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Die Kiste, das Buch und die Zigarre

Die Kiste: Cuba – I am Time

Ehrfurchtsvolle Neugierde regt sich beim Anblick der kleinen Zigarrenkiste. In den USA könnte sich so mancher Polizist für den von einem Yankee in die Staaten importierten Inhalt interessieren. Schließlich unterliegen auch die kubanischen Zigarren dem Handelsembargo. Vorsichtig die Banderole aufgeritzt, den Deckel anhoben, das Deckblatt erregt noch Mißtrauen. Sauber übereinandergestapelt liegen sie da: Vier CDs. Und spätestens jetzt erlischt das Interesse der Staatsmacht.
Für die vier CDs hat sich Jack O’Neil zwei Jahre Zeit genommen. Zwei Jahre hat er in den Archiven der staatlichen kubanischen Plattenfirma Egrem gekramt und recherchiert. Daß er damit 1997 eine Punktlandung hinlegen würde, wußte er damals wohl noch nicht. Drei Monate lag die Kiste auf Platz Eins der Worldmusic Charts Europe und erhielt dafür den Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 1997.
Mit 57 Titeln auf vier CDs gibt Cuba – I am Time einen Überblick über die Música Cubana von den 20er Jahren bis heute. Thematisch unterteilt beginnt die Sammlung mit Cuban Innovation, mit Liedern zu Ehren der Gottheiten der afro-kubanischen Religionen. (Siehe auch den Beitrag zum Thema in dieser Ausgabe.) Darauf folgt ein Wiederhören mit Los Muñequitos de Matanzas, die mit ihrer authentischen Rumba letztes Jahr erstmalig durch Europa tourten und auch beim Berliner Cubanísimo-Festival das Publikum begeisterten. Den Beginn macht allerdings die Gruppe Añag 7 des Perkussionisten Pancho Quinto. Er genießt ausreichend Autorität, um – wie bei dem Titel El Sinsonte – Rhythmen und Instrumente der verschiedenen afro-kubanischen Religionen zu mischen und mit weltlicher Rumba zu fusionieren. Nach dem Sieg der Revolution gehörte Pancho Quinto zu den Gründern des berühmten Ensembles Conjunto Folklórico Nacional de Cuba, das mit einem Lied zu Ehren der Meeresgöttin Yemaya zu hören ist.
CD Nummer 2 läuft unter dem Titel Cantar En Cuba und ist der kubanischen Canción-Tradition gewidmet. Bereits im vorigen Jahrhundert traten die Trovadores, die Straßenmusiker, von ihrer Gitarre begleitet, in Erscheinung. Ihre Lieder waren mündlich überliefert. Daraus entwickelte sich die Tradition der Trova, die nach ihrem zeitweiligen Niedergang in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts durch Musiker wie Pablo Milanés oder Pedro Luis Ferer als Nueva Trova wiederbelebt wurde. Cantar En Cuba stellt neben diesen beiden noch andere wichtige Solisten und Gruppen der Trova und Nueva Trova vor. Fehlen durfte dabei auf keinen Fall Joseito Fernández, der mit Guantanamera das wohl bekannteste kubanische Lied komponiert hat.
Bailar Con Cuba beschäftigt sich mit dem bekanntesten Aspekt der kubanischen Musik: Tanzen. Der Son steht im Mittelpunkt, und so beginnt die dritte CD zu Recht mit dem Größten aller Soñeros Beny Moré: Que Bueno Baila Usted. Der Tanz führt durch das Jahrhundert mit Musikern vom Orquesta Aragón, mit Arsenio Rodríguez oder Juan Formell und seiner Gruppe Los Van Van bis in die Neunziger zu Manuel Gonzales Hernandes, seines Zeichens El Médico de la Salsa. Ein Name, der deutlich macht, daß die kubanischen Musiker längst ihren Frieden mit dem aus New York stammenden Begriff Salsa gemacht haben.
New York wurde schon früh ein zweites Mekka für kubanische Musik. 1930 kam Mario Bauzá nach New York und trug wohl am meisten zur Kubanisierung des Jazz bei. Cuban Jazz, die vierte CD, beginnt daher nicht von ungefähr mit Mario Bauzá. Als Chef der Big Band von Cab Calloway engagierte Bauzá 1939 John Birks „Dizzy“ Gillespie. Als Dizzy acht Jahre später sein eigenes Orchester gründete, war es wieder Mario Bauzá, der helfend zur Seite stand und ihn mit dem kubanischen Conguero Chano Poz bekannt machte, womit die vielleicht berühmteste Partnerschaft des Latin Jazz geboren war. Über drei Jahrzehnte war Bauzá musikalischer Direktor der erfolgreichsten Latin Band der USA: Machito & his Afro-Cubans. Die sind allerdings nicht auf der CD vertreten. Dafür sind Chico O’Farrill mit Descarga Número Dos und Gonzalo Rubalcaba mit Woody’n You zu hören. Mit dabei auch der shooting-star des Jahres 1996 Jesus Alemañy, dessen CD Cubanismo zum meistverkauften Weltmusik-Album ‘96 avancierte. Den Abschluß macht kein Geringerer als Steve Colemann in einer gemeinsamen Aufnahme mit den Afro Cuba de Matanzas.
Erklärt und ergänzt wird das Ganze durch ein 112 Seiten starkes Booklet. Darin sind nicht nur erläuternde Texte zu den vier Themenbereichen, auch die auftretenden MusikerInnen werden eingehend porträtiert. Und hier findet sich auch ein Hinweis auf den Titel der Sammlung: Die Abbildung eines Wandgemäldes aus Santiago de Cuba, dem der Maler die Worte hinzufügte: Puedo esperar mas que tu, porque soy el tiempo – Ich kann länger warten als du, denn ich bin die Zeit.

