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Die kleine Stadt und die Bank

Nicht in jedem seiner Romane bleibt Antonio Dal Masetto in Argentinien. Seine eigene italienisch-argentinische Migrantenbiographie hat er schon mehrfach aufscheinen lassen. Er ist seinen Wurzeln am Lago Maggiore nachgegangen, will wissen, wo er herkommt und wohin er gelangt ist. Aber auch in den Texten, in denen er sich keinen Schritt aus Argentinien herausbewegt, schreibt er über sich, über die Fremdheit. Es mag zunächst gar nicht danach aussehen, wem würden die in der glühenden Mittagssonne dösenden Männer schon als ungewöhnlich oder befremdend auffallen, mit denen Noch eine Nacht einsetzt. Fremd aber sind hier die vier Insassen des Autos, das an jenem schläfrigen Typen vorbei in die Provinzstadt Bosque einrollt.
Wir erfahren nicht, woher die vier kommen, kaum etwas darüber, wer sie sind, und erst nach und nach, was sie vorhaben. Sie quartieren sich in einem Hotel ein und erkunden das Städtchen. Ein Fest findet statt, einer bändelt in einem Club mit einer jungen Frau an, die bald heiraten soll, und verbringt mit ihr eine Nacht. Schließlich tun sie, wozu sie gekommen sind: Sie rauben eine Bank aus. Der Coup gelingt. Auf ihrer Flucht aber machen sie durch eine Unvorsichtigkeit einen ahnungslosen Polizisten auf sich aufmerksam, der gerade noch dafür sorgen kann, dass die Ausfahrten des Ortes gesperrt werden.

Verfolgungsjagd im Dorf

Der Rest des Buches – drei Viertel des Romans liegen noch vor uns – erzählt von einer packenden Verfolgungsjagd, an der sich ganz Bosque beteiligt. Die vier Männer müssen sich auf ihrer Flucht aufteilen. Jeder schafft es, zunächst einen provisorischen Unterschlupf zu finden, auf dem Verdeck eines Lieferwagens, in der Werkstatt eines Holzschnitzers, im Abstellraum einer Küche. Aber jeder muss von dort auch wieder verschwinden.
Wir werden dabei ganz hervorragend unterhalten. Dass sich jeder der vier allein durchschlagen muss, macht Dal Masetto zum Organisationsprinzip des Erzählens: Kapitel für Kapitel verfolgen wir je eines der Schicksale mit. Die drei anderen pausieren solange, was den irritierenden Eindruck hervorruft, ihre Lage würde dadurch etwas weniger bedrohlich. Knüpft der Erzählfaden jedoch wieder bei ihnen an, wird deutlich, dass sich ihre Situation eher verschlimmert hat. Dann scheitert der Erste, sein Unterschlupf wird gestürmt, er selbst getötet. Sein Erzählfaden reißt ab. Die Episoden verfolgen nun noch drei, dann zwei, dann nur noch einen der Flüchtigen.
Bis dahin haben wir allerdings einen ganzen Kosmos kennengelernt: eine kleinstädtische Gesellschaft mit einer leicht hysterisierbaren Mehrheit und ihren wenigen Außenseitern. Die Entschiedenheit und blinde Brutalität der einen zeigt sich als ebenso schockierend wie die Eigensinnigkeit, die schlechten Erfahrungen, die Ignoranz der anderen. Dal Masetto benötigt immer nur wenige Worte, um ganz verschiedene Menschen aufs lebendigste vorzustellen. Mit Sympathie geht er sparsam um, auch und gerade gegenüber den vier Männern.

Vorurteile und Störenfriede

Von Übel aber ist nicht der Einzelne, sondern die Masse, die gnadenlos dafür sorgt, dass die Störenfriede verschwinden. Damit wird der Roman zu einer vielfältig lesbaren Parabel über das Eindringen und Ausweisen, über Wissen und Vorurteile, über Gewohnheiten und außergewöhnliche Vorkommnisse. “Wer ist das, Mutter?” fragt ein Junge, als er sieht, wie einer der Bankräuber, der gefasst worden war, von der aufgebrachten Menge durch die Straßen getrieben wird. Sie sagt: “Ein schlechter Mensch.”
Dal Masetto hat sich zehn Jahre nach Noch eine Nacht noch einmal nach Bosque aufgemacht und, wenn nicht eine Fortsetzung, so doch vielleicht dieselbe Geschichte noch einmal, aber aus ganz anderer Perspektive erzählt. Dieser Band, der im Herbst im selben Verlag erscheinen wird, geht mit einem Menschen mit, der sich als Drehbuchautor ausgibt und die verschiedenen Stadtbewohner für einen Film unter die Lupe nehmen will. Er erfährt, wie sie diese Bankraubgeschichte erlebt haben – und vor allem, wer sie selbst sind. Man darf gespannt sein.

Kehrtwende im letzten Satz

Interessiert hat Noch eine Nacht offenbar auch die JurorInnen der Krimi-Bestenliste von arte, Die Welt und NordwestRadio – sie haben dem Buch auf Anhieb Platz vier in ihrer Juli-Liste zugestanden. Eine angemessene Entscheidung: Wer spannende Bücher mag und zugleich den geistreichen, stilsicheren Autor hinter dem Text schätzt, der ist bei Dal Masetto genau richtig. Weniger angemessen wäre, wenn Dal Masetto auf das Krimigenre festgenagelt würde. Streng genommen ist “Wer war der Täter?” hier nicht die Frage, sie stellen sich uns ja schon am Anfang höflich vor. Wirklich atemberaubend ist aber, dass einem beim Zuklappen des Buches klar wird, dass alles vielleicht ganz anders war. “Was ist eigentlich passiert?” das wäre die Krimi-Frage dieses Romans. Nun ist das kein ganz neuer dramaturgischer Trick, den Dal Masetto da vorführt: dass am Schluss eine Lösung angeboten wird, die man nicht vermutet hat und den Roman auf den Kopf zu stellen scheint. Allerdings: So spektakulär unauffällig, wie Dal Masetto die Kehrtwende im buchstäblich letzten Satz bringt, so raffiniert habe ich das noch nicht gelesen.
“Alles würde sein wie vorher”, stand da eben noch. Aber nichts ist, wie es einmal war. Wir sind dank Dal Masetto mit den vier Gaunern geflüchtet. Das ändert schon mal eine Menge. Und außerdem war alles noch ganz
anders.

Antonio Dal Masetto: Noch eine Nacht. Aus dem Spanischen von Susanna Mende. Rotpunktverlag, Zürich 2006, 267 Seiten, 22 Euro

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