Literatur | Nummer 611 – Mai 2025

DIE FREIHEIT (K)EIN KIND ZU WOLLEN

Ein Roman über zwei Frauen, die Sebstbestimmung und Gesellschaftliche Rollenbilder balancieren

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt es vielerorts als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit: Eine Frau wird irgendwann Mutter. Weibliche Identität und Mutterschaft waren eng miteinander verknüpft – eine Lebensrealität, der sich viele nicht entziehen konnten. Heute sieht das anders aus. In vielen Ländern sinkt die Geburtenrate, immer mehr Frauen und gebärfähige Personen entscheiden sich bewusst gegen eigene Kinder. Die Gründe dafür sind vielfältig: ökonomische Unsicherheit, ökologische Sorgen, die politische Lage – oder ganz schlicht der Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Von Aurelia Tens
Illustration: Jara Neef

Für Laura und Alina, die beiden Protagonistinnen in „Die Tochter”, ist genau dieser Wunsch nach dem selbstbestimmen Leben viele Jahre lang ein gemeinsamer Nenner gewesen. Die Entscheidung, kinderlos zu bleiben, wird zum stillen Grundstein ihrer tiefen, langjährigen Freundinnenschaft. Doch was passiert, wenn sich dieses Fundament verschiebt?

Als Alina eines Abends in einem kleinen Restaurant eröffnet, dass sie ihre Meinung geändert hat und nun aktiv versucht, schwanger zu werden, gerät Lauras Welt ins Wanken. Sprachlos sitzt sie da, mit der unbequemen Frage im Kopf: Was bedeutet das für uns? Kann eine Mutter gleichzeitig eine beste Freundin bleiben? Oder ist die Entscheidung für ein Kind zugleich eine Abkehr von der gemeinsamen Lebensform, die sie beide so lange verbunden hat?

Alinas Weg zur Schwangerschaft ist nicht einfach. Mehrere IVF-Versuche, endlose Ärzt*innenbesuche und der ständige Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung verlangen ihr alles ab. Als das Glück zum Greifen nah scheint, bringt eine unerwartete medizinische Diagnose alles ins Wanken – nicht nur für Alina und ihren Partner, sondern auch für ihr gesamtes Umfeld. Zur selben Zeit tritt auch in Lauras Leben ein Kind: nicht das eigene, sondern das der Nachbarin. Der unverhoffte Kontakt wirbelt alte Fragen auf, die längst als beantwortet galten. Fragen, die plötzlich wieder ganz nah sind und nach neuen Antworten verlangen. Fragen nach Verantwortung, Zugehörigkeit, Zukunft – nach dem „Was wäre, wenn…?“ „Die Tochter” ist ein feinfühlig erzählter Roman über Freundinnenschaft, Lebensentwürfe und die leisen Brüche, die entstehen, wenn Wege sich trennen – oder neu zueinanderfinden. Besonders für gebärfähige Leser*innen drängt sich die Frage nach Kindern oft nicht nur einmal im Leben auf, sondern wiederholt, in verschiedenen Lebensphasen, wie ein leises Ticken im Hintergrund, das irgendwann immer lauter wird.

Die große Stärke des Romans der mexikanischen Autorin Guadalupe Nettel liegt in seiner nuancierten, empathischen Erzählweise. Die Figuren sind nicht bloß Projektionsflächen für Debatten um Kinderwunsch, sondern tiefgründige Charaktere mit eigenen Widersprüchen und Entwicklungen. Der Text urteilt nicht, er beobachtet. Und genau darin liegt seine emotionale Wucht. Denn am Ende gibt es keine einfache Antwort. Nur das Eingeständnis, dass manche Entscheidungen größer sind als wir selbst: „Es kommt, wie es kommt. Dem entgeht niemand.“


Guadalupe Nettel // Die Tochter // Aus dem Spanischen von Michaela Meßner // Luchterhand Literaturverlag // 2025 // 288 Seiten // 22 Euro


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