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„Die FARC sind moralisch schwer angeschlagen“

Stecken die FARC in der tiefsten Krise ihrer Geschichte seit ihrer Gründung 1964?

Vermutlich. Mit Sicherheit ist es das erste Mal, dass die FARC in so kurzer Zeit so viele Tiefschläge hinnehmen musste. Manuel Marulanda ist zwar wahrscheinlich an Altersschwäche gestorben, aber die anderen Fälle sind für die FARC sehr beunruhigend. Raúl Reyes hat man offensichtlich mit Hilfe seines Satellitentelefons geortet. Ihm wurden quasi seine diplomatischen Bemühungen zum Verhängnis. Kommandantin Karina hat man erpresst. Ihre Tochter wurde dem Vernehmen nach entführt, und sie aufgefordert, sich zu stellen, was sie dann gemacht hat. Ganz besonders beunruhigend für die FARC ist, dass Iván Ríos offensichtlich von einem infiltrierten Militär ermordet worden ist. Das bedeutet, dass es sehr nahe an der FARC-Führungstruppe Infiltrierte aus der Armee gibt. Es gibt nichts, was so demoralisierend wirkt. Die FARC sind moralisch schwer angeschlagen.

Was bedeutet das für den Krieg in Kolumbien?

Es ist aus der Geschichte von Guerillakriegen bekannt, dass es im Wesentlichen darum geht, die Kampfmoral und die politische Moral des Gegners zu brechen. Das ist zum Beispiel den Rebellen um Fidel Castro gegen die Schergen von Batista gelungen, aber auch der peruanischen Armee im Kampf gegen Sendero Luminoso. Der Leuchtende Pfad ist nicht deshalb zerfallen, weil schlagartig alle Einheiten besiegt worden wären, sondern weil mit der Festnahme vom obersten Kommandierenden Abimael Guzmán die Kampfmoral zusammengebrochen ist. Für die FARC als eine sehr autoritär strukturierte Organisation ist dieser Verlust an Führungskadern ein schwerer Schlag, auch weil um Marulanda ein Personenkult betrieben wurde und sein Tod ein Vakuum hinterlässt.

Die Spekulationen, dass die FARC vor ihrem Ende stehen könnten, sind nicht ganz aus der Luft gegriffen?

Nein, aber es ist Vorsicht geboten. Die FARC sind eine über 40 Jahre alte Guerilla. Bei aller Kritik darf man nicht übersehen, dass sie eine sehr tiefe Verankerung in der Sozialgeschichte Kolumbiens und in der Landfrage haben. Deswegen sind sie ein gewachsenes, in der Realität in bestimmten Regionen auf dem Land sehr verankertes Phänomen. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass sich das schnell völlig auflöst. Der Nachfolger von Marulanda, Alfonso Cano, gilt als intelligenter und politischer Kopf, der immer an einer politischen Lösung interessiert war. In den 1980er Jahren wurde er von der bürgerlichen Presse als „der Sozialdemokrat“ in der FARC gehandelt. Es wurde immer spekuliert, dass er den bewaffneten Kampf aufgeben würde. Mit ihm an der Spitze haben die FARC unter Umständen die Chance, sich politisch zu erneuern. Die Chance ist sehr klein, weil die FARC einen starken Autoritarismus und Militarismus haben. Aber es ist eine Chance.

Cano rückte an die Spitze, weil auch der Vize Raúl Reyes Anfang März auf ecuadorianischem Territorium getötet wurde. Die Folge war ein heftiger Disput zwischen Ecuador und Kolumbien, aber auch zwischen Kolumbien und Venezuela. Der wurde formal beigelegt. Nun streut die kolumbianische Regierung permanent Informationen, dass sich auf den angeblichen Rechnern von Reyes Informationen befunden haben, die eine sehr starke Verbindung zwischen den FARC und Hugo Chávez nahe legen. Damit wird der Konflikt wieder neu angeheizt. Was steckt hinter dieser Kampagne?

