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Die Faszination der Konsumgesellschaft

Wer die kubanische Hauptstadt seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr besucht hat, wird auf den ersten Blick Veränderungen feststellen. Nicht nur in den Prachtstraßen von Havanna Vieja und Vedado gibt es eine große Zahl an neuen Geschäften, sondern auch in Stadtteilen wie Marianao pulsiert das Leben stärker. Es fahren mehr Autos und Busse auf den Straßen, die Bauernmärkte und „Bodegas“ bieten ein größeres Lebensmittelsortiment an, und an Straßenecken werden sogar Blumen verkauft. Das Wirtschaftswachstum macht sich auch auf der Straße bemerkbar.
Doch durch die Liberalisierungsmaßnahmen aus dem Jahr 1993 – die Freigabe von Devisen, die Einführung der „cuenta propia“ (Arbeit auf eigene Rechnung) und der Ausbau des Tourismussektors – hat sich nicht nur das kubanische Wirtschaftssystem grundlegend verändert, sondern auch die Gesellschaftsstruktur. So ist zum Beispiel eine selbstständige Verkäuferin auf Kuba in einer anderen gesellschaftlichen Position als ein Arbeiter, der in einem Staatsbetrieb beschäftigt ist. Einer kubanischen Familie mit Angehörigen in den USA und einem damit eventuell verbundenen Devisenzufluss kommt eine andere gesellschaftliche Rolle zu als einem Arzt, der nur auf sein Staatsgehalt von etwa 20 Dollar im Monat und seine libreta (Bezugsschein für Lebensmittel) zurückgreifen kann. Der soziale Wandel stellt sowohl den kubanischen Staat als auch die Gesellschaft vor bisher nicht gekannte Probleme wie beispielsweise die Entstehung eines Schwarzmarktes.

Der Weihnachtsmann und die Windmühlen

Auch bei Jugendlichen führten diese Veränderungen zu einem spürbaren Wertewandel. Das starke nationale Bewusstsein und der damit verbundene „Antiimperialismus“ drohen brüchig zu werden. Die USA werden von einem Teil der Heranwachsenden eher idealisiert als kritisiert. Hip-Hop, Rap oder Tommy Hilfiger bestimmen zunehmend den Alltag und das Outfit. Nach Aussage des anerkannten kubanischen Soziologen Hernández kommt es zu einer „Bourgeoisierung“ der kubanischen Gesellschaft, in deren Verlauf sich viele Jugendliche mit dem Konsum und Lebensstil im Kapitalismus identifizieren. Auffällig ist die Orientierungs- und Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher, die oftmals keinen Sinn mehr darin sehen, ihre Ausbildung abzuschließen oder an einer Universität zu studieren. Stattdessen verbringen sie ihre Freizeit lieber vor Hotels oder an touristisch attraktiven Orten auf der Suche nach „fulas“ (Dollars) und „yumas“ (TouristInnen). Auch scheint die Autorität Fidel Castros zu schwinden. Die jüngere Generation bezeichnet ihn oft als „Papá Noel“ (Weihnachtsmann), und es wird die Meinung vertreten, dass Fidel Castro für die Jugend keine Lösungen anbiete. Sein „antiimperialistischer Kampf“ wird mit Don Quijotes Ansturm gegen die Windmühlen verglichen.
Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern zeichnet sich nun eine Landflucht auch auf Kuba ab. Insbesondere schwarze KubanerInnen aus den östlichen Provinzen der Insel migrieren in die Hauptstadt, um hier ihr Glück zu suchen. Dadurch verschlechtert sich die Wohnsituation in einigen Stadtteilen Havannas erheblich, und es bilden sich sogannte „Fanguitos“ (fangoso = schlammig, dreckig) heraus, die zwar noch nicht die Ausmaße brasilianischer oder mexikanischer Elendsviertel annehmen, aber in denen die Lebensqualität stark unter dem Durchschnittsniveau Kubas liegt. Neben den sozialen Benachteiligungen sind die BewohnerInnen solcher Viertel auch starken Vorurteilen durch die übrige Bevölkerung ausgesetzt und werden als besonders faul und kriminell dargestellt. Insbesondere die schwarze Bevölkerung leidet wieder stärkeren unter Ressentiments.

