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Die inneren Kriege

Die Art von Buch, von dem man wochenlang träumt.” Mit diesem Lob Isabel Allendes wird Sandra Benítez’ Roman Elenas Haus in Deutschland und den USA (Bitter Grounds, 1997) angepriesen. Kurz und prägnant faßt die selbsternannte Aphrodite Lateinamerikas das Erfolgsrezept zusammen, mit dem sie selbst in den 80er Jahren berühmt wurde: Leidenschaft, Liebe und Tod, gewürzt mit etwas Politik. So wird Geschichte verdaubar präsentiert und mit wunderschönen Liebesgeschichten verbunden. Trotz aller Kritik ist es Allende zuzugestehen, daß viele Menschen, die mit Politik sonst nichts am Hut hatten, sich mit ihren Romanen erstmals für die politischen Ereignisse in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas interessierten.
Eine ähnliche Wirkung könnte Sandra Benítez mit dem vorliegenden Roman erzielen. Denn auch sie beherrscht die Kunst, aus den bekannten Ingredienzen eine spannende, mitreißende Geschichte zu kreieren. Elenas Haus ist meisterinnenhaft geschrieben, ein großer, tragender Erzählfluß, der durch die Höhen und Tiefen des Lebens zweier Familien führt. Wem es nach einer spannenden Familiensaga gelüstet, der könnte an diesem stimmungsvollen Roman Geschmack finden. Doch wer erwartet, neben dem Lesevergnügen tiefer in die Abgründe der salvadorianischen Vergangenheit einzutauchen, der könnte einen bitteren Nachgeschmack verspüren bei soviel leidenschaftlichen, starken Frauen inmitten der Schrecken der Zeit. Die brutale Welt bedroht nicht, sie ist entschärft durch Liebesgeschichten, ähnlich denen der Radionovela, der die Dienstboten in Elenas Haus jeden Mittag lauschen, um sich für einen kurzen Augenblick aus der bitteren Realität wegzuträumen.
Mit diesem zweiten Buch Sandra Benítez’ wird deutlich, daß die US-Puertorikanerin ihre verschiedenen Heimaten in den literarischen Mittelpunkt stellt. In Washington D.C. geboren, wuchs sie in El Salvador, Mexiko und Missouri auf. Ihr Erstling Santiago, Mexico (München 1995), der in den USA mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, erzählt aus dem Leben einer kleinen Dorfgemeinschaft an der Pazifikküste Mexikos. Diesem mexikanischen Mikrokosmos folgt nun, historisch und geographisch breiter angelegt, die Chronik zweier Familien im El Salvador der 30er bis 70er Jahre.

Bitterer Bodensatz

Während der Matanza, dem Massaker von 1932, verliert die Pipil-Indígena Mercedes Prieto Mann und Sohn, kann jedoch selbst mit ihrer Tochter Jacinta und einem Waisenjungen fliehen. Da sie mit der Familie auch ihr Land verloren haben, arbeiten die drei für den Kaffeebaron Ernesto Contreras auf der Plantage, Mercedes tritt zudem als Wäscherin in den Dienst seiner Frau. So verbindet sich ihr Leben mit dem der wohlhabenden Elena de Contreras, die glücklich mit ihrer Familie und der besten Freundin, der frisch verwitweten Cecilia zusammen lebt, bis sie diese eines Abends mit ihrem Mann im Bett erwischt. Auf den folgenden 500 Seiten wird die Geschichte der Prietos und Contreras über drei Generationen hinweg aufgerollt.
So, wie die Frauen beider Familien miteinander verbunden sind, so hängen auch salvadorianische Geschichte und Einzelschicksale miteinander zusammen: Während die Guardia immer wieder Leid über die Prieto-Familie bringt, stellt die Guerilla die größte Bedrohung für die Contreras dar. Doch der Zusammenhang zwischen der Gewalt auf beiden Seiten wird genauso wenig thematisiert wie die Kluft zwischen den Prietos und den Contreras. Sätze wie “Sie war ein indianisches Mädchen, das jetzt ein anscheinend zufriedenes Leben bei Leuten genau wie denjenigen führte, die ihr ihre Vergangenheit gestohlen hatten” sind selten: Die Diskrepanz zwischen dem verschwenderischen Lebensstil der Contreras und dem Überlebenskampf der Prietos wird zwar dargestellt, jedoch nicht kommentiert. Mehr Gewicht erlangen statt dessen ausführliche Beschreibungen der geschmackvollen Wohnungseinrichtung oder der eleganten Kleidung der Contreras. Die zwischenmenschlichen Dramen der Protagonistinnen nehmen mindestens genauso viel Platz ein wie die politischen Ereignisse. Zwar widmet Sandra Benítez ihren Roman “dem salvadorianischen Volk, dessen Geschichte es ist”, doch diese fungiert eher als Kulisse der Dramen, die sich innerhalb der Familien, zwischen Freundinnen und Liebenden abspielen. Leidenschaft ist ihr Motor, nicht Politik.

