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Die Latinale 2015 zeigt, wo der Hammer hängt

Der wortwörtliche Hammerschlag der brasilianischen Künstlerin und Dichterin Èrica Zíngano ereignet sich am zweiten Tag des Festivals. Bereits am Abend zuvor im Ibero-Amerikanischen-Institut zeigt die Frau mit der Lockenmähne, wie Poesie mitreißend vorgetragen werden kann und bringt Bewegung in die leider recht rar besuchte Podiumsdiskussion „Poetische Perlen oder Jugendsünden?“. Sie lebt erst seit 2014 in Berlin, aber erklärt auf Deutsch: „Ich spreche keine Deutsch, aber mein Wörterbücher ist meine Lieblingslieber. Und ich schlafe mit meine Wörterbücher und ich wache auf mit meine Wörterbücher. Danach, ja, danach ist so.“ Deutsche Worte baut sie auch bereits in viele ihrer Gedichte ein. Diese sind oftmals dadaistisch angehaucht und basieren auf einem sehr freien Verständnis von Kunst. Mit viel Energie und Charme trägt sie ihren poetischen Beitrag auf gebrochenem Deutsch vor. Synchron zur brasilianisch-portugiesischen Fassung, welche eine Freiwillige aus dem Publikum zum Besten gibt. Dies erzeugt ein verworrenes, aber unterhaltsames Hörerlebnis. Mit ihrem Beitrag, dem der Mexikanerin Judith Santopietro und den Argentinier*innen Diana Henderson und Gerado Jorge beginnt die Latinale in Berlin. Und macht neugierig.
Am zweiten Abend, dieses Mal im Instituto Cervantes, sind die Tische voll besetzt. Um trotz des  festen Raumes für die betonte Mobilität des Festivals zu sorgen, haben sich die Poet*innen – fast heimlich – zu Beginn der Veranstaltung unter das Publikum gemischt. An verschiedenen Tischen verteilt tragen sie ihre Gedichte vor. Der erste der zehn Beiträge an diesem Abend kommt von dem Costa-Ricaner Luis Chaves (wir veröffentlichten bereits in der LN 490 sein Gedicht „Tane, Cone“), welcher als Gast des DAAD-Künstlerprogramms seit Beginn dieses Jahres in Berlin lebt. Der bereits mit mehreren lateinamerikanischen Preisen ausgezeichnete Schriftsteller verarbeitet klug, witzig und oftmals entblößend Alltagszenen, die er beobachtet. Zum Beispiel in seinem Gedicht „Synthese“: „Von einem ganzen Tag in der Stadt auf Behörden/ bleibt eine einzige Erinnerung/ die Peruaner aus dem Park und ihre Version eines Hits gespielt auf Andeninstrumenten“. Gefolgt von der Beobachtung: „Viele Frauen rauchen in der Schwangerschaft/ und wir kennen die Kinder“, und der Endung: „Schlussfolgerung/ der Nationalvogel ist das frittierte Hühnchen.“ Johanna Raabe aus El Salvador erfreut mit kurzen humorvollen Gedichten, die liebevoll kleine Orte und Szenen vor dem inneren Auge der Zuhörer*innen erschaffen.
Besondere Begeisterung wird auch der jüngsten Poetin Daiana Henderson, geboren 1988, entgegengebracht. Der Shooting-Star beschäftigt sich, vielleicht trotz oder aber vielleicht auch wegen ihres Alters, viel mit dem Thema Erwachsenwerden und dem Loslösen vom Elternhaus. Auf emphatische Art und Weise beschreibt sie Kindheitserinnerungen, erwähnt Handys und den Ex-Freund, sodass eine Identifikation für (junge) Zuhörer*innen leicht fällt. Durch Beschreibungen des Lichts bekommt die vertraut vorkommende Welt einen Hauch von Magie. In ihrem Gedicht „Gleichgewicht“, welches sie gleich an zwei Abenden vorträgt, zeigt sie anhand der Geschichte, wie sie Fahrradfahren lernte, wie wichtig die Beziehung zu ihrer Mutter ist. Und wie schwer manchmal die Distanz fällt, die trotzdem nötig zu sein scheint: „‚Ich lass dich nicht los‘‚ sagte sie,/ ‚ich lass dich nicht los‘/ doch in dem Moment/ trat ich schon allein in die Pedale/ und bemerkte nicht,/ wie sie sich von mir entfernte,“ (Auszug, Anm. der Red.). Mit zarter Stimme und gesenktem Blick trägt sie vor und bekommt brausenden Applaus.
