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Die Politik der verbrannten Erde

Verdorrte Maisstauden stehen inmitten von ausgebleichten Schlafmohnpflanzen, deren Knospen schlaff herunterhängen. Die Wiese daneben hat sich braungelb verfärbt. Vom Kräutergarten hinter dem properen Häuschen mit den weiß getünchten Lehmwänden sind nur noch kümmerliche Reste übrig. Oberlinda Daigón zeigt auf ein Kartoffelfeld und sagt verzweifelt: „Die ganze Ernte ist verloren.“
„Die Regierung kennt die traurigen Zustände in diesen Winkeln des Landes nicht,“ meint ihr Mann Hermes Narváez. Vor einer Woche sind über ihr Anwesen in den südkolumbianischen Anden, das kaum ein Hektar groß ist, drei Sprühflugzeuge und fünf Hubschrauber der Polizei gebraust. Durch die Besprühung mit dem Monsanto-Pflanzengift Roundup soll der Schlafmohn im Territorium der Yanacona-Indígenas vernichtet werden. Doch das gelingt nur teilweise. Ein paar Hundert Meter weiter ist ein Mohnfeld fein säuberlich in zwei Hälften geteilt: Vorne sterben die Stängel ab, hinten sind die Pflanzen intakt. Dunkelrot und rosa leuchten die Blüten herüber. Der Grund: Aus Angst vor Attacken der Guerilla wird die optimale Flughöhe von 15 Metern meist weit überschritten. „Und der Wind weht das Gift noch weiter weg,“ sagt Hermes Narváez. Wie so viele hier haben er und seine Frau einen kleinen Teil ihres Landes dem Mohnanbau gewidmet. „Dadurch, so dachten wir, kommen pro Jahr wenigstens ein paar Hundert Mark herein,“ erklärt der 55jährige Kleinbauer. Obst, Gemüse, und Getreide dienen der Eigenversorgung, denn auf dem Markt brächten sie nur ein paar Pesos ein.

