Die im Schatten stehenden ins Licht rücken
Interview mit Gründer*innen der Theatergruppe Mapa Teatro

Was macht Ihre Theatergruppe so besonders?
Rolf Abderhalden (RA): Wir gründeten Mapa Teatro vor 40 Jahren in Paris, als wir unsere künstlerische Ausbildung beendeten, und bevor wir nach Kolumbien zurückkehrten, nach Bogotá, wo wir geboren und aufgewachsen sind. Unser Vater ist Deutschschweizer aus St. Gallen und unsere Mutter ist Kolumbianerin. Unsere professionelle Ausbildung absolvierten wir in Europa mit einem starken Einfluss des deutschen Theaters, speziell von wichtigen Dramaturgen wie Heiner Müller, von dem wir mehrere Werke aufgeführt haben und der auch von unserer Arbeit wusste, zum Beispiel ein Werk, das wir 1994 bearbeitet haben, über einen seiner Texte: „Der Horatier”. Eine Adaptation, die Heiner Müller von einem Text von Bertolt Brecht schrieb. Wir haben dieses Stück in dem Gefängnis La Picota mit den Häftlingen in Bogotá aufgeführt. Das war in der Blütezeit des Drogenhandels, und viele Jugendliche wurden als sicarios („Auftragsmörder“) angeheuert. Genau mit diesen Jugendlichen realisierten wir dieses Stück. 1994 wurde es in Bogotá aufgeführt. Mapa Teatro ist seit seiner Gründung ein Experimentallabor verschiedener Künstler*innen aus verschiedenen Disziplinen. Dieser Mix führte uns dazu, die ersten transdisziplinären Arbeiten mit unserer Gruppe zu kreieren. Seit unserer Rückkehr nach Kolumbien 1988 machen wir Projekte, die die Grenzen des dramatischen Theaters überschreiten und sich mit Fragen beschäftigen, die die Realität in unserem Land betreffen, die aber immer auch eine globale Resonanz haben. Wegen unserer Beziehungen zu Deutschland wurden unsere Produktionen in vielen deutschen Theatern gezeigt. Das letzte Stück hieß „La Luna en el Amazonas“ („Der Mond im Amazonas“) und war eine Koproduktion der Ruhr-Trienale in Essen 2021. Wir haben uns auch in Frankfurt präsentiert, außerdem in der Schaubühne, im Haus der Kulturen der Welt und im Hebeltheater sowie im Theater der Formen in Hamburg.
Im Stück spielen die Nukak, ein Indigenes Volk, eine wichtige Rolle. Wie kam es dazu?
Heidi Abderhalden (HA): Die Vorbereitung und Vorarbeit des Stückes sind sehr wichtig, denn eines der Merkmale von Mapa Teatro ist es, Prozesse anzustoßen. Prozesse mit verschiedenen Manifestationen, Installationen oder Performances, sowie Video-Performances – alles hängt von der Frage ab, die wir uns im Projektprozess stellen. Dieser Prozess begann mit der Frage nach der Existenz von abgeschotteten Gemeinschaften im kolumbianischen Amazonas, die sich freiwillig isolierten. Ausgehend von einem Buch des Anthropologen Roberto Franco und seiner Hypothese über die Existenz einer spezifischen Gemeinschaft im kolumbianischen Amazonas, begannen wir den Prozess vor fünf Jahren. Der Autor war wichtig für den Schutz des Naturerbes und die Schaffung von Schutzgebieten für die freiwillig isolierten Stämme. Das erste Werk war eine Art Installation für die Biennale in Berlin im Gropius-Bau im Jahr 2020, dem Jahr der Pandemie. Deshalb konnten wir nicht dort sein und alles lief über Videocalls. Schon zu diesem Zeitpunkt entstand Material, wie einzelne visuelle und Klang-Szenen. Danach erarbeiteten wir das Stück „La Luna en el Amazonas“, das wir auch aufführten. Als wir diesen ersten Zyklus beendet hatten, wollten wir zum gleichen Thema weiterarbeiten, aber natürlich auch im Zuge der neuen linken Regierung, die den Schutz des Amazonas als eine Priorität ansieht. Und als wir darüber nachdachten, was der nächste Schritt sein könnte nach den Isolierten und Nichtkontaktierten, blieb nur noch ein Volk in diesem Zustand übrig, und das sind die Nukak. Es gibt eine Hypothese, dass sich die Nukak wegen der Gewalt und dem Kautschukboom im 19. Jahrhundert selbst isolierten. Deshalb dachten wir, dass es perfekt mit dem Roman La Vorágine („Der Strudel“) zusammenpasst. Es ist der erste Roman, der den Genozid an den Indigenen im kolumbianischen Amazonas anprangert. So haben wir die beiden Anliegen zusammengebracht, die des Schriftstellers José Eustasio Rivera und unseren Wunsch, an diesem Thema weiterzuarbeiten.