Das geniale Gegenstück, was die Auftrittsart betrifft, ist Èrica Zíngano. Nachdem der Moderator Benjamin Loy, Mit-Organisator der Zeitschrift alba. lateinamerika lesen, sie als letzte angekündigt hat, springt sie mit ihrer Tasche und einem Karton auf. In wenigen Schritten ist sie an einer der vielen kühlen, kahlen, weißen Wände des Veranstaltungsraums des Instituto Cervantes und kramt in ihrer Tasche. Heraus holt sie ein Schild, zwei Nägel und einen Hammer. Unter ungläubigem Lachen des Publikums hämmert sie ein gelbes Schild mit schwarzen Lettern an die Wand: „ACHTUNG – Hier wurde mein Fahrrad gestohlen – Schild zu verkaufen – Wenden Sie sich an die zuständige Person“. Sie fragt: „Ist das gut so? Kann man es gut lesen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, setzt sie sich und beginnt, ihr erstes Gedicht vorzutragen. Dieses hat nicht auf den ersten Blick – vielleicht auch nicht auf den zweiten – irgendeinen Bezug zu dem Schild. Ob es nun einfach das Dadaistische, Nichtkonforme ihrer Gedichte betont oder ihre Rolle als Performancekünstlerin – schön ist die Aktion in jedem Fall. Denn das kleine alternative Lateinamerika-Poesiefestival hämmert sich symbolisch wie wortwörtlich in das Gedächtnis des Kulturinstituts Spaniens. Das deutschsprachige Schild könnte auch für die Verbindung vieler der vortragenden Poet*innen zu Deutschland stehen. Außerdem läutete die Aktion den Umzug von den sterilen Räumen des Instituto Cervantes durch einen kreuzberger Flur voller Sticker und Graffiti in das kleine Büro des Verlags KLAK ein.
Hier kommen am Freitagabend noch einmal viele neue sowie bereits an den Tagen zuvor gesehene Poet*innen und Sprachkünstler*innen zusammen. Mit den Räumlichkeiten und dem beginnenden Wochenende wird auch die Stimmung lockerer. Das kleine Büro mit einem Regal voller Buchpakete an der Wand und einem aufgebauten DJ-Pult davor ist rappelvoll – die Menschen sitzen in der ersten Reihe auf dem Boden und stehen hinten im Raum gedrängt. Es ist warm und gemütlich. Die einzige helle Beleuchtung ist eine übergroße Stehlampe, dessen riesiger Schirm über einem kleinen Tisch baumelt, an dem die Dichter*innen noch einmal ihre Poesie zum Besten geben. Mit den Worten „Wir haben schon gearbeitet, jetzt wir können schlafen“ verabschiedet sich Èrica Zíngano und scheint auch für die Müdigkeit der anderen Poetinnen zu sprechen, die bereits den dritten Tag auf der Bühne stehen. Doch zum Ende kommen noch einmal witzige bis schräge Beiträge von bisher noch nicht gesehenen Dichter*innen. Oder besser Performancekü-nstler*innen? So bewegt einer von ihnen, ohne einen Ton von sich zu geben, die Lippen und fuchtelt wild mit der Faust Richtung Publikum. Zum Abschluss trägt eine andere ihre spanischsprachigen Gedichte, versetzt mit deutschen Worten wie „Späti“, zu Techno-Beats live vom Plattenteller vor. Damit ist die Show für dieses Jahr vorbei. Die Veranstalter*innen, Poet*innen wie auch das Publikum scheinen zwar etwas erschöpft von so vielseitiger Poesie, aber doch hoch zufrieden. Wir freuen uns auf die nächste Latinale!

 

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