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Die Macht der Sprache: perejil oder pèsi

Que diga perejil“ – „Sie soll Petersilie sagen!“ Bereits so gewöhnliche Wörter wie Petersilie können den nationalen Konflikt zwischen den zwei Republiken auf der Insel Espaniola aufbrechen lassen. Nach einer streitvollen Geschichte, in der erst die spanischen und französischen Kolonialmächte um die Territorien kämpften und später das unabhängige Haiti von 1822 bis 1844 den spanischen Teil der Insel beherrschte, sind die Beziehungen zwischen den Nationen bis heute angespannt. HaitianerInnen, die auf der Suche nach Arbeit in die wohlhabendere Dominikanische Republik kommen, werden zwar geduldet, weil sie unter sklavenähnlichen Bedingungen Schwerstarbeit leisten, doch bleiben sie für viele DominikanerInnen Menschen zweiter Klasse.
Das Misstrauen gegenüber dem ärmeren Nachbarn wird von Politikern immer wieder geschürt, um einen äußeren Feind zu schaffen und die Nation enger zusammenzuschweißen. So hetzte auch der Diktator Rafael Leonidas Trujillo in den dreißiger Jahren die DominikanerInnen mit xenophobischen Schlagwörtern wie Überfremdung und Vereinnahmung gegen die haitianischen ArbeiterInnen auf. In einem Land, wo die Hautfarbe nicht wirkungsvoll als Kriterium der Andersartigkeit benutzt werden kann, müssen andere Unterscheidungsmerkmale gefunden werden, zum Beispiel die Sprache.

Zeig mir, wie du sprichst

Ob jemand das spanische Wort für Petersilie, perejil, richtig aussprechen kann oder lieber auf Kreyòl pèsi sagt, das gibt Aufschluss über Nationalität und Anpassungsbereitschaft an die dominikanische Kultur. Die haitianischen ArbeiterInnen können das spanische, rollende „r“ und das „j“ nicht richtig aussprechen und werden so zur Zielscheibe von Gelächter und Spott. Trotzdem geben sich viele HaitianerInnen große Mühe, sich den Gebräuchen ihrer ArbeitgeberInnen anzupassen, um nicht weiter aufzufallen. So auch Amabelle, die Protagonistin in Edwidge Danticats Roman Die süße Saat der Tränen (1999).
Schon seit vielen Jahren lebt Amabelle als Dienstmädchen bei einer reichen dominikanischen Familie. Als Amabelle noch ein kleines Mädchen war, waren ihre Eltern bei dem Versuch, den Grenzfluss nach Haiti zu überqueren, ertrunken. Señora Valencia und deren Vater fanden sie verlassen am Ufer sitzend und nahmen sie mit nach Hause.
Inzwischen ist Amabelle eine schöne, junge Frau, die sich darauf freut, mit ihrem Geliebten, dem haitianischen Zuckerrohrschneider Sebastien, einen eigenen Hausstand zu gründen. Doch ein anderer haitianischer Zuckerrohrschneider wird von Amabelles Arbeitgebern überfahren, und die Gerüchte mehren sich, dass auf Befehl des Generalissimo Trujillo alle HaitianerInnen in der Dominikanischen Republik umgebracht werden sollen. Amabelle weigert sich anfangs, den Gerüchten zu glauben, sie will nicht weg von ihren Arbeitgebern, die für sie zu einer Ersatzfamilie geworden sind. Doch dann beschließt sie, gemeinsam mit Sebastien und ein paar anderen ArbeiterInnen zu fliehen.
Durch ihre Señora aufgehalten, kommt Amabelle zu spät zu dem vereinbarten Treffpunkt und muss erfahren, dass die anderen vom Militär aufgegriffen und deportiert worden sind. In der Hoffnung, Sebastien auf der anderen Seite des Flusses wiederzutreffen, macht sie sich mit einem Freund, Yves, zu Fuß auf den Weg zur Grenze. Unterwegs begegnen sie weiteren Flüchtlingen, die wie sie Verwandte und Freunde verloren haben. Der Wind treibt den Geruch nach verbranntem Fleisch zu ihnen, in den Dörfern hängen HaitianerInnen aufgeknüpft an den Bäumen.
Als Amabelle und ihre BegleiterInnen nach Tagen des Schreckens in dem Grenzort ankommen, wird dort gerade der Besuch des Generalissimo gefeiert. Eine Gruppe von Halbstarken umringt sie, verhöhnt sie, sie sollten perejil sagen, stopft ihnen Petersilie in den Mund und schlägt sie brutal zusammen. Makabererweise rettet sie die Parade des Generalissimo, denn alle stürzen fort, um ihn zu sehen. Mit letzter Kraft gelingt es Amabelle und Yves, über den Fluss zu kommen. Nur sie haben überlebt: Einer ihrer Begleiter wurde totgeschlagen, der andere im Fluss erschossen; seiner Frau hat Amabelle den Mund zugehalten, damit ihr Schrei sie nicht verraten würde. Die Frau fällt in Ohnmacht und wacht nur noch einmal auf, um pèsi zu sagen. „Mit ihrem letzten Hauch murmelte sie auf Kreyòl ‘pèsi’, nicht ruhig und langsam, als würde sie in einem Garten entlang der Straße oder auf dem Markt darum bitten, nicht fragend, als wollte sie vom Himmel die tiefere Bedeutung sinnloser Gewalt wissen, sie war in keiner Weise bemüht, ‘perejil’ zu sagen und damit um ihr Leben zu betteln.“ Dann ist auch sie tot.

