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Die Erfindung

Als zwischen 1810 und 1821 die kreolischen Eliten Hispanoamerikas ihre Unabhängigkeit von Spanien erstritten, gab es wenig, was sie voneinander unterschied. Sie sprachen allesamt spanisch, hatten mehr oder weniger weiße Haut und waren Katholiken. Und was sie am meisten einte, war der gemeinsame Feind: Spanien. Es gab also zu diesem Zeitpunkt nicht den geringsten Grund, warum Hispanoamerika in ein Gebilde aus 18 Einzelstaaten zerfallen sollte. Denn all das, was eine Nation auf den ersten Blick nach innen eint und nach außen abgrenzt, wie eine gemeinsame Sprache, Kultur, Religion, Tradition und Geschichte, schien hier nicht greifen zu können. Sprachbarrieren und ethnische Unterschiede gab es zwar zwischen den verschiedenen Indígenavölkern, aber die wurden von den Eliten ignoriert. Warum also besitzt heute jedes Land – trotz der Gemeinsamkeit in der Sprache – eigene Traditionen, eine eigene Geschichte und eigene nationale Helden?

Die Erfindung der Nation
Eine Erklärung für dieses Phänomen haben Historiker wie Benedict Anderson, Ernest Gellner oder Eric Hobsbawm zu Beginn der achtziger Jahre geliefert: Für Hobsbawm sind nicht so sehr objektive Kriterien wie Sprache oder ethnische Zugehörigkeit der Stoff, aus dem die Nationen geformt werden, sondern vor allem der subjektive Wille oder das Bewusstsein einer Gruppe von Menschen, eine Nation zu bilden: Der Nationalismus. „Er wandelt”, wie Gellner schreibt, „manchmal bereits bestehende Kulturen in Nationen um, erfindet manchmal neue Kulturen und vernichtet häufig tatsächlich bestehende Kulturen.”
Nationen sind also willkürliche Erfindungen, Gebilde, die als Gemeinschaften nur in der Vorstellungswelt ihrer Mitglieder existieren. Nationale Identität wird also nicht besessen, sondern durch Affirmation nach innen eingenommen und/oder durch Abgrenzung von außen zugeschrieben. Sie ist nicht Essenz, sondern Ideologie. Transportiert wird diese Ideologie über die Netzwerke der staatlichen Infrastruktur. Dazu gehören vor allem Schulen mit dem Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht oder nationale Gedächtnisorte wie Monumente und Museen. Zur räumlichen Erschließung der Nation sind Transport- und Verkehrswege, Post und natürlich das Kommunikationswesen besonders wichtig – im 19. Jahrhundert Zeitungen, im 20. Jahrhundert Radio und Fernsehen und im 21. Jahrhundert das Internet.
Abgesehen von der nationalen Identität kann ein Individuum nicht nur eine, sondern viele Identitäten einnehmen oder zugeschrieben bekommen: Blauäugig, schwarz oder Tierfreundin. In jedem Fall ziehen Identitäten die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Diese Grenzziehungen sind keinesfalls zufällig, sondern einerseits Funktion der politischen Interessen gesellschaftlicher Gruppen und andererseits abhängig von der konkreten historischen Situation und dem Stand der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung.

