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Die Freunde aus dem gelben Haus

Großformatig und im Vielfarbendruck kommen die „Werten Freunde“ aus Brasilien daher. Ganze 27×33 Zentimeter sind sie groß, dabei um die 50 Seiten dick und auch sonst nicht zu übersehen: Unter den Printmedien am Zeitungskiosk sticht Caros Amigos durch eine unabhängig-kritische Meinung und ein unkonventionelles Layout hervor. Doch dazu später. Zunächst einmal muss betont werden, dass es von den „Werten Freunden“ viele gibt. 38.000 Exemplare werden monatlich an AbonnentInnen verschickt oder gehen in ganz Brasilien über den Ladentisch an die LeserInnen. Die geehrten Freunde, das sind die Caros Amigos, Brasiliens größtes alternatives Printmedium.

Lesestoff statt Bilderbuch

Verlegt wird die Monatszeitschrift im hauseigenen Verlag Casa Amarela (gelbes Haus). Gelb ist das Verlagshaus in São Paulo‘s Szeneviertel Vila Madalena tatsächlich, ungewöhnlich für eine Stadt, in der grauer Beton den Ton angibt. Ungewöhnlich sind auch die elf RedakteurInnen der Casa Amarela – ungewöhnlich nett.
„Die Caros Amigos sind seit ihrer Gründung vor acht Jahren zu einer festen Größe avanciert“, macht Wagner Nabuco, geschäftsführender Vertriebsleiter, selbstbewusst klar. Dabei wurde anfangs noch nicht einmal eine Marktanalyse erstellt. Durch reine Mundpropaganda machten sich die Amigos schnell Freunde im ganzen Land. Angesichts der neoliberalen Politik des damaligen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso gab es innerhalb der Linken ein starkes Bedürfnis nach einem unabhängigen Medium: „Für alle die lesen können“, so der charakterträchtige Leitspruch der Zeitschrift.
Und hier liegt auch das Erfolgsrezept der Caros Amigos: „Wir sind – im Gegensatz zu den anderen Printmedien – nie dem Trend gefolgt, der den Text zugunsten der Illustrationen verdrängt. Die Caros Amigos sind kein Bilderbuch. Unsere KäuferInnen wissen zu schätzen, dass wir ihnen durchaus noch die Fähigkeit zum Lesen zutrauen“, so Nabuco.
Und das zu Recht: 91 Prozent der LeserInnen haben eine Universität besucht. Die Caros Amigos richten sich damit an eine intellektuelle Minderheit der brasilianischen Mittel- und Oberschicht, die Wert auf eine unabhängige und kritische Meinung legt – und bereit ist, dafür zu bezahlen. Mit umgerechnet zwei Euro pro Ausgabe sind die „Freunde“ nicht nur geehrte, sondern auch teure Zeitgenossen. Trotzdem halten 79 Prozent der KäuferInnen die Zeitschrift für „unentbehrlich“.

Prominente Freunde

Zu den hauseigenen AutorInnen, die regelmäßig publizieren, zählen prominente Größen wie der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto, der Journalist und Universitätsprofessor Emir Sader oder Heloísa Fernandes, Tochter des verstorbenen Soziologen Florestan Fernandes. Auch João Pedro Stedile, nationaler Leiter der Landlosenbewegung MST, der in den konservativen Medien oft verzehrt dargestellt wird, schreibt für die Caros Amigos.
Die kritischen und gut recherchierten Artikel, fundierte Analysen, sensible Porträts und bissige Kommentare sind es, die der Zeitschrift Charakter verleihen. „Die Caros Amigos sind keine Zeitung im klassischen Sinne“, erläutert Marina Amaral, Verlegerin der Zeitschrift, „Sie fungieren als Forum für die Linke in Brasilien. Uns erreichen Email-Zuschriften aus Dörfern im Hinterland, von denen wir selbst nicht geglaubt hätten, dass es sie gibt.“ Den Caros Amigos gelingt dabei eine interessante Mischung. So kann auf einen mehrseitigen Beitrag zu Themen wie Menschenrechte, Hungerbekämpfung oder Antisemitismus durchaus ein spontan verfasstes Gedicht oder ein lockerer Kommentar zu einer Banalität folgen.
Neben einer Fotostrecke ist das Highlight jeder Ausgabe das „Explosive Interview des Monats“ mit Personen wie der Tochter von Che Guevara, Aleida Guevara, oder Dom Tomás Balduíno, Präsident der Landpastorale CPT, die unter anderem die MST unterstützt. Berüchtigt sind die „Werten Freunde“ für ihre Randbemerkungen. Bezogen auf Lulas Null-Hunger-Programm schreiben sie: „Das Evangelium gemäß der Regierungspartei PT: Unser tägliches Brot gib uns im Jahre 2099.“
„Obwohl wir der PT nahe stehen: Ein Blatt wird deswegen schon lange nicht vor den Mund genommen“ konstatiert Amaral und zündet sich noch eine Zigarette an. Sie sieht die Funktion der Caros Amigos hauptsächlich darin, ein Gegengewicht zu den konservativen Mainstream-Medien zu bilden. Da haben sie keine leichte Aufgabe gewählt, denn Brasiliens Medienmarkt ist stark monopolisiert.