Die Unverdaulichkeit des Grauens

“Es war mein Anliegen, im Kleide der Fiktion die Wahrheit zu erfinden.” Dieser Anmerkung der Autorin folgt ein Gedicht der Guerrillera Jacinta. “Bitterer Bodensatz”, so lautet auch der Originaltitel des Romans. In ihm werden die verschiedenen Bedeutungen, die der Kaffee für Plantagenbesitzer und Pflücker hat, benannt. Gerade dieser Gegensatz war es wohl, den sie darstellen wollte, der für sie “Wahrheit” bedeutet. Doch das Greuel läßt sich nicht in eine Familiensaga verrühren. Möglicherweise war ihr dies sogar bewußt, wenn sie im letzten Kapitel schreibt: “Welchen Sinn, die Schläge aufzuzählen, die das Schicksal austeilte: die Fleisch zerfetzenden Kugeln, die niederschmetternde Einsicht, daß geliebte Menschen für alle Ewigkeit verloren sind und welch schrecklichen Verrats sie fähig waren. Zu welchem Zweck es weitererzählen? Zu sagen bleibt nur, daß das ganze Grauen zu Besuch kam und in seinem Sog Reue und Schuld und nicht wenig Bitterkeit zurückließ.”
Demetria Martinez würde wohl antworten, daß Geschehenes weitererzählt werden muß, um es nicht zu vergessen. Ihrem Roman Der Himmel ist ewig stellt sie zwei Zitate (Popol Vuh, Paul Simon) voran, die beide das Erinnern beschwören. Und in der Tat ist dieser Roman ein minutiöses, manchmal schmerzhaftes Erinnern der Protagonistin Mary an den Sommer 1982, die Zeit mit dem salvadorianischen Flüchtling José Luis. Nicht El Salvador, sondern der Umgang mit dem fernen Krieg und seinen Opfern ist Gegenstand dieses Buches.
Wie bei Benítez ist Martinez’ Themenwahl biographisch bedingt: Die in New Mexico geborene Journalistin hatte Mitte der 80er Jahre zwei salvadorianische Frauen bei ihrer “illegalen” Einreise in die USA begleitet und interviewt. Daraufhin stand sie wegen Verschwörung und Fluchthilfe vor Gericht, konnte jedoch nach drei Jahren freigesprochen werden. Nach dem Prozeß schrieb sie diesen Roman (Mother Tongue, 1994), ihren ersten, der im gleichen Jahr mit dem “Western States Book Award for Fiction” ausgezeichnet wurde.

