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Die Jazz-Welt der Latinos

Die Musik wurde ihm in die Wiege gelegt. Zahlreiche Familienmitglieder von Julio Barreta, der 1967in La Havana geboren wurde, gehören zu den Meistern des kubanischen Jazz. Onkel Justo Barreto Rodrigues war Pianist bei Louis Armstrong und Alberto Barreto, ebenfalls ein Onkel, komponierte für Benny More. Dank ihnen und seinen älteren Brüdern, die ebenfalls talentierte Musiker sind, probierte sich Julio Barreto bereits im zarten Alter von sieben Jahren als Perkussionist in der afro-kubanischen Folklore aus. Fünf Jahre später hatte er seine ersten privaten und öffentlichen Auftritte. 1983 begann er an der kubanischen Musikakademie „Amadeo Roldan“ zu studieren, wo er sechs Jahre lang klassisch ausgebildet wurde. Währenddessen trat er mit Bands wie Kiki Corona und Roberto Poveda auf. Nach seinem Studium begann er, mit den erfolgreichsten und bekanntesten kubanischen KünstlerInnen aufzutreten, unter anderem mit Xiomara Laugart und Alfredo Rodriguez.
Im Januar 1991 tat sich Julio Barreto dann mit dem virtuosen Pianisten Gonzalo Rubalcaba zusammen, mit dem er sieben Jahre durch die Welt touren sollte. Mal als Trio, mal als Quartett traten sie mit bekannten Jazz-Größen wie Ron Carter, Charlie Haden, Miroslav Vitous und John Patitucci auf. Mit Rubalcaba realisierte er gefeierte Plattenaufnahmen wie „Suite 4 y 20“, „Rapsodia“, „Diz“, „Imagine“ und „Antiguo“.
Ende 1995 gründete Barreto dann mit den Kubanern Antonio Perez am Klavier und Manuel Orza am Bass seine eigene Band mit dem Namen „Julio Barreto Trio“. Gemeinsam brachten sie vier Jahre später ihr Debütalbum „lyabo“ heraus, bei dem Julio Barreto erstmals seine Qualitäten als Bandleader vorführte. Ende letzten Jahres erschien nun sein neuestes Album “Latino World”, das er zusammen mit dem Gitarristen Ademir Cândido, dem Saxophonisten Leandro Saint-Hill und Eduardo „Dudu“ Penz einspielte.

Ruheloser Charakter

Julio Barreto wohnt mittlerweile in der Schweiz. Allerdings sieht er die helvetischen Berge nicht allzu oft. Der Schlagzeuger und Perkussionist ist ein ruheloser Charakter. In den letzten Jahren reiste der gefragte Rhythmusspezialist quer durch Europa, gab pro Jahr mehr als einhundert Konzerte, war Gast diverser Festivals und trat in unzähligen Clubs auf. Hält er sich in der Schweiz auf, ist er an der Musikhochschule Basel anzutreffen, wo er in der Abteilung Jazz als Hauptfachlehrer für den Bereich Schlagzeug arbeitet. So viel er auch unterwegs sein mag, er kehrt doch immer wieder zu den Wurzeln seiner Heimat Kuba zurück, was er auch mit dieser jüngsten Plattenproduktion beweist.
Der programmatische Titel „Latino World“ beschreibt zwar die rhythmischen Grundlagen der Arbeit des Quartetts unter Barretos Leitung. Über die kubanische Klangtradition legen die vier Musiker jedoch vielfältige, mitreißende Rhythmus- und Melodieexperimente, deren Ursprünge im Jazz zu finden sind. Treibende kubanische Grooves und folkloristischen Gesang paart Barreto mit modernen Sounds aus dem Fusionsektor zu einem packenden modernen Latin-Jazz.
Dementsprechend ist „Latino World“ gekennzeichnet durch eine bunte Mischung, die sich von puren Jazz-Soli über neue Interpretationen traditioneller lateinamerikanischer Rhythmen bis zu folkloristischen Motiven erstreckt. Jeder Song der Platte trägt alle diese Facetten auf eigene Art in sich und stellt bestimmte Elemente in den Vordergrund.
Wer interessante Rhythmusexperimente schätzt und über moderne Jazz-Improvisationen auf kubanischen Wurzeln nicht die Nase rümpft, dem oder der sei diese Platte empfohlen.

Julio Barreto: Latino World,
Timba Records, www.termidor.de

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