“Wir sind die Amerikaner”
Im Hispanoamerika zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es vor allem die criollos, die in der Neuen Welt geborenen Spanier, die ein Interesse an der Unabhängigkeit hatten. Sie besaßen zwar während der Kolonialzeit eine beträchtliche wirtschaftliche Macht, aber die politischen Geschicke der Kolonien wurden ausschließlich von Spanien aus bestimmt. Das wollten sie ändern. Um die Unabhängigkeit zu erstreiten und zu verteidigen, benötigten die Kreolen aber die Unterstützung der Massen, vor allem der indigenen Bevölkerung. Plötzlich war die tatsächlich bestehende sozioökonomische Grenze zwischen criollos und Indígenas nicht mehr funktional und musste neutralisiert werden. Da die criollos an einer ökonomischen Gleichstellung der Indígenas kein Interesse hatten, mussten sie sich auf diskursive Strategien konzentrieren: „Wir sind die Amerikaner“, hieß das Motto, das criollos und Indígenas unter einem Dach vereinen sollte. Dazu wurde die „Schwarze Legende” wieder ausgegraben, die die Grausamkeiten der Spanier bei der Eroberung und die Versklavung der Indianer anprangerte. Es bedurfte jedoch eines weiteren Kunstgriffes, um die indigene Bevölkerung einzubinden. Man verlieh den gemeinsamen Unabhängigkeitsbestrebungen historische Legitimität: Die mexikanischen criollos zum Beispiel entdeckten ihre Wurzeln urplötzlich im aztekischen Imperium, obwohl dieses von ihren eigenen Vorfahren zerstört worden war. Diese abenteuerliche Version fand sogar Eingang in die mexikanische Unabhängigkeitserklärung. Dort heißt es: „Die Mexikanische Nation, die für drei Jahrhunderte weder ihren eigenen Willen verwirklichen noch ihre Stimme frei zum Ausdruck bringen konnte, verlässt heute die Unterdrückung, in der sie gelebt hat.”
Im Gegensatz dazu hatte in Südamerika zunächst eine ganz andere Entwicklung stattgefunden. Hier bemühte sich der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung aus dem Norden, Simón Bolívar, um die Schaffung einer panamerikanischen Konföderation, aber er konnte sich gegen die regionalen Eliten aus den kolonialen Verwaltungseinheiten nicht durchsetzen und es etablierten sich auch hier kleinere staatliche Einheiten.
Bereits hier ist eine Konstante der politischen Auseinandersetzungen um Identität in Lateinamerika angedeutet. Unabhängigkeit und Souveränität beziehungsweise Widerstand gegen imperiale Ansprüche werden nicht national, sondern pan-lateinamerikanisch begründet. Die Bestrebungen, einen eigenen Staat zu bilden und sich von anderen Staaten abzugrenzen, müssen sich auf nationale Besonderheiten stützen.

Zivilisation vs. Barbarei
Wenn die Nationen als republikanische Staaten etabliert werden sollten, musste die Bevölkerung unbedingt mit republikanischen Identifikationssymbolen ausgerüstet werden. Die „religiöse Liturgie“, die vor allem für die Landbevölkerung einen hohen Identifikationswert besaß, musste im Zuge der Säkularisierung durch eine „staatsbürgerliche Liturgie“ ersetzt werden. Dazu benötigte man zunächst einmal eine nationale Geschichte. Kein Wunder also, dass im 19. Jahrhundert in nahezu allen lateinamerikanischen Ländern Textbücher mit der historia patria, der Geschichte des Vaterlandes, veröffentlicht wurden. Sie formten Generationen von Schulkindern und präsentierten die Helden der Unabhängigkeit als Verkörperung staatsbürgerlicher Tugenden. Diese Helden wurden dann in Monumenten oder auf Gedenktafeln verewigt. Egal ob Argentinien, Chile oder Mexiko, überall sind die zentralen Achsen der Städte nach Namen oder Ereignissen der nationalen Unabhängigkeitskämpfe benannt. Darüber hinaus wurden Nationalfeiertage eingeführt und Nationalhymnen komponiert.
Für den Transport dieser „staatsbürgerliche Liturgie“ war der Aufbau eines staatlichen Schulwesens – als Gegenpol zum kirchlichen – natürlich besonders wichtig. Neben den Politikern spielten also auch die Erzieher beim Aufbau der Nation eine wichtige Rolle. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Staatsmänner in Lateinamerika beides waren: Politiker und Erzieher. Ihr Prototyp war der Argentinier Domingo Faustino Sarmiento. In seinem pamphlethaften Romanwerk Facundo (1845) formulierte er die argentinische Identität als Dichotomie zwischen Zivilisation und Barbarei. Dabei waren mit Zivilisation nicht nur die Ideale der europäischen Aufklärung, sondern auch das republikanische Zentrum Buenos Aires gemeint. Und die Barbarei wurde nicht nur von dem Diktator Manuel Rosas verkörpert, sondern vom argentinischen Hinterland mit seinen regionalen Caudillos, die sich der Zentralmacht nicht zu unterwerfen gedachten. Auch hier folgte das formulierte Identitätskonzept konkreten politischen Interessen. Sarmiento erreichte sein Ziel. Von 1868–1874 war er Staatspräsident von Argentinien. Seine Formel “Zivilisation versus Barbarei“ bestimmt die Diskussion in den verschiedensten Varianten bis heute.