Augenbrennen und Brechreiz

Doch nicht nur die Pflanzen leiden unter den Besprühungen. Das Futter für Rinder, Pferde, Hühner und Meerschweinchen wird knapp. Noch Tage nach der Besprühungsaktion, erzählt Oberlinda Daigón, habe sie Augenbrennen und Brechreiz verspürt, Kinder in der Nachbarschaft seien krank geworden. Die Krankenschwester im tiefer gelegenen Ort Guachicono bestätigt, dass nach den Besprühungen viele Bauern aus der Umgebung mit ähnlichen Symptomen zum Gesundheitsposten gekommen seien. Und auch im Krankenhaus der 90 Kilometer nördlich gelegenen Provinzhauptstadt Popayán steigt nach den Sprüheinsätzen regelmäßig der Zulauf von PatientInnen aus den ländlichen Gebieten.
Noch immer siedeln die meisten der gut 6000 EinwohnerInnen vom Guachicono ähnlich wie das Ehepaar Narvaéz in abgelegenen Höhenlagen. Doch etliche Familien haben bereits Zuflucht in ärmlichen Hütten am Dorfrand gesucht. In anderen Landesteilen, etwa in der Nachbarprovinz Putumayo, haben die Besprühungen einen Exodus bewirkt.
Alle Ansätze zur so genannten alternativen Entwicklung die durch Regierungsstellen oder auch der „Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“ (GTZ) versuchen, die Kleinbauern vom Mohnanbau abzubringen, werden zunichte gemacht. So hätten die BewohnerInnen des Nachbarortes Rioblanco von 1997 bis 1999 ihre Mohnanbaufläche um die Hälfte reduziert, erzählt Orlando Palechor, der junge Bürgermeister von Guachicono. Doch im Juni 1999 kamen die Sprühflugzeuge. Drei Forellenfarmen, ein Projekt zur Schafszucht und unzählige Modellpflanzungen des Regierungsprogramms „Plante“ mussten von vorne beginnen.
Der Innenminister höchstpersönlich habe wenig später versprochen, dass die Besprühungen eingestellt würden. „Doch auch diese Zusage war nichts wert”, sagt Palechor bitter. Im Mai 2000 kam es besonders schlimm. Vier Tage lang hätten die Flugzeuge große Teile den Yanacona-Territoriums in Giftnebel eingehüllt. „Da baut man jahrelang mühsam Vertrauen auf, und dann wird alles kaputt gemacht”, fasst Plante-Berater Juan Hugo Torres zusammen. Die Substitution von Mohn durch legale Produkte müsse freiwillig erfolgen – so ein Kerngedanke der alternativen Entwicklung.
Am meisten dürfen sich die Mittelsmänner der Drogenmafia freuen: Da die legalen Alternativen nicht funktionieren, finden sie immer mehr Kleinbauern, die ihnen den gummiähnlichen Rohstoff für die Heroinherstellung verkaufen. Frühmorgens geht so mancher Bewohner in seine kleine Mohnparzelle, ritzt die Knospen an und lässt das Latex in kleine Plastikdöschen tropfen.
Mit einer geschätzten Mohnanbaufläche von 20.000 Hektar ist Kolumbien hinter Afghanistan zum zweitgrößten Heroinproduzenten avanciert. Im ersten Halbjahr 2001 beschlagnahmnte die kolumbianische Polizei 750 Kilo Heroin – 25 Prozent mehr als im gesamten letzten Jahr. Und ähnlich wie beim Kokaanbau verfehlen die Besprühungen ganz offensichtlich ihren angeblichen Zweck. Das räumt auch Marco Cordón ein. Von Popayán aus leitet der junge Polizeioberst die Sprüheinsätze in den südkolumbianischen Provinzen Cauca und Nariño. Wenn er über die Gebiete fliegt stellt er fest, dass „der Mohnanbau nicht wirklich zurückgeht.“ Doch das sei „ein politisches Problem“.