Mediale Latifundien

Die auflagenstärksten Printmedien gehören den großen Verlagshäusern Abril und Globo, die mit ihren hohen Marktanteilen auch politische Einflussnahme ausüben können. Zwei Drittel des Zeitschriftenmarktes werden allein von Abril kontrolliert. „Mit den Medien in Brasilien verhält es sich wie mit der Landkonzentration: Es gibt Latifundien so groß wie Belgien und es gibt Medienkonzerne die Kartellen gleichkommen“, bringt es José Arbex auf den Punkt. Arbex ist Hausautor und gilt als einer der Charakterköpfe bei den Caros Amigos.
Die Konzentration der Medien in den Händen Weniger führt zu einem Informationsmonopol über die öffentliche Meinung und einer Unterdrückung kritischer Stimmen. Laut Arbex ist Brasilien noch weit von einer Mediendemokratie entfernt. Ihre Vormachtstellung würde es den großen Verlagshäusern erlauben, eine regelrechte Zensur auszuüben, so der Autor. Das Privileg, sich unabhängig informieren zu können, sei bisher nicht jedem gegeben.
Kleinere Printmedien haben mit einer Reihe von Schwierigkeiten zu kämpfen, um sich zu etablieren. Nicht zuletzt, weil auch die Papierpreise in Brasilien von den wenigen Großkonzernen diktiert werden, die die Produktion in ihren Händen halten. Preise, die für die meisten Markteinsteiger schnell das finanzielle Aus bedeuten.
Einen besonderen Rückschlag musste Brasil de Fato (Das tatsächliche Brasilien) gleich zu Beginn ihrer Existenz hinnehmen. Die linke Wochenzeitung wurde 2003 auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre von verschiedenen sozialen Bewegungen auf den Weg gebracht, vor allem von der MST. Schon nach den ersten Ausgaben aber wurde die Zeitung von der zuständigen Verteilungsfirma nicht mehr an die Kioske geliefert.
„Brasil de Fato war zu unbequem – das hat einigen einfach nicht gepasst“, erzählt Mitbegründer José Arbex. Trotzdem konnte Brasil de Fato sich durchsetzen und wird weiterhin publiziert.

Alles im gelben Bereich

Alternative Medien könnten sich, so Arbex, höchstens kleine Freiräume innerhalb eines festgefügten Systems erkämpfen. „Aufgabe der Regierung wäre es, die Medien zu reformieren und die Monopole zu brechen. Solange dies nicht geschieht, solange macht euch keine Illusionen“, so der trockene Kommentar des Autors.
Illusionen macht sich die Casa Amarela nicht. Das gilt auch hinsichtlich der Finanzierung. „Klar gibt es finanzielle Engpässe“, gibt Nabuco zu und legt die Karten offen auf den Tisch. Um mit diesem Problem umzugehen, akzeptieren die Caros Amigos auch den brasilianischen Staat und große Firmen als Anzeigenpartner. Zum Beispiel Coca-Cola, Sinnbild für Globalisierung und Einflussnahme multinationaler Konzerne. Laut Nabuco haben diese Anzeigen aber nichts mit dem Inhalt zu tun. „Wir handeln da ganz pragmatisch. Nur weil Coca-Cola bei uns Werbung schaltet, heißt das noch lange nicht, dass wir aufhören, den Konzern zu kritisieren.“ Die Anzeigenkunden würden um den gebildeten und finanzkräftigen LeserInnenkreis wissen und trotzdem inserieren. „Ohne die Werbeeinnahmen würde es die Caros Amigos nicht mehr geben“, ergänzt Nabuco, „da ist der Kompromiss mit den Anzeigen das kleinere Übel.“
Von der Gefahr schließen zu müssen, sind die Caros Amigos glücklicherweise weit entfernt. Im Gegenteil: Bisher konnte sich die Casa Amarela mit Intelligenz und Professionalität erfolgreich behaupten.
So bringt der Verlag nicht nur monatlich die Caros Amigos heraus, sondern auch eine Reihe von Büchern und Sonderheften, etwa zu Literatur aus den Favelas. Verkaufsknaller ist allerdings die Edition „Brasilianische Rebellen“: Zwei Bände über das Leben verschiedenster brasilianischer Persönlichkeiten – ebenso außergewöhnlich wie die Caros Amigos selbst.

Die „Werten Freunde“ im Internet: www.carosamigos.com.br

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