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Die Erben der Armut

Wie Armut in Ländern wie Mexiko ungefähr aussieht, weiß fast jeder. Und viele meinen, ihre Ursachen erklären zu können. Was aber bedeutet diese Armut konkret und wie fühlt sie sich für den Einzelnen an? Das können letztlich nur diejenigen wissen, die tagtäglich gegen sie ankämpfen müssen. Und doch ist die Vermittlung eben dieser subjektiven Erfahrung von Armut das Ziel des Kinderfilms Los Herederos („Die Erben“), den Eugenio Polgovsky auf der diesjährigen Berlinale präsentiert. In 90 Minuten dokumentiert er 24 Stunden im Leben von Kindern, die nicht Kind sein können, weil sie arbeiten müssen, um das Überleben ihrer Familien zu sichern.
Der Film erklärt nicht, er beobachtet nur – ohne jeglichen Kommentar. Auch die Bildsprache bleibt betont nüchtern. Bis auf eine längere Einstellung auf eine Uhr, deren Sekundenzeiger rückwärts läuft und einer Sequenz aus jungen und alten erschöpften Gesichtern im Wechsel nimmt sich Polgovsky als Regisseur sehr zurück. Auch als Kameramann wird dies sein Ziel gewesen sein: Zu den jungen ProtagonistInnen seines Films hat er so viel Vertrauen aufgebaut, dass sie ihn und seine Kamera kaum beachten. So kommt er ganz nah heran, scheinbar ohne das Gefilmte durch seine Anwesenheit zu verfälschen. Dadurch, dass die wortkargen Aufnahmen nicht durch aus dem Off eingesprochene Informationen begleitet werden und so die „Langeweile“ schwerer körperlicher Arbeit vertreiben, beschleicht den Zuschauer gelegentlich das Gefühl, er könne den eintönigen und ermüdenden Arbeitsalltag der Kinder tatsächlich miterleben. Doch der angenehm warme und weiche Kinosessel erinnert noch im gleichen Augenblick daran, wie weit er emotional entfernt bleibt. Was länger anhält ist sein Mitleid, auch wenn man dem Regisseur nicht den Vorwurf machen kann, es auf solche Gemütsregungen angelegt zu haben.
Dass der Film in sechs verschiedenen Regionen Mexikos gedreht wurde, erfährt man erst im Abspann. Vielleicht zu verstehen als Hinweis auf die allgemeine Relevanz der Bilder über die gezeigten Einzelschicksale hinaus. Zwar werden bewusst Nahaufnahmen gezeigt, ähnliche Bilder hätten jedoch in fast allen Ländern der Peripherie des globalen Kapitalismus entstehen können.
Da ist zum Beispiel Pepin, der schon mit knapp fünf Jahren den anderen Kindern beim Wasser schleppen hilft und Müll zusammenträgt, seine Schwester, die im Haushalt arbeitet oder ein junger Tomatenpflücker, der in getriebener Eile erntet, weil er und seine Familie pro Kilo entlohnt werden. Das Verstörende an den Bildern ist, dass sie kaum Leid zeigen, sondern vielmehr Resignation und Erschöpfung. Kinder, die Zeit und Ruhe finden, um der Erwachsenenwelt zu entkommen und miteinander zu spielen, kommen kaum vor. Eine dieser wenigen Szenen steht am Ende des Films. Im Dunkeln wird mit Masken verkleidet getanzt, bis die Eltern zur Bettruhe rufen.
Nun drängt sich die Frage auf, ob Los Herederos für Kinder geeignet und damit in der Berlinale-Sektion Generation KPlus richtig aufgehoben ist. Zweifelhaft ist dabei weniger, ob Kinder im Schulalter die triste Realität des Films emotional bewältigen können, sondern eher, ob die gewollt quälende Langeweile des Films sie überhaupt bis zum verhalten versöhnlichen Ende im Kino halten kann. Die Frage nach der Kindertauglichkeit kann man also getrost den Kindern selbst überlassen, sie werden sie auf dem Festival mit den Füßen entscheiden. Die meisten, die den Film bis zum Ende auf sich wirken lassen, ganz gleich wie alt, werden am Ende ein wenig erahnen können, was es bedeutet, in Armut aufzuwachsen. Viel mehr kann ein Film nicht leisten.

Eugenio Polgovsky // Los Herederos // Mexiko 2008 //
Berlinale Sektion Generation KPlus

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