Ich finde die Geschichte mit diesen Computern sehr eigenartig. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass die kolumbianische Armee die Rechner von Reyes sichergestellt hat. Das ist vorstellbar. Interpol hat bestätigt, dass die Computer nicht manipuliert worden seien. Doch die Frage stellt sich schon vorher, wer sagt überhaupt, dass diese Computer Raúl Reyes gehörten? Man sollte sehr skeptisch sein, auch gegenüber Interpol. In Kolumbien stehen immens viele geopolitische und geostrategische Interessen auf dem Spiel. Kolumbien kommt innerhalb der US-Außenpolitik eine Schlüsselrolle für die westliche Hemisphäre zu. Das richtet sich nicht nur gegen Venezuela und die Linksregierungen in Ecuador und Bolivien, sondern es betrifft auch Brasilien. In der April-Ausgabe der Le Monde diplomatique war ein interessanter Artikel von Darío Pignotti. Demnach sieht auch die brasilianische Regierung die Rolle Kolumbiens als große Gefahr, weil es ein geostrategisches und ökonomisches Interesse der USA gibt, nicht nur die Erdölreserven, sondern auch die Bioreserven des Amazonasgebietes zu kontrollieren und sie den Lateinamerikanern abzunehmen. Insofern ist klar, dass es darum geht, Kolumbien als Militärmacht aufzubauen. Mit dem Plan Colombia wurde das aus US-Sicht sehr erfolgreich und sehr massiv gemacht. Gleichzeitig wird die Konfliktsituation mit den Nachbarländern angeschürt, ganz ähnlich wie im Mittelamerika der 80er Jahre. Dass es diese Konflikte gibt, ist keine Verschwörungstheorie, sondern ein ganz offensichtlich auf der Hand liegendes Interesse der Bush-Administration. Es ist auffällig, dass die Informationen portionsweise kommen statt auf einen Schlag alles zu enthüllen. Die Festplatten müssten ja inzwischen erforscht sein. Auf diese Weise wird ein kleiner Grenzkonflikt am Leben erhalten und gleichzeitig in Kolumbien auch eine extrem chauvinistische Stimmung geschürt. Es wird in Europa vollkommen unterschätzt, dass in den meinungsmachenden Mittelschichten in Kolumbien momentan eine krasse militaristische und nationalistische Mobilisierung abläuft, die dazu dient, die innenpolitischen Konflikte und Widersprüche und den ganzen Skandal um den Paramilitarismus komplett in den Hintergrund rücken zu lassen. Es handelt sich um eine sehr komplexe mediale Kampagne der Regierung von Álvaro Uribe und ihrer US-BeraterInnen.

Passt in diese strategischen Überlegungen nicht auch der Vorschlag des US-Botschafters in Kolumbien, William Brownfield, die Militärbasis von Manta in Ecuador an die kolumbianisch-venezolanische Grenze zu verlegen?

Interessant ist der Zusammenhang. Der Luftwaffenstützpunkt Manta, der auf Wunsch Ecuadors geschlossen werden soll, wurde ja erst im Zuge des Plan Colombia aufgebaut. Es war nicht so recht nachvollziehbar, warum die USA Luftwaffenstützpunkte auf den niederländischen Antillen und auf Ecuador nutzen, wo sie doch Kolumbien militarisieren wollen. Jetzt geht es darum, einen Stützpunkt in La Guajira in Kolumbiens Nordosten zu errichten. Zudem ist ein Ausbau von Curaçao angedacht. Was gerne vergessen wird: Curaçao gehört zu den niederländischen Antillen, die außenpolitisch den Niederlanden unterstehen. Damit ist die EU in den Krieg involviert. Dasselbe gilt für Aruba, das wie Curaçao von den USA für AWACS-Aufklärungsflüge genutzt wird. Curaçao soll wohl die Funktion von Manta übernehmen und liegt gerade mal 30 Flugminuten von Venezuelas Küste entfernt.

Wie reagiert Chávez darauf?