Die Vergangenheit am Leben halten

Amabelle hat überlebt, aber sie lebt nicht mehr. Ihre Hoffnung, dass sie Sebastien wiedersehen wird, schwindet von Tag zu Tag, von Monat zu Monat. In Haiti ist Amabelle zwar vor den DominikanerInnen sicher, doch nicht vor ihren Erinnerungen. Wie viele andere Flüchtlinge kann und will Amabelle das Massaker nicht vergessen. Zwar vermag niemand die Toten wieder zum Leben zu erwecken, doch wenigstens ihre Geschichten sollen lebendig bleiben, sollen nicht vergessen werden. Denn die „ohne Namen und Gesicht verschwinden wie Rauch in der Luft des frühen Morgens.“ Zeugnis ablegen, von den Gräueltaten berichten, die Erinnerungen bewahren, sie niederschreiben lassen, öffentlich machen; das ist der einzige Sinn, den Amabelle und viele andere noch in ihrem Leben sehen, das einzige Mittel, den Schmerz zu lindern.
Die süße Saat der Tränen ist ein Erinnern an das Massaker von 1937, bei dem über 20.000 Menschen ermordet wurden. Die Autorin erhebt dabei keinen historiographischen Anspruch, sondern betont, dass der Roman eine erfundene, auf der Grundlage historischer Ereignisse erzählte Geschichte ist, dass viele Daten um des Erzählflusses willen abgeändert wurden. Doch es gelingt ihr, zu schildern, wie Misstrauen und Verachtung gegenüber Minderheiten zu einer faschistoiden Aggression anschwellen können, die nur noch die Demütigung und Vernichtung des Anderen zum Ziel hat. Indem Danticat das Leben einer einzelnen Person vor und nach dem Massaker schildert, steigt ein solches historisches Ereignis aus den Geschichtsbüchern heraus und füllt sich mit dem Leid der Betroffenen. Wie haben die Menschen vor dem Massaker gelebt, was wurde danach aus ihnen?

Angst vor dem Anderen

Schon das Buch der Richter, ein alttestamentarisches Geschichts- und Chronikbuch, erzählt von Menschen, die andere umbringen, weil die falsche Aussprache eines Wortes beweist, dass diese einem anderen Volk zugehören. Danticat stellt ihrem Roman drei Verse aus dem Buch der Richter voran und hebt so das Massaker an den haitianischen ArbeiterInnen aus seiner zeitlichen und räumlichen Verankerung heraus. Ob das Kennwort nun Petersilie oder Schibbolet lautet, hier und anderswo werden Menschen aufgrund ihrer Andersartigkeit ermordet.
„Unser Mutterland ist Spanien, ihres ist das dunkelste Afrika, versteht ihr? Sie sind einmal zum Zuckerrohrschneiden hergekommen, aber jetzt sind mehr von ihnen hier, als je Zuckerrohr zum Schneiden da sein wird, versteht ihr? Unser Problem ist, wir wollen unseren Einfluss behalten. Sag mir, mag es irgendeiner, wenn sein Haus von Besuchern überfüllt ist, so sehr, dass die Besucher die eigenen Kinder ersetzen? Wie kann ein Land uns gehören, wenn unsere Zahl kleiner ist als die der Fremden? Die unter uns, die ihr Land lieben, ergreifen die notwendigen Maßnahmen, damit es unseres bleibt.“ – So haben es die Soldaten einem gefangen genommenen Priester eingebläut.