GTZ-Mitarbeiter entführt

In der Tat: Beharrlicher denn je drängt die US-Regierung auf die Fortsetzung des „Drogenkriegs“, den sie derzeit unter den Namen „Plan Colombia“ und „Andine Antidrogeninitiative“ finanziert. Auffällig dabei: Die mit der US-Militärhilfe hochgerüstete Armee widmet sich vorwiegend dem Antiguerillakampf, und auch die Besprühungen richten sich kaum gegen die industriell angelegten Kokagroßplantagen, die von den rechten Paramilitärs kontrolliert werden.
Guachicono gehört zum „Kolumbianischen Massiv“, dem Quellgebiet der größten Flüsse Kolumbiens, dem Magdalena und dem Cauca. Hier, in der Höhe von 2000 bis über 4500 Meter, ist die Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren besonders hoch. Auch deswegen hat die GTZ bereits 1993 die Arbeit am Projekt „Integrale Entwicklung Bota Caucana“ aufgenommen, das sich ebenfalls gegen den Drogenanbau richtet.
Am 18. Juli entführte eine Einheit der „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (FARC) den GTZ-Projektleiter Ulrich Künzel und zwei seiner Begleiter. Allerdings nicht im Projektgebiet, sondern außerhalb des Touristenortes Silvia nordöstlich von Popayán. Vier Wochen später bekannten sich die Rebellen zur Tat. „Wir stellen Informationen über die Projekte der Deutschen in unserem Land zusammen, um dann zu entscheiden, was wir mit ihnen machen“, sagte Rebellenkommandant Iván Ríos gegenüber einheimischen Radiosendern. Offenbar sehen die FARC die Arbeit der GTZ im Zusammenhang mit der kolumbianischen Regierungspolitik zur Bekämpfung des Drogenanbaus. Durch die „so genannten Sozialinvestitionen des Plan Colombia“ solle der „interventionistische und militaristische Kern der US-Initiative“ vertuscht werden, behaupten die Guerilleros mit einigem Recht. Während sich die USA vorwiegend im militärischen Bereich engagieren, unterstützt die EU Sozialprojekte.
Das GTZ-Vorhaben „Bota Caucana“ gehört auch dazu. Nach der Entführung entschloss sich die Organisation „aus Sicherheitsgründen“ für eine äußerst restriktive Informationspolitik. LokaljournalistInnen wurden im GTZ-Büro von Popayán brüsk abserviert. Nur einige MitarbeiterInnen des Projektpartners, der Regierungsbehörde „Netz der sozialen Solidarität“, waren zu Auskünften über die schwierige Arbeit im Andenhochland bereit.
In der Andengemeinde San Sebastián, die zum GTZ-Projektgebiet gehört, ist der Mohnanbau eine ebenso wichtige Einnahmequelle wie in Guachicono. „Die Substitution wird hier nicht funktionieren,“ lautet das Fazit des Yanacona-Indígena Aníbal Gómez im Hinblick auf die Besprühungen, die auch hier regelmäßig stattfinden.
Die FARC und dem „Heer zur nationalen Befreiung“ (ELN) sind die uneingeschränkten Herrscher in und um San Sebastián. Am helllichten Tag patrouillieren schwer bewaffnete Jugendliche in neuen Uniformen durch die steilen Gassen des malerischen Dorfes. Das FARC-Camp liegt knapp 10 Kilometer außerhalb. Paramilitärische Gruppen sind hier noch nicht aufgetaucht, auch für Armee und Polizei ist die Gemeinde tabu. „Es fehlt nur noch, dass die Zone offiziell zum Guerillagebiet deklariert wird,“ meint ein Angestellter des Bürgermeisteramtes. Am GTZ-Projekt hatten die Rebellen bislang nichts zu beanstanden, auch wenn die „Besteuerung“ des Drogenanbaus und -handels zu den wichtigsten Einnahmequellen der FARC gehört. Ulrich Künzel hatte die Besprühungen wiederholt kritisiert und gegenüber der Regierung durchblicken lassen, die GTZ könne sich deswegen zurückziehen. Was die FARC verleitet hat, die drei Deutschen wochenlang festzuhalten, bleibt daher schleierhaft. Sie haben nicht nur die Bundesregierung und die EU gegen sich aufgebracht, sondern auch die Indígenas aus Silvia und die Kleinbauern aus San Sebastián, für die das Projekt trotz aller Schwächen ein Lichtblick ist.
Anfang September wurde der greise FARC-Chef Manuel Marulanda im Fernsehen zitiert, er habe die Freilassung von Künzel, seinem Bruder Thomas und Rainer Bruchmann angekündigt – mit der sonderbaren Begründung, „wir verstehen die drei Herren nicht”.
Ob die GTZ nun im Andengebiet weitermacht, hat vor allem hohe symbolische Bedeutung. Ihr Rückzug wäre ein weiterer Beleg dafür, dass in der Logik des „Drogenkrieges“ kein Platz bleibt für zivile Ansätze. Der enge Spielraum für den „Alternativplan“ des indianischen Gouverneurs der Provinz Cauca, Floro Tunubalá, der dank der Unterstützung durch die organisierten Basisbewegungen gewählt wurde, würde weiter schrumpfen. (siehe LN 325/326).
Die AktivistInnen vor Ort setzen unverdrossen auf friedliche Mobilisierung zwischen den Fronten. Auf einem Treffen in San Sebastián wandten sie sich gegen die Bevormundung durch die Guerilla und drohten der Regierung mit einem Generalstreik. „Wir sind für das Recht auf Leben, gegen den Plan Colombia und für eine politische Lösung des bewaffneten Konflikts,“ fasst Angel Solano von der Bauernorganisation Fundecima zusammen, „und deswegen bleibt die internationale Präsenz wichtig.“

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