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„Die Geschichte aller armen Guatemalteken“

Als Rigoberta Menchú Tum im April 1998 in Mexiko-Stadt ihre Autobiographie Rigoberta: La nieta de los Mayas vorstellte, sagte sie: „Das wichtigste ist, daß ich das Buch geschrieben habe. … Und was ist der Zweck dieses Buches? Nun, das Buch ist ein Aufruf an alle Indígenas, ihr Leben aufzuschreiben, ihre Geschichte zu erzählen, schriftlich festzuhalten, was sie erlebt haben.“
Die Friedensnobelpreisträgerin von 1992 bestimmt jetzt also selbst den Diskurs und den Duktus des Erzählens – anders als 1982 in Paris, als die venezolanische Journalistin Elizabeth Burgos den von Rigoberta auf Kassetten gesprochenen Bericht transkribierte, ordnete und veröffentlichte. Me llamo Rigoberta Menchú y así me nació la conciencia nannte Burgos das Buch, mit dem ihre Protagonistin auf einen Schlag weltberühmt wurde. 1984 erschien es im Lamuv-Verlag auch auf Deutsch, und unter dem Titel Rigoberta Menchú: Leben in Guatemala erlebt es inzwischen die 14. Auflage. Die direkte Schilderung der Repression, der sie, ihre Familie und ihre Nachbarn durch Plantagenbesitzer und Militärs ausgesetzt waren, hat viele beeindruckt, und das Buch galt damals als ein besonders gelungenes Beispiel für die boomende Testimonio-Literatur. Jetzt, über 15 Jahre später, spricht Rigoberta Menchú in ihrem ersten selbst geschriebenen Buch davon, daß sie immer davon träumte, es neu zu schreiben und zu vervollständigen. Sie habe damals viele Passagen zensiert und bestimmte Namen verschwiegen, weil sie befürchtete, eine Veröffentlichung könne eben diesen Personen schaden. Außerdem habe sie damals vor lauter Schmerz nicht über ihre Mutter sprechen können – kurzum, es würde viel fehlen, um das Buch zu einer runden Sache zu machen.

Ein Denkmal für die Mutter

In Enkelin der Maya ist nun alles anders: Die 1959 geborene Guatemaltekin ist selbst zur Schriftstellerin geworden. Sie beschreibt zunächst ausführlich ihre Kindheit in Chimel, einem Dorf in den Bergen im Norden Guatemalas, wo sie bei ihresgleichen M’in heißt.
Und diesmal kann sie ihrer Mutter ein Denkmal setzen. Diese war die Hebamme des kleinen Dorfes und kannte sich gut in der traditionellen, indianischen Medizin aus – eine Frau, die unter der Dorfbevölkerung respektiert wurde. Sie habe ihr beigebracht, den pom vorzubereiten – eine harzähnliche Substanz, deren Rauch die Maya-Götter vor der Ernte gnädig stimmen soll.
Von ihr erfuhr die Tochter auch, welcher Geist nach indianischen Überzeugungen etwa in dem Baum vor ihrem Haus oder in der Felsnase oben auf dem Hügel wohnt und wie man damit umzugehen habe. Und als Anfang der achtziger Jahre die meisten DorfbewohnerInnen aus lauter Angst vor den andauernden Überfällen der Militärs schon in die Berge geflohen waren, habe ihre Mutter noch immer in Chimel ausgeharrt. Menchú beschreibt, wie die Mutter ihr bei ihrem letzten Zusammentreffen eine rote Halskette überreichte (die sie noch heute Tag für Tag trägt), außerdem etwas Geld und eine Medaille in die Hand drückte und ihr mit auf den Weg gab: „Kind, suche dir irgendeinen Ort, an den du gehen kannst, aber paß auf, daß du nicht in dieser Gegend umkommst!“ Dies sei, so Menchú, ein Augenblick gewesen, den sie nie vergessen werde und der sie angespornt habe, ihre Geschichte – und damit auch die ihrer Familie – aufzuschreiben und das bekannt zu machen, was ihr und ihren Angehörigen widerfahren ist. So geschehen 1982, als sie Elizabeth Burgos ihre Geschichte erzählte. Gleichzeitig war dies wohl auch die Antriebsfeder für die jetzt vorliegende Autobiographie.

Exotisch wirkende Gestalten

Zu den interessantesten Passagen des Buches zählen die, in denen Menchu schildert, wie sie bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf oder direkt in New York jahrelang für die Aufklärung der in ihrem Heimatland begangenen Verbrechen kämpfte: Offensiv stritt sie für die Rechte der indigenen Völker und prangerte unermüdlich die Menschenrechtsverletzungen der guatemaltekischen Armee und ihrer zivilen Befehlshaber an.
Mit viel Humor erzählt sie zum Beispiel, wie sie zum ersten Mal nach Genf gekommen ist, ihre Kontaktperson nicht vorfindet und sich erst mühsam vor Ort zurechtfinden muß. Sie beschreibt, wie sie mit der Zeit lernt, die Aufmerksamkeit der einflußreichen Herren und Damen der Menschenrechtskommission zu erheischen und wie sie auf den Fluren der UN-Gebäude immer wieder dieselben, durch ihre Landestracht oft exotisch wirkenden Gestalten trifft, die vergleichbare Anliegen vortragen wollen und mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben – nämlich die Vertreter der Tibeter, der Saharauis, der Kurden, der Timoresen.
Immer wieder aber tauchen in der durchaus nicht chronologischen Darstellung ihres Lebens Erlebnisse aus ihrer Kindheit auf – vielleicht weil das besondere Naturverständnis, das gemeinschaftliche Denken der Indígenas und damit das indianische Selbstverständnis, das in Menchús heutigem Leben so wichtig geworden ist, seine Wurzeln eben in dieser Zeit hat. Sie stellt dabei jedoch mehr philosophische Überlegungen an, als daß sie rein Anekdotisches aus ihrem Leben erzählt, und gibt sich überzeugt, daß die indianischen Völker Mittelamerikas auch anderen Menschen und Kulturen etwas mitzuteilen haben, daß sie Werte besitzen und leben, die gerade auch im Zeitalter der drohenden ökologischen Katastrophe ernsthafter zur Kenntnis genommen werden sollten.

Begründerin einer literarischen Tradition

Und es ist wohl auch Menchús erklärte Absicht, damit ihren indianischen „Brüdern und Schwestern“ mehr Selbstachtung einzuimpfen, sie dazu anzuregen, ihre Geschichte und die Traditionen ihres Volkes nicht geringzuschätzen, sondern ihnen den Stellenwert zuzuschreiben, den sie der Autorin zufolge auch besitzen. Als „Enkelin der Maya“ hat sie sich deswegen vorgenommen, ihr Buch nicht nur weltweit in Englisch, Spanisch, Deutsch und vielen anderen Sprachen herausbringen zu lassen, sondern möchte es auch von einem befreundeten Dichter ins Quiché übersetzen lassen und somit eine literarische Tradition mitbegründen, die es nach ihrer eigenen Darstellung bis jetzt bei den Maya noch gar nicht gibt.
Rigoberta Menchú hat mit ihrer Autobiographie ein faszinierendes, lebendiges Buch geschrieben, in dem sie mit eigener Stimme spricht. Die Fortsetzung ihres früheren Berichtes mit anderen Mitteln ist dringend zu empfehlen.

Rigoberta Menchú: Enkelin der Maya. Autobiographie. In Zusammenarbeit mit Dante Liano und Gianni Minà, mit einem Vorwort von Eduardo Galeano. Aus dem Spanischen von Werner Horch. Lamuv Verlag, Göttingen 1999, 360 S.

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