Träume aus zwei Welten

In Der Himmel ist ewig trifft die junge, etwas ziellose Mary auf den salvadorianischen Flüchtling José Luis. Sie leben nur einen Sommer lang zusammen, doch dieser verändert Marys Leben radikal. Zehn Jahre später läßt sie die Vergangenheit Revue passieren und fügt dafür Tagebucheintragungen, Briefe, Gedichte, Rezepte, aber auch Zeitungsausschnitte und Urgent-Action-Aufrufe zusammen. Mit kritischem Blick beschreibt sie sich als junge Frau, die ihr Leben in einem Mann sucht, um die eigene Geschichte zu vergessen. Die sich diesen Mann erfindet, indem sie nur wahrnimmt, was in ihr romantisches Bild von Liebe und Revolution paßt:
“Politik war mir sowas von egal. Ich gehörte der Generation an, die irgendeiner vagen Theorie darüber anhing, daß sich der Mensch zuerst im Herzen ändern müsse; wir genossen den Luxus, uns dieses Denken leisten zu können, und vielleicht steckt ja ein Körnchen Wahrheit drin. José Luis muß es bezaubernd gefunden haben; schließlich waren wir beide Träumer. José Luis‘ großes Unglück war, daß er und seine compañeros versucht hatten, ihre Träume Fleisch werden zu lassen, ihnen Atem einzuhauchen.”
Diese Wahrnehmung aus der Ferne, die ebenso Deutschland sein könnte, ist jedoch nie die des Betroffenen. Für José Luis ist der Krieg in El Salvador kein Traum, sondern Realität, aus der es kein Erwachen gibt. Er ist nicht der Held, den Mary auch am Ende ihrer Erinnerung noch gerne in ihm sehen möchte. “Sie sieht meine Narben und denkt, ich sei tapfer gewesen, weil ich überlebt habe … Ich wünschte, ich könnte zu ihr sagen, keine meiner Handlungen hat Mut erfordert. Wenn auf einen geschossen wird, braucht es keinen Mut, sich zu ducken.” Mary kann José Luis nicht verstehen, weil sie in einer anderen Welt lebt, weil Revolution für sie nur ein Abenteuer ist. Wenn sie von El Salvador träumt, riecht sie Blumen, José Luis Napalm. Wenn er mit ihr schläft, dann auch, um für einen Augenblick den Krieg zu vergessen: “Benutze ich sie? Oder benutzt sie mich, jedesmal, wenn sie mich ansieht und etwas liebt, das gar nicht da ist?”

Die Kriege in uns

Marys schwärmerischen, etwas naiv anmutenden Berichten stehen Tagebuchauszüge von José Luis gegenüber. So werden die verschiedenen Wahrnehmungen der gemeinsamen Welt sichtbar. Demetria Martinez gelingt es, das Mißverstehen zweier Menschen nachzuzeichnen, die aus unterschiedlichen Realitäten kommen und beieinander Frieden finden wollen. Doch der Krieg holt sie ein. So wie José Luis El Salvador nicht vergessen kann, so drängt auch Marys Vergangenheit mehr und mehr an die Oberfläche. Die Begegnung mit José Luis wird zur Begegnung mit sich selbst. Nahezu atemlos ist diese Erinnerungs- und Entdeckungsreise geschrieben, in einer höchst poetischen Sprache, die eine schmerzhafte Intimität entstehen läßt. Wer sich auf diesen Roman einläßt, verläßt den sicheren Bereich, wird einbezogen in die Auseinandersetzung mit sich und dem Anderen.
Zwei Romane, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wäre da nicht El Salvador und seine blutige Geschichte. Doch mit dem Namen El Salvador verbinden beide Autorinnen eher die inneren Kriege als den sichtbaren. Schreiben bedeutet für sie, wie für Mary: “Woran ich mich nicht mehr erinnern kann, das werde ich erfinden, und ich werde meine Geschichten jenen darbringen, denen nicht genügend Zeit gewährt wurde, sich zu erinnern, heil zu werden.”

. Aus dem Amerikanischen von Helga Herborth, Droemer, München 1998, 8,90 Euro.
Demetria Martinez: Der Himmel ist ewig. Aus dem Amerikanischen von Sabine Hübner, Europaverlag, München-Wien 1996, 4,45 Euro.

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