Patriotismus und Aufopferung

SozialforscherInnen des „Centro de Estudios sobre la Juventud“ (Zentrum zu Studien über die Jugend) legten kürzlich eine empirische Untersuchung zum Wertewandel der Jugend vor, in deren Verlauf sie 802 StudentInnen aus unterschiedlichen Provinzen des Landes in Gruppen- oder Einzelinterviews befragten. Pauschal ist das Ergebnis zunächst positiv bewertet worden. Danach werden folgende Werte von den Jugendlichen als wichtig empfunden: Teilnahme an der Verteidigung des Landes; Spaß an der Arbeit und Arbeiten für das Gemeinwohl; Akzeptanz anderen Menschen gegenüber und die Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen. In der Analyse wird jedoch auch eingeräumt, dass bei einem Teil der Befragten eher materialistische und individualistische Werte dominieren. Diesen Jugendlichen sei „der Sinn und Zweck ihrer Arbeit egal“, für sie diene die Arbeit „nur der Einkommenssicherung“. Sie versuchten über Angehörige im Ausland oder TouristInnen im Inland an Geld zu kommen, um sich so das Leben zu erleichtern.
Im weiteren Verlauf der Untersuchung wird auf einige zentrale Werte der kubanischen Gesellschaft näher eingegangen. „Patriotismus“ zum Beispiel bedeutet für die meisten Jugendlichen, „gegen alles zu sein, was schlecht für das Land ist“. Ein kubanischer Patriot ist nach Meinung der Befragten „stolz auf kubanische Sportler, die im Ausland Wettkämpfe gewonnen haben und allgemein stolz auf das kubanische Volk“. Wiederum wird auf eine Minderheit hingewiesen, der Patriotismus nichts mehr bedeutet. Weitere Werten, denen diese Studie besondere Beachtung schenkt, sind „Würde, Anstand, Aufopferung und Selbstachtung“. Ein Teil der Jugend hat Werte wie Selbstachtung, Würde und die Bereitschaft, sich für die Gesellschaft einzusetzen, verloren.
Die Gründe für diesen Bewusstseinswandel und die Faszination der westlichen Konsumgesellschaft sind hauptsächlich im Tourismus und in der politischen Isolation Kubas zu suchen. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR ging nicht nur der gesamte Markt verloren, sondern auch der ideologische Partner im Austausch von wissenschaftlichen Ideen oder StudentInnen. Heute findet der Austausch von jugendlichen KubanerInnen vorwiegend mit TouristInnen aus Europa und Kanada statt, denen auf Kuba alle erdenklichen Vorteile eingeräumt werden und denen Kuba als tropisches Paradies präsentiert wird. Das Verhalten von Zweiwochen-PauschaltouristInnen spiegelt weder das Leben auf Kuba noch den Alltag dieser TouristInnen in ihrem Land wieder. Dadurch nehmen viele KubanerInnen das Bild des „Anderen“ und dessen Realität verzerrt wahr.

Fehlendes Geschichtsbewusstsein

Ein weiterer Grund für den Legitimationsverlust der Revolution ist im Wandel des kollektiven Gedächtnisses zu suchen. Der vor der kubanischen Revolution sozialisierten Generation ist die Situation während der Batista-Diktatur noch in Erinnerung. Diese Situation führte 1959 zu einem breiten Konsens in der Bevölkerung. Das kollektive Gedächtnis hat sich im Laufe der Zeit gewandelt, und die Errungenschaften der Revolution wie Bildung, Gleichheit, Arbeit oder medizinische Versorgung werden von heutigen Jugendlichen als selbstverständlich angesehen. Deren Forderungen gehen deshalb über diese Errungenschaften hinaus, ihre Identifikation mit der Revolution nimmt dementsprechend ab.
In der Vergangenheit wirkte der Staat sozialen Veränderungen vorwiegend mit sozialistische Parolen entgegen und versuchte, den Konsens in der Gesellschaft über einen rigiden Nationalismus herzustellen. Die kubanische Führung griff durch ihre zentrale Rolle stärker in die Entwicklung der einzelnen BürgerInnen ein, als dies bei Demokratien westlicher Prägung der Fall ist. Positiv betrachtet werden erzieherische Vorgaben aufgestellt über den Beitrag des Individuums zum Gemeinwohl.
In Anbetracht der realen Umstände auf Kuba bleibt zu fragen, ob diese Werte und Idealvorstellungen das Gemeinwohl nicht zu sehr über das Wohl des Einzelnen stellen. Die starke Diskrepanz zwischen den geforderten politischen Werten und dem möglichen Handlungsspielraum im kubanischen Alltag stellen den Einzelnen immer wieder vor starke Gewissenskonflikte oder führen gerade bei jungen Menschen zu Orientierungslosigkeit und Demotivation.
Die Erforschung verschiedener sozialer Gruppen und Lebensstile kann auf jeden Fall als Schritt in die richtige Richtung bewertet werden. Endlich wird auch von offizieller Seite der Sachverhalt der Ausdifferenzierung anerkannt und dokumentiert. Das ist ein zentraler Punkt für das Fortbestehen des tropischen Sozialismus und dessen Legitimation durch die Bevölkerung: Will diese Gesellschaft funktionieren, muss der Staat die Verschiedenheit ihrer Mitglieder akzeptieren und die Menschen als Individuen ernst nehmen. Des Weiteren sollten soziale Probleme, wie Kriminalität und Prostitution im Sozialismus nicht durch Repression oder Polizeigewalt eingedämmt werden, sondern durch präventive Sozialarbeit. In diesem Sinne hat sich die kubanische Regierung in jüngster Zeit ansatzweise wieder auf ihre revolutionären Wurzeln besonnen und insbesondere für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche Freizeitmöglichkeiten und Kultureinrichtungen geschaffen. In diesen Einrichtungen wird in Kooperation mit der zivilen Gesellschaft Kubas versucht, Werte und Identitäten abseits des Kapitalismus durch Musikangebote oder Theaterveranstaltungen zu festigen. In Seminaren und Workshops wird gegen bestehende Vorurteile angegangen und der Bevölkerung die sozialen Veränderungen und deren Gründe verdeutlicht. Dennoch muss der kubanische Staat seine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Werten noch stärker an zivilere Institutionen abgeben.

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