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Die Macht der Grenzen im Kopf

Viel stärker als sein Vorgängerband bietet Grenzregime II eine globale Perspektive auf den Themenkomplex um Migration und Grenzmechanismen und versammelt so auch einige Texte zu Lateinamerika. Iban Trapabaga ergründet in seinem Artikel zu den Innenräumen der Migration anhand zweier Fallbeispiele, wie die allgemeine Diskriminierung von Migrant*innen in Ciudad Juárez selbst in solidarischen Beziehungen zu Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen führt. Juan  Sandoval Palacios schreibt über die militärische Aufrüstung der USA an ihrer Grenze zu Mexiko und der damit einhergehenden securization, das heißt der Konstruktion von Migration als Sicherheitsproblem und der damit einhergehenden Kriminalisierung von Migrant*innen.

José Rocha wiederum nähert sich dem Thema der Grenze aus erkenntnistheoretischer Sicht an und untersucht, wie die prekäre Lage der Universitäten Zentralamerikas und die extreme Abhängigkeit der Forschenden von Geldgeber*innen wie den Vereinten Nationen und anderen Institutionen zu einer sehr einseitigen Forschung in den Bereichen Migration und Grenze führen. Die Wissenschaftler*innen werden dabei eher zu Berater*innen, die auf Anfrage Studien zu erwünschten Themen, wie etwa dem leicht zu kritisierenden Thema des Menschenschmuggels, verfassen und so das politische Konstrukt der securization von Migration auch wissenschaftlich untermauern. Kritischere Aspekte, wie etwa die prekäre Situation Illegalisierter oder die Menschenrechtsverletzungen in den Abschiebelagern, werden hingegen außer Acht lassen.

Mit kaum mehr als je zehn Seiten bieten diese drei Artikel aber vor allem einen guten Einstieg in die Thematik. Tiefergehende Untersuchungen finden sich im Band vor allem zu theoretischen Konzepten: Neben weiteren Analysen zu weltweiten Funktionsweisen von Grenzregimen, nimmt die Frage der kritischen citizenship, die dabei mehr als das deutsche Wort Staatsbürger, politische Teilhabe auch unabhängig vom formalen Status beinhaltet, einen großen Teil des Sammelbandes ein. Auch die Frage nach der Vereinbarung von aktivistischer Praxis und Forschung ist im Band breit angelegt.

Wie auch schon der Vorgängerband stellt Grenzregime II den immer noch präsenten einseitigen Blick des globalen Nordens auf Migrant*innen als entweder zu beschützende Opfer oder Bedrohung der inneren Sicherheit heraus und bietet eine Vielzahl von Alternativen an. Besonders in den Artikeln zur citizenship liegt ein besonderes Augenmerk auf wirksamen Praktiken aktivistischer Migrant*innen, den ihnen zugewiesenen Platz nicht zu akzeptieren. Damit ist der Band weniger Anklage als vielmehr ein offen gehaltener Denkanstoß für politisches Handeln und Hinterfragen scheinbarer Selbstverständlichkeiten. Dabei verwischen die Autor*innen die Grenze zwischen Theorie und Praxis ganz bewusst und nehmen die Aufrüstung der Grenzregime als globales Problem in den Fokus.

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