RA: Wir dachten, dass das Buch La Vorágine und die Nukak gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, und nach 100 Jahren nach dem Erscheinen des Romans war es an der Zeit für eine Neuinterpretation, eine aktuelle Lesart, in der die Figuren, die im Schatten der Geschichte stehen, wie die Nukak, ans Licht kommen und einen Protagonismus spielen, den sie vor 100 Jahren noch nicht hatten, weil der Buchautor auch noch nichts von der Existenz dieser Indigenen Gemeinschaft wusste, da er isoliert war. Aber 100 Jahre danach wissen wir, dass sie einen Teil des Territoriums bewohnten, in dem der Roman spielt. Das hat unser Interesse geweckt: die Präsenz dieser Indigenen Gemeinschaft wieder sichtbar zu machen, da es eines der größten Versagen des Staates im Bereich des Schutzes einer Kultur ist, deren Territorium wegen des Kautschuks im 19. Jahrhundert enteignet wurde, bis hin zur Entwaldung für den Kokaanbau, die Viehwirtschaft der Siedler, den Goldabbau und letztendlich alle Formen des Extraktivismus, aufgrund dessen diese Bevölkerungsgruppe gewaltsam vertrieben wurde.
HA: Eine Charakteristik dieses Projektes, das nicht einfach war, erfüllte uns mit Widersprüchen und Paradoxien. Wie sollte sie in dem Roman genannt werden? Deshalb dachten wir, dass die beste Art wäre, wenn sie sich selbst über ihre eigene Sprache benennen, denn vielleicht sind ihre Mythologie und Rituale durch die Vertreibung verloren gegangen, aber ihre eigene Sprache hat überlebt; es gibt von ihr vier Varianten einer linguistischen Familie. Deshalb entschieden wir uns für diese beidseitige Form: Sie benennen uns, wir benennen sie und wir treffen uns so. Somit kehren wir die hegemonische Beziehung um, dass alles immer auf Spanisch sein muss, und wir entschieden, dass alles auf Nukak sein soll. Deshalb verstehen wir, die Spanisch sprechen, die Hälfte der Beziehung mit ihnen nicht. Wir wissen aber, was sie sagen, weil wir ein paar ausgewählte Fragmente in zwei Varianten übersetzt haben, sowohl mündlich als auch schriftlich. So dachten wir, war ihre Art, sich zu bezeichnen, und am Ende des Projektes stand ihre Präsenz auf der Bühne.
Warum haben Sie eine Interpretation des Werkes „La Vorágine“ erarbeitet?
HA: Die Hauptabsicht ist, ein historisches Archiv zu schaffen.
RA: Deshalb wollten wir 100 Jahre später eine neue Lesart, bei der die im Schatten Stehenden ins Licht rücken und so den Roman aktualisieren und einer Revision als historisches Archiv unterziehen. Denn dieser Roman, obwohl er eine Fiktion ist, basiert zum großen Teil auf Dokumenten und historischen Geschehnissen, die der Autor auf seiner Reise durch den Amazonas sammelte und erlebte. Der kreative Prozess zwischen Mapa Teatro und den Repräsentant*innen der Nukak begann mit der Übersetzung, um etwas gemeinsam zu produzieren.
Wie war der Schaffensprozess mit Mapa Teatro und den Indigenen Nukak?
