rückkehr des Landes zur Demokratie Anfang der 1990er erreichte die deutsche Forschung zu Chile einen Höhepunkt. Die Themen waren jetzt weiter gestreut. Die Forschung untersuchte jetzt auch Umwelt, soziale Bewegungen sowie die Geschlechterbeziehungen.
Peter Birle und Henrique Fernández haben nun eine Sammlung deutscher wissenschaftlicher Aufsätze auf Spanisch zusammengestellt, um sie vor allem einem lateinamerikanischen Publikum zugänglich zu machen. Neun Aufsätze, entstanden zwischen 1970 und 2001, fassen die „Miradas Alemanas“ (Deutsche Sichtweisen), so der Titel des Buches, der letzten 30 Jahre zusammen. Die beiden Herausgeber erheben dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie wählten nur Texte, die schon übersetzt waren und nicht allzu spezifische Themen behandelten.
Wie die Herausgeber im Vorwort bemerken, fällt im Laufe der Jahrzehnte eine „De-Ideologisierung” der deutschen Sichtweise auf. Die glühende Verteidigung des sozialistischen Experiments in Chile entwickelte sich zu einem pragmatischen Blick, der sich auf die Analyse von Fakten konzentrierte.

Analysen der Allendezeit

Der erste Text entstand vor dem Putsch und erklärt die Entstehung der Volksfront aus der Geschichte der chilenischen Arbeiterklasse. Dass Allendes Vorgänger Eduardo Frei, der Land- und soziale Reformen in Gang gebracht hatte, weiter am kapitalistischen Produktionssystem als Grundlage der Gesellschaft festhielt, sieht Autor Klaus Esser als Grund für den Wahlsieg Allendes.
Interessant ist, dass Esser den Widerstand der USA gegen die Enteignungspolitik Allendes als eines der größten Hindernisse für die erfolgreiche Durchführung der Reformen der UP sieht. Auf der anderen Seite hält er die Möglichkeit eines Putsches aber für sehr unwahrscheinlich.
In seinem Beitrag analysiert Volker Lühr das chilenische Kleinbürgertum und seine Rolle in der Allende-Regierung. Es sei ein Fehler des Parteienbündnisses der Volksfront gewesen – dem neben den KommunistInnen und SozialistInnen auch Teile der ChristdemokratInnen und des Kleinbürgertums angehörten, sich auf dessen Stimmen zu verlassen. Sie hatten, so Lühr, kein Interesse, ein gemeinsames Projekt voranzubringen.
Die Bündnispolitik Allendes, wird in mehreren Artikeln für das Scheitern der UP verantwortlich gemacht. Allende versuchte, mehrere heterogene Gruppen unter einer gemeinsamen Zielsetzung zu vereinigen. Während Lühr das Kleinbürgertum für seine unsolidarische Haltung kritisiert, fragt Klaus Meschkat, welche Organisationsformen der ArbeiterInnen unter Allende eigentlich neu entstanden waren. Die ernüchternde Antwort: Die autonome Organisation von ArbeiterInnen in den Fabriken funktionierte schlecht bis gar nicht. Obwohl sie mehr mitbestimmen konnten, hatten sie keinen Einfluss auf die nach wie vor kapitalistischen Strukturen der Vermarktung ihrer Produkte. Meschkat kritisiert die Tatsache, dass das Parteienbündnis nicht die Interessen der ArbeiterInnen repräsentiert.

Militärs führten Chile in den Ruin

Otto Boye und Dieter Nohlen kritisieren im Jahr 1983 aus einer anderen Perspektive: Vorstellungen, wie der Weg zum Sozialismus zu beschreiten sei, habe innerhalb der Volksfront zu einer Spaltung geführt. Diese habe den Streitkräften schließlich erlaubt, als Zünglein an der Waage zwischen zwei radikalen Möglichkeiten zu entscheiden: Faschismus oder gewalttätig durchgesetzter Sozialismus.
Man merkt dieser Argumentation ihren Abstand zur Regierungszeit der UP an. Die kritische Haltung dem Parteienbündnis gegenüber leitet die „De-Ideologisierung“ ein. Aus heutiger Sicht scheint die Argumentation problematisch. Doch die Autoren weisen nachdrücklich darauf hin, dass es ihnen nicht darum geht, den Putsch zu rechtfertigen. Sie wollen vielmehr die Fehler der Allende-Regierung einer genauen Analyse unterziehen.
Der einzige Aufsatz aus den 1970er Jahren, der sich mit der Diktatur befasst, bietet zunächst eine beeindruckende Sammlung an Fakten. Unter dem Titel „Wohin geht Chile?“ zeichnen Dieter Nohlen und Achim Wackendorfer ein Bild des diktatorischen Chile in einer Zeit, als fast ausschließlich Texte über die Regierungszeit Allendes publiziert wurden.
Nach einer nüchternen Aufzählung der Fakten wird die Eingangsfrage sehr klar beantwortet: Chile ist auf dem Weg in den Ruin. Das Militärregime zerstört das Land ökonomisch, politisch und sozial. Zum einen ist zu hoffen, so die Autoren, dass die Kräfte der Diktatur sich irgendwann selbst zerstören, zum anderen sei es Aufgabe der ChilenInnen, „ihre Lektion zu lernen“.
Seltsamerweise trauen sie das den im Land verbliebenen ChilenInnen eher zu als den Exilierten. Hier scheint eine patriotische Kritik gegenüber denjenigen mitzuschwingen, die Chile verlassen haben.

Die BürgerInnen stehen außen vor

Peter Waldmann sieht die Entstehung und Entwicklung deutscher Siedlungen im Süden Chiles mit den Augen des Historikers. Und Dirk Messmer analysiert die Situation der chilenischen Industrie kurz nach der Diktatur unter ökonomischen Gesichtspunkten.
Der „Fall Pinochet“, die Verhaftung des Ex-Diktators in London im Herbst 1998, ist der Ausgangspunkt für die beiden jüngsten Texte, die die Vergangenheitsaufarbeitung behandeln. Bei Detlev Nolte geht es um den Einfluss, den vergangene Ereignisse auf die Gegenwart haben. „Eine Versöhnung ist nicht möglich, so lange ein Teil der Gesellschaft weiterhin kein Interesse an der Aufklärung vergangener Verrechen hat.“
Ingrid Wehr untersucht das Spannungsverhältnis zwischen nationalstaatlicher Souveränität und der Universalität der Menschenrechte, das nach der Festnahme Pinochets auf der politischen Tagesordnung stand. Obwohl das ein anderer Fokus ist als der Noltes, sind sich beide Texte doch ähnlich in ihrer Argumentation.
Einer von beiden hätte gereicht. Stattdessen wäre es interessant gewesen, eines der Themen mit aufzunehmen, die in den Neunzigern in der deutschen Chileforschung auftauchten. Es fehlt ein Aufsatz zum Thema soziale Bewegungen. Fast alle in dem Band versammelten Texte behandeln oder kritisieren staatliches Handeln. Die Zivilgesellschaft bleibt außen vor – und das, obwohl im Vorwort explizit erwähnt wird, dass diese Themen in den 1990ern verstärkt behandelt wurden.
Trotz dieser Lücke ist „Miradas Alemanas” ein hochinteressantes Kompendium und sicher ein großer Gewinn für interessierte LateinamerikanerInnen. Doch auch für Deutsche, die beginnen, sich mit Chile zu beschäftigen, kann es eine sehr gute Einführung sein.

“Miradas Alemanas.” Chile en las sciencias sociales alemanas 1970-2001, P. Birle, E. Fernández (Hrsg.), Ediciones Escaparate, 2003, 285 S.

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