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Die Flügel der Utopie

Fernando Birri, gebürtiger Argentinier, seit Jahrzehnten in verschiedenen Ländern Lateinamerikas und Europas zu Hause – oder unterwegs, je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet. Einer der Väter des Neuen lateinamerikanischen Kinos, der während seiner mehr als vierzigjährigen Laufbahn ein stilistisches Spektrum entfaltete, das sich von sozialkritischen, vom Neorealismus inspirierten Werken wie “Gib ‘nen Groschen” (1958) bis hin zu psychedelisch angehauchten Experimentalfilmen wie “ORG” (1968-78) spannt. In besonders lebhafter Erinnerung ist Birri vielen als “Ein sehr alter Herr mit enormen Flügeln”: In seiner Verfilmung der tragikomischen Kurzgeschichte von Gabriel García Márquez (1988) verkörperte er selbst einen Engel, den ein Unwetter in ein gottverlassenes Kaff an der kolumbianischen Küste verschlägt: ein Gestrandeter mit lädierten Flügeln und weisem Blick, der zunächst in den Hühnerstall gepfercht wird. Bis den Einheimischen das Kult- und Vermarktungspotential des seltsamen Heiligen dämmert und das Dorf sich in eine Mischung aus Pilgerstätte und Rummelplatz verwandelt.

Chemanía auch in Deutschland

Der bevorstehende Gedenktagsrummel um einen Mann, der nach seinem Tod zu einer Mischung aus Popstar und Säulenheiligen linker Widerstandskultur avancierte, war Anfang Juli dieses Jahres der Grund für Birris viertägigen Abstecher nach Berlin. Für sein Filmprojekt “Che: Tod der Utopie?” – das zu dessen dreißigsten Todestag im Oktober auch im bundesdeutschen Fernsehen gesendet wird – verfolgte Birri die Spuren, die Che Guevara in den Köpfen verschiedenster Personen hinterlassen hat: von dessen Geburtsland Argentinien bis ins entlegene bolivianische Dorf La Higuera im Valle Grande, wo Che als Guerillero umgebracht wurde, von Kuba, wo er die Anfangsphase der Revolution mitgestaltete, bis zu westeuropäischen Metropolen wie Paris oder Berlin, wo er zur Identifikationsfigur für eine ganze Generation wurde. “Es ist ein Film über die Erinnerung, weniger allerdings über die individuelle als über die kollektive Erinnerung. Was bleibt von diesem Bild, weniger in Hinblick auf den Mythos, sondern in Hinblick auf die Utopien zur Veränderung, zur Schaffung einer gerechteren, würdigeren, besseren Welt?”
Eigentlich habe er ja bereits mit seinem Dokumentarfilm “Mein Sohn, der Che” über den Vater von Che Guevara (1985) seine “persönliche und emotionale Pflicht” gegenüber Che Guevara beglichen, meint Birri mit einer Mischung aus Ernst und Augenzwinkern. Auch stehe er dem sich abzeichnenden Medienrummel – derzeit werden weltweit an die dreißig Filme über Che Guevara produziert, in Argentinien ist bereits von der Chemania die Rede – skeptisch gegenüber. “Als nach ’68 alle anfingen, T-Shirts mit Che Guevara-Aufdruck zu tragen, lag darin anfangs eine große Aufrichtigkeit, die sich später in ein Stereotyp, eine Mode verwandelte. Zur Zeit findet etwas statt, was ich für noch schlimmer halte, nämlich, daß der Che sich in ein Marketingobjekt verwandelt hat. Aber gleichzeitig habe ich die Hoffnung, daß auch inmitten dieses Marketings eine Figur wiederersteht, die kein Gespenst ist, sondern aus Fleisch und Blut.”

Metropolis” am Potsdamer Platz

Wenn das Gespräch auf die Dialektik der Geschichte kommt, ist Fernando Birri in seinem Element: “Es gibt eine weitverbreitete Art des Denkens, daß die Utopien für die glücklichen Momente der Geschichte stehen. Ich glaube dagegen, daß die Utopien in den schlimmsten Momenten geboren werden, wenn die Kreatur eine Krise sämtlicher Werte durchlebt.” Hinter uns liege “ein ungeheuerliches und furchtbares – und furchtbar schönes Jahrhundert”, eine Zeit permanenter Transformation und Wandel der Parameter. Entsprechend fasziniert und abgestoßen zugleich zeigt Birri sich auch angesichts des Berliner Spannungsfeldes zwischen musealen Trümmern des realexistierenden Sozialismus und kapitalistischer Boomarchitektur.
Als er auf dem Potsdamer Platz gedreht habe, sei ihm der Gedanke gekommen, hier würde eine modernisierte Version von Fritz Langs Metropolis entstehen. “Einerseits verzaubert und verführt dich diese urbanistische Eruption, denn sie vermittelt den Rausch des Destruktiven, des Dynamischen. Und diese Verführung ist sehr stark. Andererseits erscheint dies, wenn man mit etwas mehr Gelassenheit an die Zukunft denkt, auch ein bißchen schrecklich. Ich glaube ganz ehrlich nicht, daß man sich mittels dieser neuen, babylonischen Konstruktion dem Glück nähern wird.”

“Sie glauben an gar nichts mehr!”

Ist es naiv, angesichts des vorherrschenden Diskurses über Rentabilität und Machbarkeit, Sparzwängen und Krisenmanagement von Utopien, von Glücksvisionen zu reden? Birri nimmt diese Freiheit nach wie vor für sich in Anspruch: “Ich finde es falsch, daß inmitten der offenkundigen Entzauberung, dieser perversen Situation, viele europäische Intellektuelle Reife mit Zynismus gleichsetzen. Das heißt, sie glauben an gar nichts mehr. Ich glaube dagegen, dies ist der Moment, in dem man zu fühlen beginnt, daß irgend etwas sich unterirdisch bewegt, im kollektiven Unterbewußten der Menschen, der Geschichte, daß man beginnt, über andere Projekte nachzudenken.”
Auf der Suche nach dem “komplexen und nuancierten Diskurs” über Che Guevara und die Utopie scheint der alte Herr kaum so etwas wie elitären Dünkel oder Berührungsängste zu kennen. Die Palette der Interviewpartner für seine “Reportage-Collage” reicht von dem uruguayischen Schriftsteller Eduardo Galeano, dem argentinischen Regisseur Fernando E. Solanas über den Chefredakteur von Le monde diplomatique, deutschen Filmemachern der 68-Generation wie Alexander Kluge und Peter Lilienthal bis hin zu Passanten, die er in Berlin an den Überresten der Mauer angesprochen hat. Birri liebt die assoziative Mischung, die Konfrontation der Kunst mit dem Alltag, das Cross-Over der Stile und Generationen: Begeistert erzählt er von einem Abend in der Volksbühne, wo er mitten in einer Vorstellung Christoph Schlingensief interviewt hat.
“Wenn dieser Film wirklich das würde, was ich möchte, müßte er dazu dienen, daß der Zuschauer denkt: Welche Antwort hätte ich gegeben, wenn man mich in diesem Moment nach Che Guevara gefragt hätte? Wenn man mich gefragt hätte, was Utopie bedeutet? Denn ich denke, daß diejenigen Sachen wesentlich wichtiger sind, die mehr Fragen als Antworten mit sich führen – und nicht umgekehrt.” – Sprach’s, und eilte zum Zug nach Bremen, um dort die Besucher eines Konzertes von Michael Jackson zu interviewen.

“Che: Tod der Utopie?” Argentinien/Deutschland 1997, Regie: Fernando Birri; Farbe, ca. 90 Minuten.

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