HA: Wir kamen mit den Nukak über das Programm Amazonas Mía in Kontakt, das ein Programm gegen die Abholzung ist und eine würdige Rückkehr in ihr Territorium ermöglichen soll. Wir schlugen ihnen vor, mit ihnen zusammenzuarbeiten, aber für sie war es etwas völlig Neues. Wir fingen an, mit der Übersetzung von Fragmenten zu arbeiten, aber es handelt sich um eine orale Kultur, wie sie von der Anthropologin Dany Mahecha klassifiziert wurde. Deshalb war es auch das erste Ziel, eine experimentelle, zeitlich begrenzte Gemeinschaft zu bilden und uns den gleichen Bedingungen auszusetzen. Und dann schufen wir Laboratorien der sozialen Imagination, ein bisschen wie es Heiner Müller machte. Darauf folgten die Übersetzungslaboratorien, die sehr lange dauerten. Sie hatten eine spezielle Methodologie. Zuerst wurde die Lyrik des Romans beseitigt, um ihn mündlich zu verarbeiten. So wurde er an die Hörgewohnheiten der Nukak angepasst. Wir hatten auch eine Linguistin dabei, Sofia. Mit ihr wurden die Texte zuerst mündlich erzählt und dann auf Nukak niedergeschrieben, bevor sie ins Spanische übersetzt wurden. Es gibt heute vier Versionen von „La Vorágine“: die Originalfassung, die nicht-lyrische Fassung, die Nukak-Version und die Übersetzung vom Nukak ins Spanische, die sich alle nicht ähneln.
Gibt es Pläne, das Werk in anderen Regionen Kolumbiens zu zeigen?
HA: Wir werden es in San José del Guaviare den anderen Nukak-Familien zeigen. Wir glauben, dass es wichtig ist, um den Prozess dort zu beenden und zurückzugeben, was entstanden ist. Für uns ist es eine Verpflichtung, dass das Werk zurückkehrt.
Welchen Traum haben Sie für Kolumbien?
HA: Dass die Nukak unter würdigen Bedingungen in ihr Territorium zurückkehren können, und ich habe den Wunsch, dass sie unseren Präsidenten regieren lassen.
RA: Und dass sie auch in einen Amazonas zurückkehren können, denn wir befinden uns in einem sehr kritischen Moment des Klimawandels. Also ist auch der Wunsch nach der Rettung des Amazonas ein wichtiger Traum für uns.
Was macht Ihre Theatergruppe so besonders?
Rolf Abderhalden (RA): Wir gründeten Mapa Teatro vor 40 Jahren in Paris, als wir unsere künstlerische Ausbildung beendeten, und bevor wir nach Kolumbien zurückkehrten, nach Bogotá, wo wir geboren und aufgewachsen sind. Unser Vater ist Deutschschweizer aus St. Gallen und unsere Mutter ist Kolumbianerin. Unsere professionelle Ausbildung absolvierten wir in Europa mit einem starken Einfluss des deutschen Theaters, speziell von wichtigen Dramaturgen wie Heiner Müller, von dem wir mehrere Werke aufgeführt haben und der auch von unserer Arbeit wusste, zum Beispiel ein Werk, das wir 1994 bearbeitet haben, über einen seiner Texte: „Der Horatier”. Eine Adaptation, die Heiner Müller von einem Text von Bertolt Brecht schrieb. Wir haben dieses Stück in dem Gefängnis La Picota mit den Häftlingen in Bogotá aufgeführt. Das war in der Blütezeit des Drogenhandels, und viele Jugendliche wurden als sicarios („Auftragsmörder“) angeheuert. Genau mit diesen Jugendlichen realisierten wir dieses Stück. 1994 wurde es in Bogotá aufgeführt. Mapa Teatro ist seit seiner Gründung ein Experimentallabor verschiedener Künstler*innen aus verschiedenen Disziplinen. Dieser Mix führte uns dazu, die ersten transdisziplinären Arbeiten mit unserer Gruppe zu kreieren. Seit unserer Rückkehr nach Kolumbien 1988 machen wir Projekte, die die Grenzen des dramatischen Theaters überschreiten und sich mit Fragen beschäftigen, die die Realität in unserem Land betreffen, die aber immer auch eine globale Resonanz haben. Wegen unserer Beziehungen zu Deutschland wurden unsere Produktionen in vielen deutschen Theatern gezeigt. Das letzte Stück hieß „La Luna en el Amazonas“ („Der Mond im Amazonas“) und war eine Koproduktion der Ruhr-Trienale in Essen 2021. Wir haben uns auch in Frankfurt präsentiert, außerdem in der Schaubühne, im Haus der Kulturen der Welt und im Hebeltheater sowie im Theater der Formen in Hamburg.
Im Stück spielen die Nukak, ein Indigenes Volk, eine wichtige Rolle. Wie kam es dazu?
