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Die Rechtlosen

“Die Revolution ist ein Orkan, und derjenige, der sich ihr hingibt, ist kein Mensch mehr, sondern ein verdorrtes Blatt, das vom Sturm weggefegt wird…”. Gewaltige Metaphern fallen, wenn die Rebellen von ihrem Kampf sprechen. Es geht um die Mexikanische Revolution und um einfache Bergbauern, die als Opfer der rücksichtslosen Bodenpolitik des Diktators Díaz schon am Rande des Existenzminimums leben. Die Willkürherrschaft des Putschdiktators Victoriano Huerta läßt sie mit der einfachen und unideologischen Losung “Tierra y Liberdad” – Boden und Freiheit – in die Kämpfe eingreifen.
Diese historische Situation bildet den Hintergrund des nun neu übersetzten Romans “Die Rechtlosen” (Los de abajo) von Mariano Azuela.
Azuelas Roman schildert das Schicksal des Campesinos Demetrio Marcías, der in die Revolutionswirren schlittert und Anführer einer Gruppe Gleichgestellter wird, die sich mit den historischen Bauerngenerälen Julían Medina und Pancho Villa verbündet. Demetrio und seine Truppe machen sich bald einen Namen als tapfere Kämpfer. Trotzdem erzählt das Werk “Die Rechtlosen” alles andere als eine Heldenvita.
Das Faszinierende an diesem Roman liegt fast 80 Jahre nach seiner Niederschrift weder in der Handlung noch in dem für den heutigen Geschmack schon komisch wirkenden pathetischen Stil. Was den Roman über den historischen Bezug hinaus interessant macht, ist die virtuos dargestellte Eigendynamik des revolutionären Geschehens.
Zwar erlangt Demetrio den Rang eines Generals, doch dieser Aufstieg ist mit der völligen moralischen Entwurzelung seiner Truppe verbunden. Azuela führt Szenen vor, in denen Männer sich wie Schulbuben an der Jahrmarktsschießbude gebärden und begeistert ihre Gegner abknallen. Die Lust an den vor Todesangst starren Augen eines Gefangenen, dem sie die Pistole an die Stirn drücken, Plünderungen aus Freude an der Zerstörung und Morde wegen fragwürdiger Ehrbegriffe werden sehr eindringlich geschildert. Sex und Liebe fehlen nicht. Die Bräute rauben die Männer aus Dörfern. Ihre eifersüchtigen Konkubinen spinnen Intrigen und stechen ihre Konkurrentinnen einfach ab. Den ursprünglichen Grund ihres Kampfes haben die Männer längst vergessen. Sie geraten in den Sog der Gewalt, kämpfen um des Kampfes willen. Die Spirale von Plündern, Brandschatzen und blindwütigem Abschlachten dreht sich immer schneller, bis Demetrio und seine Bande beinahe vorsätzlich in einen tödlichen Hinterhalt geraten.
Die Revolution und ihre zerstörerische Kraft ist das eigentliche Thema des Romans. Azuela spart nicht mit mystifizierenden Bildern, um zu veranschaulichen, wie die Revolution ihre Kinder frißt. Er vergleicht sie mit einem Stein, der – einmal losgetreten – unaufhaltsam in den Abgrund stürzt. Die Revolution führe anstatt zu einer Blumenwiese in einen Sumpf, läßt der Autor eine Figur sagen. Azuela schreckt auch nicht davor zurück, den Ruf des berühmten Bauerngenerals Pancho Villa anzukratzen: Sein Ruhm beruhe auf Legende, die die armen Bauern schmiedeten.
Kritik an der blutrünstigen Mexikanischen Revolution ist nicht neu. Jeder zehnte Mexikaner, insgesamt eine Million Menschen, kam um. Aber im Gegensatz zu Autoren wie Juan Rulfo und Carlos Fuentes, die ebenfalls ein negatives Bild von der Revolution entwarfen, veröffentlichte Azuela sein Werk bereits 1916 mit dem Untertitel “Bilder und Szenen der gegenwärtigen Revolution” in einer Zeitung. Damit hielt er seinen revolutionären Landsleuten einen Spiegel vor.