Unser Amerika
Ende des 19. Jahrhunderts fand unter dem Eindruck der imperialistischen Politik der USA jedoch eine Neubewertung des spanischen Elements statt: War die Unabhängigkeitserklärung der USA zu Beginn des Jahrhunderts noch Vorbild gewesen, begannen nun Skepsis und Ablehnung gegenüber dem „Koloss im Norden“ zu wachsen. Zunehmend wurden die USA als Bedrohung in verschiedensten Formen begriffen: militärisch, politisch, wirtschaftlich, aber auch kulturell.
1900 veröffentlichte der uruguayische Schriftsteller José
Enrique Rodó den kulturphilosophischen Essay Ariel, in dem er eine lateinamerikanische Identität in Abgrenzung zu den USA formulierte. Darin greift er sowohl Shakespeares Drama „Der Sturm“ auf, dem er die Figuren Ariel und Prospero entnimmt, als auch die bereits von Sarmiento formulierte Dichotomie Zivilisation vs. Barbarei. Zivilisation bedeutet für Rodó der „Sieg der Vernunft“, die „Geistigkeit der Kultur“ und die „Anmut der Intelligenz“. Den Utilitarismus nordamerikanischer Prägung versteht er als Barbarei.
Die hispanoamerikanischen Eliten griffen Rodós Werk mit Begeisterung auf. Er sprach ihnen aus der Seele und gab ihnen ein ideologisches Werkzeug an die Hand, den weitverbreiteten Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Wirtschaftsmacht USA zu neutralisieren. „Die USA sind zwar wirtschaftlich erfolgreicher, aber kulturlos“, könnte das Fazit aus Ariel lauten. Rodós Text hatte eine ungeheure Wirkung bis tief ins 20. Jahrhundert hinein. Aber etwas wirklich Neues hatte er eigentlich nicht gebracht, denn er beschränkte sich letztendlich darauf, ein europäisches Vorbild zu kopieren. Die indigenen oder die schwarzen Kulturen kamen bei ihm einfach nicht vor.
Ganz anders José Martí. Der Protagonist der kubanischen Unabhängigkeitsbewegung formulierte in seinem Essay Unser Amerika (1891) Thesen mit einem deutlich emanzipatorischen Anspruch. Er sah die Besonderheit Lateinamerikas in der mestizaje, der Vermischung verschiedener Kulturen und Ethnien. Davon leitete er auch seine Forderung ab, politische oder philosophische Konzepte nicht einfach aus Europa zu übernehmen, sondern zu einer geistigen Unabhängigkeit zu kommen. Für ihn waren nicht die Begriffe „Zivilisation“ und „Barbarei“ der bestimmende Gegensatz für Lateinamerika, sondern der zwischen „Fremdbestimmtheit” und der „Besinnung auf die eigenen Wurzeln“. Martí nahm damit ein zentrales Anliegen der Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts vorweg, nämlich über die Suche nach einer lateinamerikanischen Identität die durch Fremdbestimmung hervorgerufene Kolonisierung der Köpfe zu überwinden.

Identitäten und
Revolutionen
Im 20. Jahrhundert gab es jedoch zwei Großereignisse, bei denen Identitätskonzepte auf höchst unterschiedliche Art und Weise eine wesentliche Rolle spielten: Die mexikanische und die kubanische Revolution.
Zehn Jahre Bürgerkrieg (1910
–1920) hatten Mexiko total zerrissen, und die Zentralregierung hatte ihr Gewaltmonopol vollständig eingebüßt. Für die postrevolutionären Regierungen musste es also zuerst einmal darum gehen, das Land wieder zu vereinigen. Erziehungsminister José Vasconcelos hatte eine feste Vorstellung von der Identität, die in Mexiko zu schaffen war: die mestizaje. Er überzog das Land mit einem Heer von AlphabetisiererInnen, ließ in den gottverlassensten Dörfern Schulen und Bibliotheken errichten und verlegte die Klassiker der Weltliteratur für erschwingliche Preise. Er gründete ein symphonisches Orchester, richtete Freiluft-Malereischulen ein und initiierte die Tradition, öffentliche Wandflächen an repräsentativen Gebäuden für die Wandmalerei zur Verfügung zu stellen. Seine Politik entsprach einer Initialzündung für die Transformation Mexikos zur führenden Kulturnation Lateinamerikas. 1950 hat Octavio Paz das Ergebnis dieser Entwicklung in seinem Essay Das Labyrinth der Einsamkeit festgehalten und eine Art Ontologie des “Mexikaner-Seins“ verfasst.
Jedoch diente diese Ideologie, die zusätzlich mit revolutionärer Rhetorik unterfüttert wurde, dazu, Klassenunterschiede zu verschleiern. Die mexikanische Revolution, die diesen Titel erst posthum von den Historikern verliehen bekam, wurde zum „Gründungsmythos“ des modernen Mexiko. Die propagierte Ideologie des “Revolutionären Nationalismus” war so mächtig, dass sie der sie tragenden „Partei der Institutionalisierten Revolution“ über Jahrzehnte die Vormachtstellung im Staat sicherte.

