Die Macht der unheimlichen Schwestern
Der Comic Hexenkunst erzählt von düsteren Welten dreier ambivalenter Hexen

„So läuft es jedes Mal. Immer zuerst die Katzen“, stellt María Fátima fest. Nach einem Angriff wütender Anwohner des nahegelegenen Dorfes hängen ihre Katzen tot am Zaun. María wohnt mit ihren gleichnamigen Schwestern und dutzenden herumhuschenden Katzen in einem unheimlichen Anwesen. Viel wichtiger als die Katzen ist für die drei Marías aber ein obskurer Ziegenbock. Mit diesem erreichen sie 1768 das heutige Buenos Aires. Mehrere Jahrhunderte später geht es der Ziege nicht gut. Voller Sorge versuchen sie, das mysteriöse Tier am Leben zu halten.
In neun Geschichten erzählt Sole Otero in Hexenkunst aus der Perspektive von Menschen, deren Leben sich durch den Einfluss der drei Schwestern entscheidend verändert. Es sind finstere Fantasien und fantastische Traumwelten über in Trance versetzte Männer, die jegliche Kontrolle über ihren Sexualtrieb und später ihre Potenz verlieren, verschwindende Waisenkinder und drei Frauen mit unheimlichen Mächten.
Im Original heißt der neue Comic der argentinischen Zeichnerin und Autorin Walicho, ein Begriff aus dem Mapudungun, der einen Dämon bezeichnet. „Im argentinischen Lunfardo-Jargon wird der Begriff als Fluch oder Verwünschung durch schwarze Magie oder dunkle Mächte verwendet“, heißt es in einer vorangestellten Erläuterung. Nach dem autofiktionalen Naphtalin ist dies der zweite Comic von Sole Otero, der übersetzt von Lea Hübner im Reprodukt Verlag erscheint.
Die drei Marías legen sich mit den Bollwerken patriachaler Mächte an. Sie geben der Machi Ailín, einer Heilerin der Indigenen Mapuche, die mit ihrem Kleinkind fliehen musste, Zuflucht. Gemeinsam unterstützen sie bei Geburten und Abtreibungen – und erleben den Hass der mächtigen Männer der Umgebung. Dabei bleibt ihre Rolle ambivalent. Denn unter den Jungen, die sie um sich scharen, sind nicht nur Waisenkinder, manche sind auch geraubt. Und wehe denen, die zu neugierig sind.
Im Buenos Aires der Gegenwart spielt die Geschichte von Belén, die seit drei Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen hat. Der freundliche Tierarzt, der für ihre Katze da war, schreibt immer zudringlicher von seinen seltsamen Adoptivtanten, die ihn bedrohen und einer kranken Ziege. Wirken diese Geschichten zunächst unzusammenhängend, werden doch Fäden in anderen Geschichten immer wieder aufgenommen.
Sole Otero begann ihre zeichnerische Karriere zunächst mit der Illustration von Kinderbüchern. Das meint man in ihrem Stil wiederzuerkennen: ihre Figuren ähneln, auf das Wesentliche reduziert, manchmal Marionetten – und trotzdem beunruhigend, keinesfalls kindlich. Ein Spiel mit Größenverhältnissen verbildlicht das Machtgefälle in all den Beziehungen, deren Fragilität der Einbruch der „Hexen“ oft deutlich macht. In meist finsteren Farben und verschiedenen Rottönen, baut sich eine Spannung auf, die die verschiedenen Erzählformen zu halten vermögen: eine Geschichte spielt sich überwiegend in Messenger-Nachrichten ab, eine andere ist dem kindlich gezeichneten Tagebuch einer 13-Jährigen entnommen. Hexenkunst ist ein rätselhafter Comic, spannend wie ein Thriller, der trotz seines gewaltigen Umfangs von 376 Seiten zum Verschlingen einlädt.
Sole Otero // Hexenkunst // Aus dem argentinischen Spanisch von Lea Hübner // Reprodukt // 2025 // 376 Seiten // 34 Euro



