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Die befreite Lesbe

Von den hektischen Straßen Mexiko Citys in den ruhigen Innenstadtbezirk Coyoacan, zu einer idyllisch im Grünen gelegenen Kirche. Wir folgen einer Frau, von hinten ist nur ihr ergrauter Kurzhaarschnitt zu sehen, sie erzählt aus ihrem Leben. Ihre Stimme ist klar, sicher, kehlig, sympathisch.
Kurz bevor sie eine Kirche betritt, berichtet sie, wie ein Priester sie vergewaltigte, als sie sieben Jahre alt war. Die Frau, die bald den ZuschauerInnen ihr grob geschnittenes Gesicht zeigt, spricht. Von ihrem Leben als Nonne, davon, wie sie sich selbst bestrafen musste, weil sie eine Frau und obendrein durch ihre Vergewaltigung noch mehr eine Sünderin war. Wie sie sich nicht sehen, nicht berühren, nicht begehren durfte. Die Kamera begleitet ihre Erzählung mit Bildern von der Kirchenfassade, den Gesichtern der Heiligen, von Kreuzen, leuchtenden Glasfenstern. Die Kirche von innen, das sind nicht die lächelnden Engel am Altar, sondern das, was der namenlosen Zeugin geschehen ist. Sie wirkt schon nach kurzer Zeit des Erzählens sehr vertraut. Die dicken Mauern beherrschten auch ihre Seele, ihr Denken. Bis sie mühsam begann sie zu durchbrechen.
Sie berichtet von ihrer Befreiung, wie sie sich zum ersten Mal ansehen konnte und davon, dass sie Frauen liebt. Diese „Krankheit“ versuchte sie zunächst durch eine Therapie zu „kurieren“. Doch sie merkte schnell, dass Heilung weder möglich noch wirklich gewollt war. Ihr ganzer befreiter Körper drückt Selbstbewusstsein aus. „Ich habe ihn aus dem Gefängnis befreit, das ich selbst in mir aufgebaut hatte“, erzählt sie stolz.
Der Film spielt in Mexiko, kommt aber aus Brasilien. In dem Land mit der weltweit höchsten KatholikInnenrate kämpfen sexuelle Minderheiten um ihre Rechte und sind präsenter als in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern. Dennoch: Regisseurin Claudia Priscilla Andrade fand keine brasilianische lesbische Ex-Nonne, die sich hätte filmen lassen. Dazu musste sie ihr Land verlassen.
Sexo e claustro ist ein dreizehnminütiger Film über eine Befreiung. Dem Film war in Brasilien Erfolg beschieden. Im November vergangenen Jahres wurde er auf dem „13. Gemischten Brasilianischen Filmfestival der Sexuellen Diversität“ in Sao Paulo gezeigt.
Die Erlebnisse der ehemaligen Nonne sind bedrückend und hart, trotzdem macht der Film Mut.
In jedem Wort ist die Erleichterung der Frau über ihre neu gewonnene Freiheit zu fühlen. Sie hat sich bewegt, die Mauern durchbrochen, ist geflohen, während die Gesichter der Heiligenfiguren statisch bleiben. Sie können die Frau, die uns am Ende gar ihren Namen verrät, nicht festhalten. Denn heute weiss Maria del Pilar S. Rivera: „Lesbisch sein ist ein Talent.“

Sexo e claustro Regie: Claudia Priscilla, Drehbuch: Claudia Priscilla und Kiko Goifman, Brasilien 2005, 13 Min.
Der Film läuft auf der Berlinale vom 9.-19. Februar im Panorama.

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