Identitätsschmiede
in Havanna
Im Gegensatz zur mexikanischen Revolution konnte sich die kubanische Revolution nicht auf einen nationalen Bezugsrahmen beschränken. Mit zunehmender Aggressivität der USA war der Fortbestand der Revolution vor allem an den erfolgreichen Widerstand gegen die imperialistischen Bestrebungen der USA geknüpft. Hier bediente man sich wieder der Strategie, den antiimperialistischen Widerstand nicht nur national, sondern panamerikanisch zu begründen. Lateinamerika wurde als Einheit verstanden, die sich in einem Zustand neokolonialer Abhängigkeit von den kapitalistischen Wirtschaftszentren befand und Opfer des US-Imperialismus war. Die Besinnung auf eine lateinamerikanische Identität war eine zentrale Voraussetzung für die Formierung des antiimperialistischen Kampfes.
Dabei kam den Intellektuellen eine Vorreiterrolle zu. Sie diskutierten ihre Konzepte in der Kulturzeitschrift Casa de las Américas in Havanna, die nach der Revolution gegründet worden war. Die künstlerische Suche nach dem Eigenen wurde zu einem zentralen Anliegen, vor allem in der Literatur. Bereits 1948 hatte der kubanische Romancier Alejo Carpentier in dem Vorwort zu seinem Roman Das Reich von dieser Welt das Prinzip des „Real-Wunderbaren“ als Dreh- und Angelpunkt lateinamerikanischer Identität beschrieben. Die Dinge, die den Europäern nur in ihren kühnsten und vor allem surrealistischen Träumen begegneten, seien in Lateinamerika Realität. Populäre oder indigene Mythen werden nicht mehr als rückständig abgetan, sondern zu gleichberechtigten Formen des Wissens aufgewertet. Das Exotische, Fremde, Barbarische vor der eigenen Haustür wird zu einem Teil des Eigenen. Politisch ist diese Neudeutung in zweierlei Hinsicht bedeutsam. Zum einen werden die indigenen oder regionalen Kulturen nicht mehr als Objekt einer paternalistischen Politik, sondern als Teil des kollektiven Subjekts mit dem Titel „Volk“ verstanden. Zum andern wird die lateinamerikanische Identität einer eurozentristischen Version der Geschichte entgegengesetzt, die Vernunft mit Fortschritt identifiziert und alles der kapitalistischen Verwertungslogik unterzieht.
Deswegen also der Rückgriff auf populäre Mythen, Bräuche und Erzählformen, wie er in den Meisterwerken des magischen Realismus vorgenommen wurde. Und deswegen auch die Bemühungen der Literatur um eine Neuschreibung der Geschichte „von unten“. Gabriel García Márquez zum Beispiel beschreibt die lateinamerikanische Geschichte in seinem Jahrhundertwerk Hundert Jahre Einsamkeit anhand von Aufstieg und Fall des mythischen Ortes Macondo als eine Geschichte von Fremdbestimmung und Abhängigkeit. Gleichzeitig beschwört er in seinem Buch die Solidarität der lateinamerikanischen Völker. Denn der Untergang Macondos ist eben auf die hundert Jahre Einsamkeit zurückzuführen, in denen sich das Dorf befand.
Kulturphilosophisch fundiert wurde dieses Identitätsverständnis in Roberto Fernández Retamars Essay Calibán. Dort greift er Rodós Ariel wieder auf, aber anstatt dem Geist der Zivilistion, Ariel, die Verkörperung lateinamerikanischer Identität zuzusprechen, findet Fernández Retamar diese in dem Sklaven Calibán: Ebenso wie die lateinamerikanischen Völker wird Calibán von den Mächten, die sich selbst als zivilisiert verstehen, in Unwissenheit und Sklaverei gehalten. Die Rebellion Calibáns gegen die Unterdrückung durch die vermeintliche Zivilisation erhebt Fernández Retamar nun zum zentralen Moment lateinamerikanischer Identität. LateinamerikanerIn zu sein heißt RevolutionärIn zu sein und sich aufzulehnen gegen US-Imperialismus und die Herrschaft seiner örtlichen Marionetten. Es heißt aber auch, die Kolonisierung der Köpfe, die José Martí zu Ende des 19. Jahrhunderts bereits angedeutet hatte, zu überwinden und zum Subjekt der eigenen Geschichte zu werden.

