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Die PRI am Pranger

Unter den reaktionären Greisen der Staatspartei PRI herrscht seit Anfang Oktober 1997 helle Aufregung. Ausgelöst durch die im Juli des Jahres erlittene Wahlniederlage – die linken PRD und die rechtskonservative PAN verfügen nun im Parlament zusammen über die Mehrheit der Sitze – werden sie, die sich jahrzehntelang als Herren und Schreiber der Geschichte wähnten, von der Vergangenheit eingeholt. Das in fast jeder Hinsicht schwer unter einen Hut zu bringende Paar aus PRD und PAN ist sich in einem Punkt einig: Die seit 29 Jahren verschlossenen Regierungsarchive müssen geöffnet werden, um das am 2. Oktober 1968 von der staatlichen Soldateska an ungezählten DemonstrantInnen verübte Massaker aufzuklären.
Diese notwendige und brisante Ankündigung des PRD-Politikers Pablo Gómez verliert allerdings dadurch an Wirkung, daß „auf die Benennung von Verantwortlichen“ verzichtet werden soll. Gleichzeitig wirft diese Tatsache ein treffendes Licht auf den Zustand der „Demokratie“ in Mexiko. Die Angst der regierenden Clique davor, wenigstens für das größte ihrer Verbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden, wird spürbar.
Denn noch immer ist die genaue Zahl derjenigen, die auf dem Platz der Drei Kulturen von MG-Schützen durchsiebt wurden, unbekannt. Auf 300-1000 Ermordete belaufen sich die Schätzungen nichtstaatlicher Untersuchungen. Fest steht jedoch, daß die Leichen später von der Luftwaffe über dem Golf von Mexiko abgeworfen wurden.

Düsteres Szenario

Das kürzlich in der BRD erschienene Werk des bekannten mexikanischen Kriminalautors besteht aus zwei Teilen. Den Einstieg bildet „1968“, eine Chronologie der StudentInnenbewegung von Juli bis Oktober 1968. PIT II beschreibt, analysiert und bewertet das Erstarken einer Protestwelle, in deren Strudel er selbst mitgerissen wird: Streiks, schwarz-rote Fahnen, Spraydosen, Sprechchöre, Vollversammlungen, Flugblätter, überquellende Aschenbecher, durchgemachte Nächte, aufgeworfene Fragen, verwirrende Diskussionen, Schlägertrupps, Polizeieinsätze, Tränengas, Schlagstöcke, Tränen und Blut. Ohne auf alle Fragen Antworten suchen zu wollen, zeichnet der Schriftsteller ein Bild der mexikanischen Hauptstadt, das fühlbar wird – nicht zuletzt durch die starken emotionalen Passagen. Entschlossen subjektiv, mit spürbarem Haß, arbeitet er die Zeit des Aufbruchs auf. Von Seite zu Seite steigt die Spannung, nimmt die Dramatik zu, bis schließlich – als ungewisse Bedrohung von Anfang an jede Zeile begleitend – die MP-Garben in Tlatelolco alle Träume und Utopien zerhacken. „Aufwachen“, scheint uns der Autor anzuschreien, „das ist Mexiko!“ Wie Schläge treffen die kurzen Spots, mit denen PIT II den Terror der PRI-Armada und die Ohnmacht der Unterdrückten skizziert. Verhaftungen, immer mehr Verhaftungen, Flucht, Folter, Mord – eine gnadenlose Abrechnung.
Nach diesen ersten 60 doch sehr frostigen Seiten wird es versöhnlicher. Nicht im Sinne von Versöhnung mit der Diktatur, keineswegs. Es ist vielmehr der Stil, welcher „Gerufene Helden. Ein Handbuch zur Eroberung der Macht“, den zweiten Teil des Buches, von den vorangegangenen Zeilen unterscheidet. Weniger dokumentarisch, dafür durch den Einbau fiktiver Elemente oft humoristischer, durchstreifen wir die Jahre nach dem Massaker. Dabei begleiten wir den Journalisten Paco Ignacio Taibo II bei Recherchen in zwielichtigen Etablissements, sind überrascht, daß plötzlich Sherlock Holmes auftaucht und erleben ungläubig einen Angriff von Mescalero-Apachen in Mexiko-Stadt. Absolut lesenswert.

Paco Ignacio Taibo II. „1968/Gerufene Helden“. Verlag Libertäre Assoziation und Schwarze Risse / Rote Straße, Hamburg/Berlin 1997, 154 Seiten.

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