Vermutlich gehen die beschriebenen Szenen auf Azuelas eigene Erfahrungen mit der Revolution zurück: Als Stabsarzt begleitete er die Truppe des mit Villa verbündeten Bauerngenerals Julían Medina und nahm so an den Siegen und Niederlagen der villinistischen Bewegung teil, bis er sich 1916 zur Niederschrift des Romans in Texas absetzte.
Die Gänsehaut des Bürgers Azuela bei der Beobachtung der Eßgewohnheiten und des Erscheinungsbildes dieser Rechtlosen ist in der Beschreibung spürbar. Barbarisch und kulturbedrohend werden sie skizziert. Bei ihren Plünderungen zerfleddern sie Dantes Göttliche Komödie, weil ihnen die “Nackedeis so gut gefallen”. Die Botschaft ist einfach: Diese barbarische Horde ließe mangels Bildung besser die Finger von der Revolution und bliebe bei ihrer Scholle.
Aber auch mit dem bürgerlichen Revolutionär rechnet Mario Azuelas ab. Aus politischer Überzeugung schließt er sich der Truppe an und steht als ideologisches Alter Ego dem Anführer Demetrio zur Seite. Aber auch er kann dem Sog der Gewalt nicht widerstehen. Keinem der beiden, weder dem Bürgerlichen noch dem Bauern, wünscht man die Macht.
Mit den unterschiedlichen Schicksalen von Luis Cervantes und Demetrio Macías gelingt dem Autor eine zynische Prognose für den Ausgang der Revolution. Während sich der junge Mediziner rechtzeitig nach Texas absetzt und seine Beute in eine zukunftsträchtige Promotion investiert, bleibt Demetrio nur das Pathos des Schlußsatzes: “Am Fuße einer riesigen, prächtigen Felsspalte, die dem Portal einer alten Kathedrale ähnelt, hat Demetrio Macías noch immer den Gewehrlauf angelegt. Sein Blick ist nun für immer starr.”
Mario Azuelas begründete mit diesem Werk das Genre des Revolutionsromans, das sich seither wie ein roter Faden durch die Literaturgeschichte Mexikos zieht.
Trotz des virtuosen Abgesangs auf die Revolution wurde dieses Buch als vielgelobter Klassiker mehrfach verfilmt und steht in den mexikanischen Schulen noch heute auf der Liste der Pflichtlektüren.
Weil der Autor für seine Zeigenossen schrieb, setzte er die damaligen Verhältnisse in Mexiko als bekannt voraus. Für den heutigen Leser empfiehlt es sich daher, ausnahmsweise das Nachwort vorher zu lesen. Verfaßt wurde es von Klaus Jetz, der die historische und literaturgeschichtliche Bedeutung des Romans prägnant zusammenfaßt. Seiner Arbeit ist es auch zu verdanken, daß das Buch, das 1930 unter dem Titel “Die Rotte” in einem Berliner Verlag erschien und schnell vergriffen war, wieder neu aufgelegt wurde und damit ein Stück mexikanischer Kultur bereit hält, das das Verständnis des heutigen Mexiko erleichtert. Denn aus der Revolution ging die Regierungspartei PRI hervor, die vielfach für die weitverbreitete Schicksalsergebenheit der Mexikaner, für Lethargie und Entpolitisierung verantwortlich gemacht wird. Und vor diesem Hintergrund versteht man auch Octavio Paz besser, wenn er sagt: “Das mexikanische Volk glaubt, nach mehr als zwei Jahrhunderten voller Experimente und Niederlagen, nur noch an die Jungfrau von Guadalupe und an die Nationallotterie.”

Mario Azuela: Die Rechtlosen
Roman aus dem Spanischen von K. Jetz; Dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1992. ISBN 3-7638-0180-4; 144 S.; 32.- DM

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