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Die Gewalt überleben

„Die Tatsache, dass weltweit die Begriffe ‘Psychosoziale Arbeit’ und ‘Trauma’ in der humanitären Hilfe und in der Entwicklungszusammenarbeit bedeutsam geworden sind, deutet einerseits auf einen Fortschritt und andererseits auf eine Krise hin. Der Fortschritt besteht darin, dass man endlich anerkannt zu haben scheint, dass es in Kriegs- und Krisenregionen nicht nur um die Lösung ökonomischer oder politischer Probleme durch technisches Know-how geht, sondern letztendlich um Menschen, um konkrete Subjekte, die in ihrer spezifischen Geschichtlichkeit den jeweiligen sozialen Prozess gestalten, bestimmen und erleiden.“
Mit diesen Worten eröffnete David Becker, Diplompsychologe und ehemaliger Mitarbeiter des chilenischen Instituto Latinoamericano de Salud Mental y Derechos Humanos seinen Vortrag auf der von medico international und dem Konsortium Ziviler Friedensdienst organisierten Tagung „Psychosoziale Arbeit nach Krieg und Diktatur“ im Juni 2000 in Mainz. Fünf Tage lang hatten MitarbeiterInnen von 20 Projekten aus zwölf Ländern ihre unterschiedlichen Erfahrungen ausgetauscht.
Die wichtigsten Beiträge, darunter auch der Vortrag von Becker, sind nunmehr in dem Band medico report 23 zusammengefasst. Sie gehen der Frage nach, wie man Menschen helfen kann, die langjährige Kriege, Diktaturen und damit verbundene Menschenrechtsverletzungen erleiden mussten. Alle verfolgen sie einen Ansatz, der nicht ausschließlich auf den Wiederaufbau des materiellen Daseins ausgerichtet ist, sondern sich vor allem auf die seelischen Nöte der Menschen konzentriert.

Kontextorientierte psychosoziale Arbeit

Die Krise, von der Becker spricht, setzt dann ein, wenn die psychologische Arbeit nicht im Kontext von politischen und sozialen Problemen statt findet, sondern vielmehr den Mustern einer ausschließlich auf das Individuum ausgerichteten Therapie folgt. Dann würden ‘psychosozial’ und ‘Trauma’ zu Schlagwörtern, die nicht produktiv in die Entwicklungszusammenarbeit integriert werden könnten.“ Becker formuliert zentrale Aspekte, die bei einer wirkungsvollen psychosozialen Arbeit berücksichtigt werden müssen. Dazu gehört unter anderem die Verpflichtung, sich einerseits für den einzelnen Menschen und seine Psyche zu interessieren, immer aber auch nach den spezifischen ökonomischen, kulturellen und politischen Bedingungen zu fragen und „die Arbeit grundsätzlich auf die Community hin zu orientieren“.
Die Darstellungen verschiedener Projekte und Arbeitsansätze aus unterschiedlichen Ländern bekräftigen Beckers Überlegungen. Dies gilt zum Beispiel für den Fall Chile, wo das „Trauma der Straflosigkeit“ erkannt wurde und einerseits die Betreuung von Opfern von Menschenrechtsverletzungen immer im Kontext der Forderung stehen musste, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, und andererseits die Verhaftung Pinochets eine psychologische Betreuung von sehr vielen Menschen nötig machte, die bis dato nicht über ihr Leiden gesprochen hatten.
Die Ursprungsidee von Khulumani („sich aussprechen“) in Südafrika war, den Opfern des Apartheidregimes dabei zu helfen, Zugang zur Truth and Reconciliation Commission zu bekommen. Doch auf Grund der Bedürfnisse der Bevölkerung weitete sich ihre Arbeit aus und mündete in Selbsthilfe-Workshops und in die Produktion zweier Videos.

