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Die DDR und die Diktatur in Chile

Solidarität mit Chile: Ein Thema, das vielfach dokumentiert wurde, zu dem es sehr viel Material und noch mehr Mythen gibt. Doch kommt in der ganzen Geschichtsschreibung über die Zeiten der Solidarität die Rolle der DDR fast nicht vor. Das liegt zum einen daran, dass die Solidaritätsarbeit im Realsozialismus nahezu gänzlich von oben organisiert war. Die Selbstfindung und Selbstmystifizierung in der Solibewegung, die im Westen eine ganze Generation prägte, funktionierte nicht in der staatsgelenkten Politik der DDR. Dort hatte die Solidarität eine gesellschaftsintegrierende und erzieherische Funktion, um den BürgerInnen das Konzept und die Aufgaben des sozialistischen Menschen zu vermitteln.
Das zeigt die Anthologie Flucht vor der Junta, die diesen Aspekt der DDR-Politik detailliert aufgreift und interessant verdeutlicht. Gerade für Menschen, die Zeugen der Solidaritätsbewegung in Westdeutschland waren, ist der Ansatz des Buches eine wichtige Ergänzung und ein Anlass zur Reflektion über die Bedeutung und Funktionsstruktur der Bewegung, zur Selbstkritik. Ohne zu glorifizieren oder ein depressives Resümee daraus zu ziehen.
Die ersten Beiträge beschreiben die Geschichte der Beziehungen zwischen der DDR und Chile und geben ein Bild von der Diktatur. Die darauf folgenden Texte berichten detailreich und spannend von der Situation der DDR-Botschaft in Santiago de Chile. Besonders fesselnd wird geschildert, wie bekannte chilenische Linke, unter ihnen beispielsweise Luis Corvalan, aus dem Land geschleust wurden und welche Probleme dabei auftraten. Dass diese recht abenteuerlichen Verwicklungen und Maßnahmen in einem amtlichen Ton berichtet werden, stellt einen spannenden Kontrast dar.
Die Berichte über die Aufnahme und Eingliederung der chilenischen ExilantInnen in die DDR geben allerdings nur die formelle Planung von oben wieder und vermitteln wenig über die tatsächliche Befindlichkeit der Flüchtlinge. Es wird etwa Kritik daran geübt, dass den sozialistischen GenossInnen der Wille fehlte, sich engagiert in das DDR-System einzugliedern. Die Autoren zeigen sich teilweise empört über die, ihrer Meinung nach, „egoistischen Aktivitäten“. Luis Corvalan etwa wird vorgeworfen, er hätte sich nicht dem sozialistischen Prozess in der DDR angeschlossen, sondern nur seine persönlichen Ziele verfolgt und wäre dann in depressive Passivität verfallen. Die Erwartungen der DDR an die ExilantInnen lassen sich hier deutlich ablesen: als Gegenleistung für die Rettung wurden politische Beteiligung und Dankbarkeit erwartet.
Es ist gerade dieser unverblümte Einblick in die Sichtweise der DDR-Vertreter, der durch keinen zeitgenössischen Filter geschönt wurde, der Flucht vor der Junta zu einem sehr interessanten Dokument macht. Nicht nur über Chile oder die DDR, sondern auch über die opportunistische Außenpolitik der BRD gegenüber Chile und vor allem über ein anderes Konzept von Solidaritätsarbeit.

Gotthold Schramm (Hrsg.): Flucht vor der Junta, Verlag edition ost, 2005, 224 Seiten,14,90 Euro

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