Nummer 619 - Januar 2026 | Venezuela

„Die Angst vor Festnahmen gehört zum Alltag“

Interview mit der venezolanischen Investigativ-Journalistin Ronna Rísquez über die Verfolgung der Opposition

Die Autorin und Journalistin Ronna Rísquez beobachtet seit Jahren, wie sich das autoritäre System in Venezuela zunehmend verhärtet – mit dramatischen Folgen für kritischen Journalismus. Im Interview mit LN erklärt sie, warum die Berichterstattung unter Präsident Nicolás Maduro heute stärker bedroht ist als zu Zeiten von Hugo Chávez, welche Rolle der wachsende Druck der USA spielt und, dass sie trotz alledem Hoffnung auf einen politischen Wandel hat.

Interview: Knut Henkel
Ronna Rísquez (Foto: Knut Henkel)

Frau Rísquez, Sie haben Venezuela verlassen, weil Sie eine Pause brauchten – Journalismus in Venezuela kaum mehr möglich war. Hat die autoritäre Regierung von Präsident Nicolás Maduro die letzten Berichterstatter*innen im Visier?
Venezuela hat seit 25 Jahren ein autoritär agierendes Regime, das sich zwar eines linken Diskurses bedient, aber nicht erst seit Nicolás Maduro immer totalitärer auftritt. Derzeit ist kein Berichterstatter und keine Berichterstatterin mehr sicher. Alle können auf dubiosen, schwarzen Listen landen. Die letzte schockierende Tatsache ist die Festnahme eines befreundeten Journalisten, der eng mit mir zusammen­gearbeitet hat und in Caracas durch spezielle Einsatzkräfte der Polizei in Gewahrsam genommen wurde. Die Angst vor willkürlichen Festnahmen, vor manipulierten Verfahren gehört für viele Kollegen in Venezuela zum Alltag. Für mich persönlich war das der Grund, weshalb ich seit ungefähr 2022 meine Artikel kaum noch unterzeichne und weshalb ich seit rund zehn Monaten nicht mehr in Caracas lebe.

Wann hat aus Ihrer Perspektive dieser Prozess der Kriminalisierung der Medien begonnen?
Schon früh unter Hugo Chávez (Präsident von 1999 bis zu seinem Tod 2013, Anm. d. Red.). Es gab Angriffe gegen die Sprachrohre der Opposition, man versuchte mehr und mehr Kontrolle über die Medien zu erlangen. Die Regierung nutzte damals ihre Ressourcen, um Medien zu kaufen, ihre Macht, um unliebsame Medien zu schließen. Aber das ist nicht zu vergleichen mit dem, was unter Nicolás Maduro passiert. Heute ist der Staat zum Feind der Berichterstatter*innen geworden: er geht gegen uns vor, er schützt die Medien nicht, sondern behandelt sie als ihre Feinde. Wir sind zu militärischen Zielen geworden.

Agiert Maduro anders als es Chávez getan hat?
Ja, er ist auf jeden Fall deutlich aggressiver. Die Zahl der Schließungen von Zeitungen, Sendern, TV-Anstalten ist unter ihm deutlich nach oben gegangen. Die Schließung des TV-Kanals RCTV im Jahr 2007 war ein Wendepunkt – danach wurden weitere 444 Medien geschlossen. Derzeit sind in Venezuela rund zwanzig Berichterstatter*innen inhaftiert – unter meist sehr fadenscheinigen Anklagen. Sie werden festgehalten, ohne dass es Verhandlungen, Beweisaufnahmen, Untersuchungen oder dergleichen gibt. Das ist eine bittere Realität.
Hugo Chávez hat noch auf die Form geachtet. Vor allem, weil er sich auf der weltpolitischen Bühne sah. Er wollte mehr sein als ein venezolanischer Präsident, er predigte den Sozialismus des 21. Jahrhunderts, der in einem Fiasko endete. Chávez hat darauf geachtet nicht als Diktator dazustehen, sein Nachfolger ist da vollkommen anders. Maduro weiß genau, dass er nie ein líder („Anführer“) wie Hugo Chávez sein wird. Für ihn ist die Form nicht so relevant, es zählt der Machterhalt und die Versorgung seines engen Kreises. Er hat Strukturen geschaffen, die außergerichtliche Hinrichtungen rechtfertigen, um die Leute loszuwerden. Das wäre unter Hugo Chávez kaum möglich gewesen.

Für viele ist Chávez der Inbegriff eines linken, charismatischen Caudillo, für Sie auch?
Oh nein, er war nie ein Gabriel Borić, er war nie vergleichbar mit dem linken chilenischen Politiker, denn er kam aus dem Militär, ist in der Befehlskette groß geworden. Ihm ging es wie vielen anderen, an der Spitze Nicolás Maduro, um Machterhalt und er hat Venezuela militarisiert. Viele der Schlüsselpositionen werden bis heute von den Militärs gehalten. Vielleicht ist es schlicht vermessen zu glauben, dass ein Militär ein Sozialist, ein Demokrat, ein Linker sein könnte.

Wie fest sitzt Maduro derzeit im Sattel?
Nicolás Maduro ist kein Anführer, der begeistern, der mitreißen kann. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung, so Umfragen, wollen keinen Nicolás Maduro und die restlichen zwanzig Prozent sind außerhalb Venezuelas. Kurz: Maduro hat keinen Rückhalt und in dieser Situation erhöhen die USA den Druck auf Venezuela. Es gibt Indizien, die darauf hindeuten, dass die USA Nicolás Maduro abziehen lassen würden – in ein Land, wo er mit seinem Clan unbehelligt leben kann.

Welche Rolle könnten die Medien spielen, falls Maduro abzieht und der venezolanische Wiederaufbau beginnt?
Derzeit spielen sie kaum eine Rolle, sie stehen unter Beobachtung. Aber Journalismus, kritische Berichterstattung ist grundsätzlich ein öffentlicher Dienst, der zum Funktionieren einer Zivilgesellschaft beiträgt – zumindest, wenn man ihn lässt. Journalisten haben eine ähnliche Bedeutung wie Feuerwehrmänner, Ärzte oder die Polizei – das sind Dinge, auf die eine Gesellschaft nicht verzichten kann.

Das System Maduro wirkt angeschlagen – denken Sie, dass Donald Trump eine Strategie verfolgt?
Ich habe durchaus die Hoffnung, dass das System Maduro fallen könnte. Aber gleichzeitig habe ich schon mehrfach erlebt, dass sich Maduro trotz mieser Rahmenbedingungen halten konnte. Und ja, der Druck der USA ist hoch, auch wenn niemand ernsthaft eine Intervention will, schon gar keine US-Invasion.

Ronna Rísquez

Ronna Rísquez hat als Journalistin zu organisierter Gewalt gearbeitet und 2023 das Buch El Tren de Aragua veröffentlicht – ein Buch über die gleichnamige venezolanische Drogen­bande, die die „organisierte Kriminalität in Lateinamerika revolutionierte“, wie es im Untertitel heißt. 2024 kam Rísquez mit einem Stipendium von der taz Panter Stiftung und von Reporter ohne Grenzen aus Caracas nach Berlin, um eine sechsmonatige Auszeit zu nehmen. Da sie nicht zurück nach Venezuela kann, lebt sie mit einem weiteren Stipendium derzeit im spanischen Alicante.


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