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„Die herrlichste Nebensache der Welt“

Kaum ein Kontinent wird derart mit Fußball in Verbindung gebracht wie Lateinamerika. Brasilien gilt als das Fußballland schlechthin. In Uruguay fand 1930 die erste Weltmeisterschaft statt. Nicht wenige der großen Fußballstars kommen aus Lateinamerika: Pelé zum Beispiel, über den der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano einmal sagte, er „spiele Fußball wie Gott, würde der sich ernsthaft dieser Angelegenheit widmen“. Oder Diego Maradona, „die Hand Gottes“, der in Argentinien (und nicht nur dort) wie ein Heiliger verehrt wird.
Der europäische Blick auf Lateinamerika oszilliert zwischen Idealisierung als vermeintlichem Tropenparadies und Verdammung als Region korrupter Staaten mit nicht funktionierenden Institutionen. Dabei wird eine klischeehafte Homogenisierung des Kontinents und seiner BewohnerInnen vorgenommen. Gerne werden vermeintliche „nationale Eigenarten“ folkloristisch hervor gehoben. Nicht nur beim europäischen Publikum, sondern auch bei den meisten Fußballkommentatoren bestimmen diese die Vorstellungswelt.
Die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft wird das Publikum sicher wieder mit unzähligen „Weisheiten“ von Kommentatoren und JournalistInnen beglücken, die ganz genau über das Wesen der teilnehmenden „Nationen“ Bescheid zu wissen vorgeben. Frei nach Heribert Fassbenders Übersetzungsleistung bei der WM 2002: „Und jetzt skandieren die Fans wieder: ‘Türkiye! Türkiye!’, was so viel heißt wie Türkei! Türkei!“. Dabei könnten die Unterschiede zwischen Südamerika, Zentralamerika und der Karibik auch bezüglich des Fußballs kaum größer sein. Begleitet wird die Projektion eigener Vorurteile von unerschütterlichen Mythen, wie dem vom „Fußballkrieg“ zwischen El Salvador und Honduras, die immer wieder zum Besten gegeben werden.
Auch in Lateinamerika wurde und wird Fußball zur Herrschaftsstabilisierung eingesetzt, hilft beim Aufbau von nationaler Identifikation und dient als Ventil für soziale Unzufriedenheit. Fußball ist auch dort ein riesiges Geschäft, in dem sich Fußball, Kapital, Politik und kriminelle Strukturen miteinander verstricken.
Anlässlich der Weltmeisterschaft 2006 geht der Sammelband Futbolistas in über 45 Artikeln von mehr als 30 AutorInnen aus Deutschland und Lateinamerika auf diese und noch viele weitere Facetten mehr ein. Unter den AutorInnen sind unter anderem begeisterte FußballspielerInnen, TrainerInnen, SchriftstellerInnen, GewerkschafterInnen, SozialwissenschaftlerInnen, AnwältInnen und politische AktivistInnen. Gemeinsam ist ihnen die gesellschaftliche Kontextualisierung der „wichtigsten Nebensache der Welt“. Und so verschieden wie die AutorInnen, sind auch die Themen. Die Beiträge gehen zum Beispiel auf den Frauenfußball in verschiedenen Ländern ein, auf die Religiosität vor allem der brasilianischen Stars oder auf die zunehmende Gewalt im südamerikanischen Fußball. Thematisiert wird außerdem der Einfluss der Medien, Rassismus, der „linke“ Fußball sowie Fußball im lateinamerikanischen Film.
In dem Buch finden sich viele Länderporträts, wie zum Beispiel zu Costa Rica, Ecuador, Uruguay und der Karibik, sowie Porträts von bekannten und weniger bekannten Spielern wie Garrincha, di Stefano oder Chilavert und der mexikanischen Spielerin „Marigol“. Neben historischen Artikeln zu der vom Militärregime instrumentalisierten Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien (und über die Reaktion des DFB und der deutschen Presse) und den Protestaktionen gegen die Militärdiktatur in Chile, werden die Arbeitsbedingungen in den Maquilas Zentralamerikas, in denen Trikots und andere Sportbekleidung hergestellt werden, problematisiert. Auch Kurioses wird erzählt: So zum Beispiel über einen Fußballverein in Bolivien, dem die bürgerliche Presse unterstellt, junge Indígenas als Guerilleros auszubilden. Aber auch der Blick nach Europa fehlt nicht. So wird über einen jungen Spieler aus Argentinien berichtet, den es in die deutsche Provinz verschlug und über die ersten beiden brasilianischen Spielerinnen in Deutschland. Außerdem findet sich ein Porträt über Beverly Ranger, die erste schwarze Frau im deutschen Fußball.
Wie an den Beiträgen deutlich wird, handelt es sich nicht um ein Buch für FußballfanatikerInnen, sondern um ein anregendes Lesebuch für politisch und sozial interessierte Menschen mit Interesse am Fußball.

Dario Azzellini, Stefan Thimmel (Hrsg.): Fußball und Lateinamerika: Hoffnungen und Helden, Politik und Kommerz, erscheint voraussichtlich im März 2006 bei Assoziation A, ca. 250 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ca. 18.00 Euro.

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