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DIE NACKTE VERZWEIFLUNG

Schon die erste Szene von La cama ist ein harter Brocken. Zwei ältere Menschen nackt im Bett, ein Ehepaar, dessen Beziehung die besten Jahre hinter sich hat. Beide versuchen fast schon verzweifelt, miteinander zu schlafen, doch es gelingt nicht. Zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse, um die gegenseitigen Erwartungen nicht zu enttäuschen. Aus hysterischem Schmerz wird schließlich stumme Resignation, wissend, dass gewohnte Routinen schon bald den kurzen Ausbruch der Emotion lindernd übertünchen werden.

Dem ersten Langfilm der argentinischen Schauspielerin und Regisseurin Mónica Lairana zuzusehen, ist nicht nur wegen dieser Szene nicht immer ein Vergnügen. Wie Mabel und Jorge, die sich auseinandergelebt haben und nun die letzten 24 Stunden gemeinsam in ihrem Haus verbringen, bevor sie ausziehen und in jeder Sekunde das Scheitern ihrer jahrzehntelangen Beziehung an der Gewohnheit atmen, tut beim Zusehen fast physisch weh. Klaustrophobisch erscheint die Enge des Hauses, das zu allem Überfluss auch noch leergeräumt werden muss, da es am nächsten Tag zum Verkauf freigegeben wird. Dabei gehen Dinge zu Bruch, Essen und das Verpacken von Habseligkeiten werden freudlos und meist stumm erledigt. Kurze Momente der Entspannung wie ein Bad mit dem Schlauch im Garten oder die Aufteilung der teils schon abgelaufenen Medikamente können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Beziehung längst in einem Teufelskreis aus Gleichgültigkeit und gleichzeitigem Nicht-Loslassenkönnen verfangen hat. Das Ende ist unausweichlich, die Entscheidung getroffen, jedoch bei weitem ohne vorher alle Probleme gelöst zu haben.

Mónica Lairana hat in La cama nach eigener Aussage Erfahrungen einer eigenen gescheiterten Beziehung verarbeitet, was auch nicht gerade Anlass für Optimismus bietet. Die ästhetischen Stilmittel – ein asketischer Realismus, der an Dogma-Filme erinnert, die Kamera, die die Zuschauer*innen auf voyeuristische Weise Nähe erfahren lässt, die kraftvoll-nüchterne Darstellung von Nacktheit – erfüllen ihren Zweck. Nichts wirkt gekünstelt, gestellt oder dramaturgisiert. Dialoge beschränken sich auf die notwendigste Alltagskonversation, Musik oder filmische Effekte kommen nicht vor. Auch die schauspielerischen Leistungen lassen nichts zu wünschen übrig. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – muss man schon hart gesotten sein und einen sehr speziellen Geschmack haben, um ein wenig Genuss aus diesen anderthalb Stunden Depression zu ziehen. Das Kino dient nicht selten als Vehikel, um kurz den Alltagssorgen zu entfliehen. La cama verweigert sich dieser Funktion abervöllig, erinnert vielmehr schmerzhaft daran, wie präsent und unausweichlich sie sein können. Für manch eine*n ist das womöglich etwas zu viel des Realismus.

La cama lief 2018 im Forum der Berlinale.

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