Sein Ansinnen, den Sicherheitsapparat auszubauen, ist natürlich in diesem Zusammenhang zu sehen. Er argumentiert, dass man sich vor Interventions- und Geheimoperationen schützen müsse. Die neuen venezolanischen Eliten im Regierungsapparat haben aber sowohl ein Eigeninteresse, sich abzusichern, als auch ein berechtigtes Sicherheitsinteresse, weil sie einen Putsch befürchten.
Andererseits rüstet Venezuela auf und will neue Flugzeuge in Russland kaufen. Das ist eine komplizierte Dynamik. Kolumbien ist bereits massiv aufgerüstet worden – auch mit Kriegsmaterial, was gegen Venezuela einsetzbar wäre und nicht nur im Bürgerkrieg. Die Rüstungspolitik Venezuelas zielt meines Erachtens weniger direkt auf die USA, weil deren militärischer Übermacht nicht mit ein paar neuen Flugzeugen Paroli geboten werden kann, sondern vielmehr indirekt. Es geht darum andere Länder in den politischen Konflikt mit den USA zu treiben wie beim Kauf von Fregatten in Spanien vor ein paar Jahren, womit ein diplomatischer Konflikt Spanien-USA provoziert wurde. Nun geht es darum in Russland einzukaufen, um strategische Bündnisse zu Russland, China und Indien aufzubauen. Und auch hier gibt es wohl eine Mischung aus Eigeninteresse des einflussreichen venezolanischen Militärs und ein berechtigtes Sicherheitsinteresse aufgrund der Aktivitäten der USA.

Und was steht hinter Chávez Aufforderung an die FARC, bedingungslos alle Geiseln freizulassen? Welchen Rückhalt hat sie eigentlich in der kolumbianischen und lateinamerikanischen Linken noch?

Bei den niedrigen Umfragewerten in Bezug auf die FARC muss man vorsichtig sein. Wer würde sich in Kolumbien schon offen als Sympathisant zu erkennen geben? Ich würde trotzdem sagen, dass die Sympathien für die FARC relativ niedrig sind, in der städtischen Bevölkerung sowieso, in den Mittelschichten tendieren sie gegen Null. Es gibt zwar nach wie vor eine politische illegale Arbeit der FARC, auch in einzelnen sozialen Bewegungen sind sie noch präsent, aber ich glaube, dass das schon viel geringer ist als in den 80er Jahren. Damals war der Einfluss von der FARC und der damals mit ihnen noch verbündeten Kommunistischen Partei bei den Gewerkschaften ein ganz wichtiger Faktor, auch bei den sozialen Bewegungen. Eine Verankerung auf dem Land gibt es jedoch sicher noch, sonst würden sie sich nicht immer wieder neu finden. Und das stützt sich nicht auf Geld, die Rebellen werden nicht eingekauft, sondern es ist schon nach wie vor die Anziehungskraft der FARC als ein Ergebnis ungelöster sozialer Probleme.

Sind die FARC inzwischen von einer Guerilla zu einer terroristischen Organisation degeneriert?

Wenn ein Phänomen so breit und so historisch verankert ist, dann macht es keinen Sinn von Terrorismus zu reden. Einzelne Anschläge können terroristisch sein, genauso wie die Praktiken der kolumbianischen Militärs terroristisch sein können. Deswegen ist die kolumbianische Armee keine Terrorstruktur an sich und auch die FARC-Guerilla ist an sich keine Terrorstruktur. Eine Lösung dieses Problems wird es nach wie vor nur geben, wenn sich an den sozialen Realitäten etwas ändert oder wenn es eine militärische Niederlage der FARC gibt, die dann aber zu einem Friedhofsfrieden führte, der keineswegs besser und weniger terroristisch und weniger gewalttätig sein wird. Das wäre dann sozusagen eine Durchsetzung der paramilitärischen Ordnung, die wäre letztlich viel terroristischer. Die Herrschaftsgewalt in Kolumbien ist über Jahrhunderte so extrem gewesen, dass es einfach in ganz vielen Momenten der kolumbianischen Geschichte zum bewaffneten Widerstand wenig Alternativen gab.

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