Heidi Abderhalden (HA): Die Vorbereitung und Vorarbeit des Stückes sind sehr wichtig, denn eines der Merkmale von Mapa Teatro ist es, Prozesse anzustoßen. Prozesse mit verschiedenen Manifestationen, Installationen oder Performances, sowie Video-Performances – alles hängt von der Frage ab, die wir uns im Projektprozess stellen. Dieser Prozess begann mit der Frage nach der Existenz von abgeschotteten Gemeinschaften im kolumbianischen Amazonas, die sich freiwillig isolierten. Ausgehend von einem Buch des Anthropologen Roberto Franco und seiner Hypothese über die Existenz einer spezifischen Gemeinschaft im kolumbianischen Amazonas, begannen wir den Prozess vor fünf Jahren. Der Autor war wichtig für den Schutz des Naturerbes und die Schaffung von Schutzgebieten für die freiwillig isolierten Stämme. Das erste Werk war eine Art Installation für die Biennale in Berlin im Gropius-Bau im Jahr 2020, dem Jahr der Pandemie. Deshalb konnten wir nicht dort sein und alles lief über Videocalls. Schon zu diesem Zeitpunkt entstand Material, wie einzelne visuelle und Klang-Szenen. Danach erarbeiteten wir das Stück „La Luna en el Amazonas“, das wir auch aufführten. Als wir diesen ersten Zyklus beendet hatten, wollten wir zum gleichen Thema weiterarbeiten, aber natürlich auch im Zuge der neuen linken Regierung, die den Schutz des Amazonas als eine Priorität ansieht. Und als wir darüber nachdachten, was der nächste Schritt sein könnte nach den Isolierten und Nichtkontaktierten, blieb nur noch ein Volk in diesem Zustand übrig, und das sind die Nukak. Es gibt eine Hypothese, dass sich die Nukak wegen der Gewalt und dem Kautschukboom im 19. Jahrhundert selbst isolierten. Deshalb dachten wir, dass es perfekt mit dem Roman La Vorágine („Der Strudel“) zusammenpasst. Es ist der erste Roman, der den Genozid an den Indigenen im kolumbianischen Amazonas anprangert. So haben wir die beiden Anliegen zusammengebracht, die des Schriftstellers José Eustasio Rivera und unseren Wunsch, an diesem Thema weiterzuarbeiten.
RA: Wir dachten, dass das Buch La Vorágine und die Nukak gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, und nach 100 Jahren nach dem Erscheinen des Romans war es an der Zeit für eine Neuinterpretation, eine aktuelle Lesart, in der die Figuren, die im Schatten der Geschichte stehen, wie die Nukak, ans Licht kommen und einen Protagonismus spielen, den sie vor 100 Jahren noch nicht hatten, weil der Buchautor auch noch nichts von der Existenz dieser Indigenen Gemeinschaft wusste, da er isoliert war. Aber 100 Jahre danach wissen wir, dass sie einen Teil des Territoriums bewohnten, in dem der Roman spielt. Das hat unser Interesse geweckt: die Präsenz dieser Indigenen Gemeinschaft wieder sichtbar zu machen, da es eines der größten Versagen des Staates im Bereich des Schutzes einer Kultur ist, deren Territorium wegen des Kautschuks im 19. Jahrhundert enteignet wurde, bis hin zur Entwaldung für den Kokaanbau, die Viehwirtschaft der Siedler, den Goldabbau und letztendlich alle Formen des Extraktivismus, aufgrund dessen diese Bevölkerungsgruppe gewaltsam vertrieben wurde.
HA: Eine Charakteristik dieses Projektes, das nicht einfach war, erfüllte uns mit Widersprüchen und Paradoxien. Wie sollte sie in dem Roman genannt werden? Deshalb dachten wir, dass die beste Art wäre, wenn sie sich selbst über ihre eigene Sprache benennen, denn vielleicht sind ihre Mythologie und Rituale durch die Vertreibung verloren gegangen, aber ihre eigene Sprache hat überlebt; es gibt von ihr vier Varianten einer linguistischen Familie. Deshalb entschieden wir uns für diese beidseitige Form: Sie benennen uns, wir benennen sie und wir treffen uns so. Somit kehren wir die hegemonische Beziehung um, dass alles immer auf Spanisch sein muss, und wir entschieden, dass alles auf Nukak sein soll. Deshalb verstehen wir, die Spanisch sprechen, die Hälfte der Beziehung mit ihnen nicht. Wir wissen aber, was sie sagen, weil wir ein paar ausgewählte Fragmente in zwei Varianten übersetzt haben, sowohl mündlich als auch schriftlich. So dachten wir, war ihre Art, sich zu bezeichnen, und am Ende des Projektes stand ihre Präsenz auf der Bühne.