El pueblo unido
jamás será vencido
Das von Fernández Retamar beschworene Identitätsverständnis trug in den 70er Jahren Früchte. Jetzt formierten sich in den meisten lateinamerikanischen Ländern bewaffnete Befreiungsbewegungen. Der salvadorianische Dichter Roque Dalton verkörpert wie kein anderer diesen Schritt von der literarischen Suche nach Identität zum bewaffneten Kampf. Er wechselte quasi direkt von der „Identitätsschmiede“ in Havanna zum Revolutionären Volksheer (ERP) nach El Salvador.

Nationale
Befreiungsbewegungen
Im Gegensatz zu den Intellektuellen in Havanna, die sich mit der Anprangerung der USA und ihrer lateinamerikanischer Marionetten begnügten, kamen die bewaffneten Befreiungsbewegungen in den jeweiligen Ländern ohne den Bezug auf nationale Symbolik nicht aus. So führten die meisten von ihnen das „N“ für nationale Befreiungsbewegung in ihrem Namen. Außerdem setzten sie der jeweilig herrschenden Elite ihre eigene Symbolik entgegen und benannten sich nach einem eigenen nationalen Helden, wie zum Beispiel Farabundo Martí in El Salvador. Oder sie entrissen einen nationalen Helden dem etablierten Symbolgefüge und deuteten ihn in ihrem Interesse um, zum Beispiel César Augusto Sandino in Nicaragua oder neuerdings auch Emiliano Zapata in Mexiko.
Aber nicht nur nationale Befreiungsbewegungen, sondern auch ums Überleben kämpfende linke Regierungen wie Allende in Chile (1970–1973) oder die Sandinisten in Nicaragua (1979–1990) setzten verstärkt auf die Pflege der heimischen Populärkultur und Identität. So waren Musikgruppen wie Inti-Illimani und Illapu in Chile, oder Carlos und Luis Enrique Mejía Godoy in Nicaragua, die sich um eine Widerbelebung indigener beziehungsweise populärer Musiktraditionen bemühten, wichtige Säulen der jeweiligen Regierung.
Mit dem Ende der Blockkonfrontation verloren auch die großen Identitätskonzepte in der politischen Auseinandersetzung an Bedeutung, und es setzte ein Prozess der Differenzierung ein. Offenbar waren die Auseinandersetzungen um die exklusive Definitionsmacht über die nationale Identität eng geknüpft an die großen ideologischen Systeme Kommunismus und Kapitalismus.

Neue Identitäten
Die Pluralisierung von Identitäten birgt zwar ein Emanzipationspotenzial für diskriminierte Gruppen, aber gleichzeitig auch die Gefahr der Strangulierung der politischen Handlungsfähigkeit. Eric Hobsbawm geht sogar so weit zu behaupten, dass sich ein linkes Projekt grundsätzlich nicht auf Identitätspolitik gründen kann. Zum einen, weil diese Gruppen immer nur Minderheiten mobilisieren können. Zum anderen, weil sich diese Gruppen in dem Moment auflösen, in dem sie ihre Ziele erreicht haben. Die Formulierung übergreifender Interessen, wie es die universalistischen Ideale der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – waren, wird immer schwieriger. Aus diesem Grund fordert Hobsbawm eine Wiederbelebung des „Volkes“ als einziges politisches Subjekt. Dass dieses lediglich in der Vorstellung existiert, macht es deswegen nicht unwirklich. „Was ist die Linke“, zitiert Hobsbawm den Amerikaner Todd Gitlin, „wenn nicht die Stimme eines ganzen Volkes? Wenn es kein Volk gibt, sondern lediglich Völker, gibt es keine Linke.“

Markus Müller

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