Ganzheitliche Hilfe

Auch Projekte wie das der Exhumierung und Bestattung von Ermordeten in Guatemala, das den Betroffenen ermöglicht, die Ermordeten zu betrauern, gleichzeitig aber auch die Verbrechen der Militärs an die Öffentlichkeit bringt, oder ein Projekt mit Behinderten in Palästina, wo ständig die traditionellen patriarchalen Strukturen berücksichtigt werden müssen, machen deutlich, wie wichtig es ist, den politischen und sozialen Kontext der betreuten Menschen zu berücksichtigen.
Selbst die Betreuung von bosnischen Flüchtlingen in der Bundesrepublik weist auf diesen Zusammenhang hin: So mussten die für die psychologische Betreuung zuständigen Therapeuten sich permanent mit der Abschiebepraxis der deutschen Behörden auseinander setzen und erleben, wie die in regelmäßigen Abständen angedrohte Abschiebung immer wieder neue Angstzustände bei den Flüchtlingen auslöste.
Obwohl die intendierte Trennung zwischen allgemeineren Fragestellungen wie dem Verhältnis von psychischer, politischer und sozialer Aufarbeitung der Vergangenheit anhand verschiedener Fallbeispiele und konkreten Arbeitsansätzen in unterschiedlichen Ländern nicht konsequent durchgehalten wurde, ist es medico mit der vorliegenden Publikation gelungen, die Notwendigkeit einer „ganzheitlichen“ Hilfe, also einer Verbindung zwischen psychologischer, sozialer, politischer und ökonomischen Hilfe für postdiktatorische Gesellschaften heraus zu stellen.

Breites Zielpublikum

Für fachfremde LeserInnen ist die Publikation ebenso interessant wie für SpezialistInnen. Für erstere erschließt sich die Thematik allerdings besser, wenn mit der Lektüre von hinten, sprich mit den Überlegungen David Beckers, begonnen wird. Er macht leichter nachvollziehbare allgemeine Überlegungen zum Thema, während der Einleitungsbeitrag von Usche Merk gerade im Hinblick auf die Entwicklung des Begriffs Trauma und Traumatisierung und den dort zitierten Autoren sich stärker an ein Fachpublikum wendet. Dennoch ist es ein wichtiger Text, der sich nach Kenntnis der vorgestellten Projekte auch besser erschließt.
Eine beigelegte mehrsprachige CD-Rom mit allen während der Tagung gehaltenen Vorträgen und Informationen zu Projekten in zahlreichen Ländern bietet eine gute Möglichkeit, sich intensiver über psychosoziale Arbeit zu informieren.

Viel zu tun

Die allgemeinen „ABERs“, die sich nach Lektüre und Sichtung der CD-Rom ergeben, sind weder der Tagung noch medico international anzulasten. So fällt auf, dass alle Beiträge abschließend auf ihre begrenzten Möglichkeiten oder noch ausstehende Arbeitsgebiete hinweisen, mit denen sich die Organisationen und einzelnen Projekte angesichts der immensen gesamtgesellschaftlichen Probleme konfrontiert sehen.
Dies gilt auch für die Arbeit medicos in Nicaragua, wo bei dem Neuansiedlungsprojekt „El Tanque“ vom Hurrikan Mitch betroffenen Menschen ein neues Zuhause und gleichzeitig psychologische Unterstützung geboten wurde. Der nachvollziehbare Neid der Nachbarsiedlung und die traditionellen Gesellschaftsstrukturen innerhalb der eigenen Siedlung machen noch viele stabilisierende Veranstaltungen und Maßnahmen nötig, um das Projekt langfristig zu sichern.
Oder für Palästina, wo sich bei der Lektüre zwangsläufig die tagtäglichen Nachrichten eines Kriegsgebietes aufdrängen und deutlich wird, dass neben den patriarchalen Strukturen, die die Arbeit erschweren, auch die Situation der israelischen Besetzung zu berücksichtigen ist.
Und so bleibt das Gefühl, dass die von medico unterstützte Projektarbeit sehr wichtig ist, doch eigentlich noch unendlich viel getan werden müsste – was ja auch nicht falsch ist.

Medico International (Hg.): Die Gewalt überleben. Psychosoziale Arbeit im Kontext von Krieg, Diktatur und Armut. (= Medico Report 23) Mabuse Verlag, Frankfurt/M. 2001, 130 Seiten, 31,80 DM.

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