Warum haben Sie eine Interpretation des Werkes „La Vorágine“ erarbeitet?
HA: Die Hauptabsicht ist, ein historisches Archiv zu schaffen.
RA: Deshalb wollten wir 100 Jahre später eine neue Lesart, bei der die im Schatten Stehenden ins Licht rücken und so den Roman aktualisieren und einer Revision als historisches Archiv unterziehen. Denn dieser Roman, obwohl er eine Fiktion ist, basiert zum großen Teil auf Dokumenten und historischen Geschehnissen, die der Autor auf seiner Reise durch den Amazonas sammelte und erlebte. Der kreative Prozess zwischen Mapa Teatro und den Repräsentant*innen der Nukak begann mit der Übersetzung, um etwas gemeinsam zu produzieren.
Wie war der Schaffensprozess mit Mapa Teatro und den Indigenen Nukak?
HA: Wir kamen mit den Nukak über das Programm Amazonas Mía in Kontakt, das ein Programm gegen die Abholzung ist und eine würdige Rückkehr in ihr Territorium ermöglichen soll. Wir schlugen ihnen vor, mit ihnen zusammenzuarbeiten, aber für sie war es etwas völlig Neues. Wir fingen an, mit der Übersetzung von Fragmenten zu arbeiten, aber es handelt sich um eine orale Kultur, wie sie von der Anthropologin Dany Mahecha klassifiziert wurde. Deshalb war es auch das erste Ziel, eine experimentelle, zeitlich begrenzte Gemeinschaft zu bilden und uns den gleichen Bedingungen auszusetzen. Und dann schufen wir Laboratorien der sozialen Imagination, ein bisschen wie es Heiner Müller machte. Darauf folgten die Übersetzungslaboratorien, die sehr lange dauerten. Sie hatten eine spezielle Methodologie. Zuerst wurde die Lyrik des Romans beseitigt, um ihn mündlich zu verarbeiten. So wurde er an die Hörgewohnheiten der Nukak angepasst. Wir hatten auch eine Linguistin dabei, Sofia. Mit ihr wurden die Texte zuerst mündlich erzählt und dann auf Nukak niedergeschrieben, bevor sie ins Spanische übersetzt wurden. Es gibt heute vier Versionen von „La Vorágine“: die Originalfassung, die nicht-lyrische Fassung, die Nukak-Version und die Übersetzung vom Nukak ins Spanische, die sich alle nicht ähneln.
Gibt es Pläne, das Werk in anderen Regionen Kolumbiens zu zeigen?
HA: Wir werden es in San José del Guaviare den anderen Nukak-Familien zeigen. Wir glauben, dass es wichtig ist, um den Prozess dort zu beenden und zurückzugeben, was entstanden ist. Für uns ist es eine Verpflichtung, dass das Werk zurückkehrt.
Welchen Traum haben Sie für Kolumbien?
HA: Dass die Nukak unter würdigen Bedingungen in ihr Territorium zurückkehren können, und ich habe den Wunsch, dass sie unseren Präsidenten regieren lassen.
RA: Und dass sie auch in einen Amazonas zurückkehren können, denn wir befinden uns in einem sehr kritischen Moment des Klimawandels. Also ist auch der Wunsch nach der Rettung des Amazonas ein wichtiger Traum für uns.
Über künstlerische Grenzen hinweg
Heidi, Elizabeth und Rolf Abderhalden haben das Kunstprojekt Mapa Teatro 1984 in Paris gegründet. Es ist ein transdisziplinäres Projekt, in dem szenische und visuelle Künstler*innen mitwirken und geographische, sprachliche und künstlerische Grenzen sprengen. Hierbei ensteht ein Raum, in dem Mythen und Geschichte kontinuierlich bestehen und durch verschiedene künstlerische Ausdrucksformen gezeigt werden – seien es Theater, Oper, Kabarett Radio, Klang- und Videoinstallationen oder Aktionen im urbanen Raum. Dabei sollen Dokumentation und Archivbeiträge mit Fiktion kombiniert werden. Die Projekte sind auf verschiedenen Sprachen realisiert worden, neben „La Vorágine más allá“ auf Nukak gibt es Stücke auf Russisch, Spanisch, Französisch und Tamil. Dieses Theaterstück konnte dank der Hilfe des Centro Nacional de Artes de Bogotá aufgeführt werden.



