«

»

Artikel drucken

Die Realität des Mordens

„Töte keine Schwangere. Raube das Opfer nicht aus. Töte keine anderen Pistoleiros. Töte nicht auf Kommission. Töte niemandem im Schlaf“. Dies sind die fünf Gebote, die Júlio Santana im Jahre 1972 von seinem Onkel Cícero eingetrichtert bekommt. Kurz darauf begeht er seinen ersten professionellen Mord.
Júlio Santana ist einer der tödlichsten Auftragsmörder in der jüngeren Geschichte Brasiliens und der Protagonist in Klester Cavalcantis Biografie Der Pistoleiro – die wahre Geschichte eines Auftragsmörders. Das aus den Erinnerungen Santanas zusammengesetzte Buch ist stilistisch gesehen eine Biografie wie jede andere auch, liest sich allerdings ob der unglaublichen und teilweise abstrusen Historie dieses Menschen wie ein Politthriller über das flächengrößte Land Lateinamerikas. Ihren Anfang nimmt die Geschichte mit dem 16-jährigen Jugendlichen Júlio Santana, der in einem kleinen Dorf ohne Strom tagtäglich für die Familie jagen geht, sich im Fluss wäscht und in einer Hängematte schläft. Mehr als die Hälfte des Buches verbringt Cavalcanti damit, die Geschichte des jungen, unschuldigen Júlio Santana zu skizzieren und verführt dazu, sich mit dem naiven Jungen mit dem großen Herz zu identifizieren. Es fällt nicht leicht, sich darauf zu besinnen, dass dies der Nachruf auf einen der „erfolgreichsten“ Auftragsmörder in der Geschichte Brasiliens ist.
Es ist sein Onkel Cícero, der Júlio schließlich seinen ersten Mord begehen lässt. Der Onkel ist selbst Pistoleiro und lange der Partner und Mentor des jungen Mannes, der von diesem behutsam und vorsichtig vom Leben eines talentierten Jägers an das eines Auftragsmörders herangeführt wird. Und hier haben wir dann auch schon das lange im Dunkeln bleibende Motiv, das aus einem Jungen, der die Stille des Waldes genießt und zu verklärend romantischen Beschreibungen über seine erste Liebe neigt, einen skrupellosen Diener des Todes macht. Denn Geld allein kann, wenn später sicher auch primärer Beweggrund, nicht mit dem Morden aufzuhören, hier nicht als Leitmotiv herhalten. Es ist vielmehr die uneingeschränkte Bewunderung und das grenzenlose Vertrauen in den heißgeliebten und verehrten Onkel aus der Großstadt und die Sehnsucht nach dessen Anerkennung.
Cavalcanti fügt Santanas Erinnerungen immer wieder geschichtlich brisante Anekdoten hinzu. So ist Santana zum Beispiel als Jugendlicher Teil einer Militäreinheit, die José Genoíno am 18. April 1972 im Urwald in der Nähe von Xambioa im Bundesstaat Tocantins festnimmt. Es ist der gleiche José Genoíno, der später einer der Gründer der heute größten Partei Brasiliens, der Arbeiterpartei PT, sein wird. Santana selbst kennt Genoíno bis heute nur unter seinem damaligen Decknamen, Geraldo, und weiß nicht um die politische Brisanz seines ersten Auftrags.
Nicht selten wird Santana in der Folge von reichen Großgrundbesitzern angeheuert, um mögliche Aufstände bereits im Keim zu ersticken oder geflohene Arbeitssklav_innen durch Mord an Familienangehörigen zur Rückkehr zu bewegen. Oder von korrupten Politiker_innen, die sich mögliche Gegenkandidat_innen vom Halse schaffen wollen. Die Liste der Auftraggeber_innen liest sich somit zum Teil wie die Gästeliste einer Veranstaltung für die wirtschaftliche und politische Elite des Landes.
Und so ist das Buch zum einen die Biografie eines Massenmörders, der für den gewaltsamen Tod von 492 Menschen verantwortlich war und zum anderen ein Sachbuch über die jüngere Geschichte Brasiliens und vor allem den Konfliktlinien Arm – Reich und Landlose – Großgrundbesitzer_innen.Cavalcanti schafft ein beeindruckendes Hardcover-Debüt. Sehr distanziert und trotzdem nie den Job zu verharmlosen, erschafft er aus den Erinnerungen Júlio Santanas und zehn Jahren Recherche ein beängstigendes Zeugnis über die Realität des Mordens.

Klester Cavalcanti // Der Pistoleiro. Die wahre Geschichte eines Auftragsmörders // Transit-Verlag // 19,90 Euro // www.transit-verlag.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/die-realitaet-des-mordens/