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Die Flucht über den Atlantik

Über sechs Jahre recherchierte der argentinische Journalist Uki Goñi in Archiven in Argentinien, Deutschland, der Schweiz, Belgien und der USA für sein Buch Odessa: Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. „Es fügten sich die verstreuten Bausteine des Puzzles der Nazi-Rettungsaktion zusammen und gaben den Blick auf das gespenstische Gesamtbild frei“, schreibt Goñi im Vorwort über die Fluchtwege der Nazis in den Nachkriegsjahren. Er dokumentiert minutiös die Kollaboration Argentiniens mit den Nazis und will mit seinem Buch „die Existenz einer zentralen Lebenslüge in unserer Vergangenheit demaskieren.“
Argentinien erklärte als letzter amerikanischer Staat einen Monat vor Kriegsende 1945 Deutschland den Krieg. Das war Kalkül, wie General Juan Domingo Perón 1967 freimütig zugab: „Obwohl es auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, profitierte Deutschland von unserer Kriegserklärung. Argentinien würde als kriegführendes Land das Recht haben, sich nach Kriegsende frei in Deutschland zu bewegen. Dadurch konnte eine große Anzahl von Personen nach Argentinien gebracht werden.“
Eine eigens dafür im argentinischen Präsidentenpalast eingerichtete Abteilung leitete der Deutsch-Argentinier Rodolfo Freude. Dieser arbeitete eng mit dem in Bern eingerichteten „Büro für Auswanderungen nach Argentinien“ und dem Vatikan zusammen. Hier entwickelte der mit einem argentinischen Diplomatenpass versehene SS-Offizier Carlos Fuldner Fluchtrouten und versah Altnazis mit falschen Rot-Kreuz-Pässen.

Eichmann, Mengele, Priebke

Die Liste der nach 1945 nach Argentinien geschmuggelten Personen liest sich wie ein Who is Who der europäischen Nazi-Elite: Adolf Eichmann, Josef Mengele, Erich Priebke, Klaus Barbie (der weiter nach Bolivien zog und dort den Militärs bis zu seiner Auslieferung nach Frankreich 1963 als Ausbilder und Berater zur Verfügung stand), Eduard Roschmann (der ehemalige KZ-Kommandant war unter dem Namen „Schlächter von Riga“ bekannt), Gerhard Bohne (der eine führende Rolle in Hitlers „Euthanasie-Programm“ spielte), Josef Schwammberger (Kommandant in verschiedenen SS-Zwangsarbeiterlagern im Distrikt Krakau, 1987 nach Deutschland ausgeliefert), Pierre Daye (führender Intellektueller der belgischen Rexisten, einer katholisch-faschistischen Organisation), Ante Pavelic (ab 1941 Staatsoberhaupt des von Mussolini und Hitler neu geschaffenen Staates Kroatien) etc.
1999 gab die argentinische Regierung unter dem damaligen Präsidenten Carlos Menem einen „Abschlussbericht“ über die Einreise von Nazis heraus. Dort wurde eine Gesamtzahl von 90 Personen aufgelistet. Goñi weist nach, dass mindestens 300 Kriegsverbrecher in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in das südamerikanische Land einreisten. Die Zahl wäre sicher höher, wenn nicht wichtige Unterlagen – unter anderem vertrauliche Dossiers der Einwanderungsbehörde – vernichtet worden wären.
Als 2002 die Originalausgabe von Goñis Buch erschien, war die Empörung in Argentinien groß. Diese bezog sich jedoch weniger auf die von Goñi belegte Aufnahme der Kriegsverbrecher einerseits und die Zurückweisung von tausenden jüdischen Flüchtlingen andererseits. In der Kritik stand vielmehr seine Majestätsbeleidigung an dem auch heute noch sehr populären Juan Domingo Perón (1895-1974), der persönlich mit den Nazis zusammenarbeitete und während seiner ersten Präsidentschaft (1946-1955) hunderte von Kriegsverbrechern ins Land einreisen ließ.
Gleich mehrere Kapitel der sehr gut lesbaren (und von Theo Bruns und Stefanie Graefe hervorragend übersetzten) Studie widmen sich den Anstrengungen hochrangiger katholischer Würdenträger, Kriegsverbrecher nach Argentinien zu schmuggeln. Demnach belegen britische Dossiers, dass sich Papst Pius XII und Monsignore Giovanni Battista Montini (der spätere Papst Paul VI) im Geheimen in Washington und London für bekannte Kriegsverbrecher und Nazi-Kollaborateure einsetzten. Papst Pius XII setzte sich hauptsächlich für die Kriegsverbrecher des kroatischen Ustascha-Regimes ein, weil sie zuallererst Katholiken und eingefleischte Anti-Kommunisten waren. Der kroatische Franziskaner Draganovic und der in Rom tätige österreichische Bischof Alois Hudal waren die Koordinatoren dieser „Klosterroute“ (die ab 1947 als „Rattenlinie“ bezeichnet wurde, nachdem die US-Geheimdienste die schon bewährten Fluchtrouten nutzten, um selbst ehemalige Nazis aus Österreich herauszuschmuggeln).

Mythos Fluchthilfeorganisation

Mit einem Mythos räumt Goñi allerdings auf: Eine in sich geschlossene Fluchthilfeorganisation, wie sie der britische Schriftsteller Frederick Forsyth in seinem 1972 erschienenen Roman „Die Akte Odessa“ beschreibt, hat es nie gegeben. Wohl aber ein weit verzweigtes Netzwerk in Argentinien, Italien und der Schweiz (für eine kurze Zeit existierte in Norwegen, Schweden und Dänemark auch eine so genannte „Nordroute“), dessen Einfluss bis zu Papst Pius XII reichte und das es mindestens 2.000 Nazis ermöglichte, nach Argentinien einzureisen. Mit nur wenigen Ausnahmen (so im Falle des 1960 vom israelischen Geheimdienst aus Buenos Aires entführten Adolf Eichmann) fanden diese Kriegsverbrecher und Nazis in Südamerika einen sicheren Unterschlupf – in den meisten Fällen unter ihrem eigenen Namen.

Uki Goñi: Odessa: Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Aus dem Englischen von Theo Bruns und Stefanie Graefe. Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2006, 400 Seiten, 22 Euro.

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