Edwidge Danticat widmet den Roman den Opfern des Massakers und denen, die auch heute noch „die Knochen bewirtschaften“, wie das Zuckerrohrschneiden auf Kreyòl umschrieben wird. The Farming of Bones, so lautet auch der Originaltitel (1998) dieses Romans, der viel besser zu dem lyrisch-spröden Erzählstil passt als der etwas klebrige deutsche Titel, Die süße Saat der Tränen. Danticats Sprache ist sehr bilderreich, körper- und naturbezogen, doch sie bleibt dabei einfach und klar, geradezu bescheiden, wie die Protagonistin selbst. Insbesondere in den Abschnitten, in denen die Handlungsbeschreibung in den Hintergrund tritt und Amabelles Gedanken oder einem Gespräch der HaitianerInnen Platz macht, wird diese Schlichtheit spürbar. Ihr Effekt wirkt besonders stark in den kursiv gesetzten Kapiteln, in denen Amabelle sich an ihre Eltern und Sebastien erinnert. Dort bleibt eine Fremdheit erhalten, die die LeserInnen auf Distanz hält und sie aus diesem Abstand heraus Amabelles Welt betrachten lässt. Der Text widersetzt sich so einer allzu leichten Einverleibung durch die LeserInnen und fordert sie auf, Fremdheit zu achten.
Die LeserInnen, das sind an erster Stelle US-AmerikanerInnen, dann der Rest der Welt. Denn Edwidge Danticat, 1969 in Port-au-Prince geboren, lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in New York. Ihre Eltern waren Anfang der 70er Jahre in die USA gegangen, um die Familie ernähren zu können, und hatten sie bei Verwandten gelassen. Erst 1981 erlaubten ihnen die US-amerikanischen Behörden, ihre Kinder nachzuholen. Edwidge Danticat, die anfangs nur Kreyòl sprach, erlebte am eigenen Leib, wie grausam Menschen mit denjenigen umgehen, die fremd sind im Land und die Sprache nicht beherrschen. Sie lernte deshalb so schnell wie möglich Englisch und flüchtete in die Literatur, in der sie ähnliche Schicksale wiederfand. Da Kreyòl eher eine mündliche Sprache und Französisch die Sprache der Behörden und der toten, weißen Dichter ist, verfasste Danticat ihre eigenen Texte auf Englisch. Diese Sprache würde ihr Neutralität und auch eine Art Distanz zu ihren Geschichten ermöglichen, so Danticat in einem Interview.

Eine Stimme für die Toten

Mit ihrem ersten, halb-autobiographischen Roman, Atem, Augen, Erinnerungen (1994), wird sie mit einem Schlag berühmt. Die US-amerikanische Literaturpäpstin Oprah Winfry wählte in ihrem TV-Buchclub Danticats Roman zum Buch des Monats. Innerhalb kürzester Zeit befand sich Atem, Augen, Erinnerungen auf Platz eins der Bestsellerliste. Ihre Kurzgeschichtensammlung Krik? Krak! wurde kurz darauf für den National Book Award nominiert. Etwas unfreiwillig zur literarischen Botschafterin Haitis ernannt, sieht Danticat ihre Aufgabe darin, an die Stelle der haitianischen SchriftstellerInnen zu treten, die für ihre Worte das Leben lassen mussten. „Ihr Verlust ist vielleicht die größten Inspiration für meine Arbeit. Ich schreibe aus Respekt vor ihren Erinnerungen. Ich schreibe trauernd um das, was hätte sein können.“
Obwohl Edwidge Danticats Debütroman Atem, Augen, Erinnerungen bereits 1996 auf Deutsch erschien, ist die haitianische Schriftstellerin erst letztes Jahr mit Die süße Saat der Tränen in das Licht der Öffentlichkeit gerückt, als die Initiative LiBeraturpreis sie zur Preisträgerin 2000 wählte. Mit dem LiBeraturpreis sollen Autorinnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika hierzulande bekannt gemacht werden.
Ein dickes Lob an die Jury des LiBeraturpreises und ein noch größerer Tadel an den Claassen Verlag. Wer immer da den Klappentext geschrieben hat, der hat den Roman wohl vorher nicht gelesen. Der Text strotzt nur so von inhaltlichen Fehlern, dessen schlimmster die Behauptung ist, der Roman handele von einem „haitianischen Aufstand“, einer „lange vergessenen Rebellion“. Es ist dem Roman zu wünschen, dass er trotz dieser Fehlinformationen ein großes Publikum findet. Verdient hat er es.

Edwidge Danticat: Die süße Saat der Tränen. Aus dem Englischen von Beate Thill. Ullstein Verlag, München 2000, 299 S., 14,90 DM.
(Das Buch erschien als Hardcover im Claassen Verlag, München 1999, 300 S., 39,90 DM.)
Edwidge Danticat: Atem, Augen, Erinnerungen. Aus dem Amerikanischen von Friederike Jünemann. Econ & List Taschenbuch Verlag, München 1999, 261 S., 16,90 DM.

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