Das Buch: Die Legenden der kubanischen Musik

Las Leyendas de la Música Cubana ähnelt nur äußerlich einem Buch. Wird es aufgeschlagen, finden sich im Einband eingefaßt vier CDs und ein 20-seitiges Booklet. Die Idee zu diesem Album entstand während einer Diskussion über die moderne Interpretation von Son und Salsa, und plötzlich stand die Frage im Raum, was denn eigentlich aus den alten kubanischen Rhythmen geworden ist: Chachachá, Bolero, Danzón und Guaracha. Womit auch bereits die vier Themenbereiche der CDs genannt sind. Während der Ursprung von Danzón, Bolero und Guaracha im vorigen Jahrhundert liegt, gibt es den Chachachá seit der Mitte unseres Jahrhunderts. Enrique Jorrín gründete 1942 das Orquesta América und 1948 komponierte Jorrín mit La Engañadora – die Betrügerin – den ersten Chachachá. Mit diesem Titel beginnt dann auch die erste CD der Vierlinge.
Im Unterschied zur Kiste sind die vier CDs im Buch keine Zusammenstellung von bekannten kubanischen MusikerInnen, sondern eine Zusammenstellung von bekannten Chachachás, Boleros, Danzones und Guarachas, gespielt vom Orquesta América, unter der Mithilfe von anderen kubanischen MusikerInnen wie Chucho Valdes oder Celina Gonzales. Das Orchester spielt seit seiner Gründung in der sogenannten Charanga-Formation, bei der Flöten und Violinen die herausragenden Rollen einnehmen. Diese Formation bildete sich im 19. Jahrhundert heraus.
Wer zu den Wurzeln von Son und Salsa möchte, ist mit diesem Album bestens bedient, und die informativen Ausführungen zu den Stilrichtungen im Booklet runden die Sache ab.

Die Zigarre: ¡Pinareño!

Das Kleinod des Jahres ‘97 ist die Wiederauflage von ¡Pinareño! 1989 reiste eine finnische Gruppe von Musikwissenschaftlern mit kubanischen Kollegen in die Tabakregion Pinar del Rio. Von ihrem Trip brachten sie eine der schönsten Mischungen kubanischer Musik mit, die anschließend in Finnland herausgebracht wurde. Und es läßt deshalb auch nicht erstaunen, wenn mit einem wunderschönen Controversia die finnisch-kubanische Freundschaft besungen wird. Dazu gibt es schmachtende Liebeslieder („Warum kommst Du nicht, obwohl Du weißt, daß ich Dich liebe; warum kommst Du nicht, wenn doch mein Leben Dir gehört.”), fetzigen Son (El son en Cuba no muere) und einen Bolero, der die Schönheit Pinar del Rios besingt.
Neben Bolero, Son, Guaracha und Danzón finden sich auch weniger bekannte Rhythmen wie Punto, Controversia und Rumba Columbia auf der dreizehn Titel umfassenden CD. Die Erläuterungen im Booklet sind ausreichend und angenehmerweise in englisch und spanisch. Das Ganze ist zudem liebevoll aufgemacht.
Wer sich nicht gleich die ganze Kiste oder die Vierlinge zwischen den Buchdeckeln leisten will, darf sich diese Zigarre nicht entgehen lassen. Die anderen sind die Zeit und die Legenden, ¡Pinareño! das Muß!

Cuba – I am Time, Blue Jackel, 1997.
Vertrieb: Exil Musik GmbH, 91593 Burgbernheim.
Las Leyendas de la Música Cubana – Orquesta América with Cuban All Stars, Tumi, 1997.
Vertrieb: Danza y Movimiento, 20327 Hamburg.
¡Pinareño! From the Tobacco Road of Cuba, Piranha, 1997.
Vertrieb: Piranha, 10623 Berlin.

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