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Die offene Wunde

K., ein polnischer Jude, der in den 1930er Jahren nach São Paulo emigriert ist, begibt sich zur Zeit der brasilianischen Militärdiktatur auf die Suche nach seiner verschwundenen Tochter. Dies ist die Rahmenhandlung des Romans K. oder Die verschwundene Tochter, in dem der brasilianische Autor Bernardo Kucinski sich mit der eigenen tragischen Familiengeschichte auseinandersetzt. Die Schwester des Autors, Ana-Rosa, deren Name im Roman ungenannt bleibt, hatte sich einer linken Untergrundbewegung angeschlossen und „verschwand“ 1974. Bis heute sind ihr Verbleib und die Todesumstände unaufgeklärt. An ihrer Ermordung durch den staatlichen Sicherheitsapparat bestehen hingegen keine Zweifel. Dies macht der Autor bereits im Vorwort klar.
Die ursprüngliche Verwunderung des Vaters wird von Panik und schließlich von Verzweiflung abgelöst. Selbstvorwürfe gepaart mit Angst durchziehen die Handlung. Die Nachforschungen von K. führen in viele Sackgassen, nur nicht zu seiner Tochter. Die Hoffnung, dass seine Tochter noch leben könnte, ist zu verheißungsvoll, als dass der Vater mit der Vergangenheit abschließen könnte. Die verhinderte Trauer und die Hoffnung begleiten die Angehörigen der „Verschwundenen“ bis zur Gegenwart. Sie sind die offene Wunde, in die die Schergen des Systems ihr Salz streuen.
Der Roman ist in 29 Abschnitte unterteilt. Während der Hauptstrang aus der Suche des Protagonisten nach seiner Tochter besteht, behandeln Nebenstränge einerseits die zurückliegenden Entwicklungen, wie zum Beispiel das Leben der Tochter im Untergrund, andererseits das Innenleben des Repressionsapparats. Sie ergänzen somit den Hauptstrang und führen zu einer umfassenden Darstellung der Epoche. Durch diese Untergliederung der Handlung wird der Bogen zwischen den verschiedenen Figuren und dem totalitären Regime gespannt. Die Sicherheitsorgane, der bewaffnete Widerstand und die teils gleichgültige, teils verängstigte Zivilgesellschaft erhalten ihren Platz und ihre Stimme. Akribisch skizziert Kucinski den Repressionsapparat der brasilianischen Diktatur und holt die verschüttete Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Der Perspektivenwechsel ermöglicht vielfältige Einblicke, wobei sogar der berüchtigtste Folterer jener Zeit, Fleury, zu Wort kommt.
Diese Vielstimmigkeit, die sparsame Verwendung echter Quellen und der eigensinnige Sprachduktus tragen zu dem realistischen Charakter des Romans bei. Emotionalität und Eindringlichkeit, Genauigkeit und Sachlichkeit sind Variablen, die Kucinski treffend einzusetzen weiß. Er schreibt einfach, schnörkellos und dicht. Es ist aber der Verdienst der Übersetzerin Sarita Brandt, dass all diese Eigenheiten in der deutschen Fassung meisterhaft wiedergegeben sind. Brandt ist für Übersetzungen hochkarätiger Autor_innen wie Clarice Lispector und José Saramago bekannt.
Das intelligente Verketten der erwähnten Bruchstücke erzeugt die Spannung eines Kriminalromans, wenn auch das Ende der Geschichte kein Geheimnis mehr ist. Die Komplexität der politischen Verwicklungen, die seelischen Abgründe, die Schamlosigkeit und Brutalität des Machtapparats sowie der ausweglose Kampf der Hauptfigur machen die Leser_innen gewissermaßen selbst zu Beteiligten. Dies ist die große Stärke von Kucinskis Romandebüt, das zurecht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.

Bernardo Kucinski // K. oder Die verschwundene Tochter // Transit-Verlag // Berlin 2013 // 144 Seiten // 16,80 Euro // www.transit-verlag.de

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