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Die Regierung setzt auf Kupfer

San Pedro de Atacama, Sonntagvormittag. Touristen frühstükken, Facharbeiter aus Deutschland machen Frühschoppen. Das dritte Bier, der zweite Pisco-Schnaps macht die Runde. Fern der Heimat, die ganze Woche die gleichen Gesichter und ohne sie würde “da oben” ja gar nichts gehen. Noch drei Tische weiter ist zu hören, daß da oben, bei Chuquicamata, eine riesige Sauerei am laufen sei, in Deutschland unmöglich. Man könne sich das gar nicht vorstellen: Soweit das Auge reicht, fußballfeldergroße Lagerbecken randvoll mit schwefelsäurevermischtem Schlamm, mitten in der Wüste, unter freiem Himmel. Die alkoholisierte Dramatik hat ihren Höhepunkt erreicht.
Chuquicamata, seit Jahrzehnten das Synonym für Kupferbergbau in Chile, liegt im Norden der Republik in der Atacamawüste. Und “da oben”, das ist genauer gesagt El Abra, nördlich von Chuquicamata. El Abra ist das neue Kupfererzabbaugebiet, das im Oktober letzten Jahres von Staatspräsident Eduardo Frei offiziell eröffnet wurde. “Die Sauerei” ist das dort angewandte, umweltschädigende Verfahren, mit dem das Kupfer aus dem Gestein gewonnen wird.
Drei Jahre zuvor, im Oktober 1993, kurz vor dem Ende der Amtszeit von Staatspräsident Patricio Aylwin, wurde El Abra an die gleichnamige Sociedad Contractual Minera El Abra verkauft. Die SCMEA ist eine der ersten Gesellschaften im chilenischen Bergbau, bei der die staatliche Minengesellschaft CODELCO nur 49 Prozentanteile besitzt. Die knappe Mehrheit von 51 Prozent hält die US-Firma Cyprus Amax Minerals. Den US-Amerikanern war diese Mehrheitsbeteiligung immerhin 404 Millionen US-Dollar wert, die direkt dem chilenischen Staat zuflossen. Zusätzliche 150 Millionen US-Dollar gingen an die staatliche CODELCO. Mit einem Investitionsvolumen von etwas über einer Milliarde US-Dollar bis zum Beginn des Kupferabbaus ist das Projekt eines der größten ausländischen Direktinvestitionen in der chilenischen Geschichte. Mit welcher Kreditsumme japanische Investorfirmen dabei sind, ist nicht bekannt. Es muß aber eine beträchtliche Summe sein, denn immerhin hat sich El Abra verpflichtet rund die Hälfte der Kupferproduktion an die japanischen Financiers zur Schuldentilgung abzugeben. Die Dauer dieser Vereinbarung wird auf zwölf Jahre geschätzt.
Das Auslandsinteresse ist angesichts der Dimensionen von El Abra nicht verwunderlich. Das Gebiet gilt als eines der wichtigsten Kupfererzlagerstätten der Erde. In einer Höhe von 3300 Metern und auf einer Fläche von rund 2400 Hektar lagern 770 Millionen Tonnen Kupfererz. Als Staatspräsident Frei am 25. Oktober 1996 El Abra offiziell einweihte, waren die ersten 300 Tonnen Kupfer bereits in die USA verschickt worden.

Säure statt Hochofen

Gefördert wird im Tagebau, das heißt der Berg wird regelrecht abgebaut. Das Ziel ist ein jährlicher Abbau von 33 Millionen Tonnen Erz und eine Ausbeute von 225000 Tonnen Kupfer. Das Gestein wird zunächst zerkleinert und auf Förderbändern zu der 15 Kilometer entfernten Verarbeitungsanlage transportiert. In riesigen Trommeln wird es mit Schwefelsäure versetzt und anschließend auf einem Gebiet von 1600 mal 800 Quadratmetern ausgebracht. Die zugesetzte Schwefelsäure löst allmählich das Kupfer aus dem Gestein und die Schwefelsäure-Kupfer-Verbindung wird anschließend durch Elektrolyse wieder getrennt. Das Verfahren garantiert nicht nur eine effiziente Ausbeute, sondern auch niedrige Kosten. Außerdem weist das so in El Abra gewonnene Kupfer einen hohen Reinheitsgrad auf.
Billig ist dieses Verfahren, da keine Entsorgungskosten für das mit Schwefelsäure versetzte Geröll entstehen. Hier kommt dem Minenkonsortium die dünnbesiedelte Wüstengegend zugute. Die Abfallmasse wird in riesigen Becken endgelagert. Daß dabei große Schadstoffemissionen entstehen ist offensichtlich, schließlich vollzieht sich der ganze Prozeß unter freiem Himmel.

Wasser für El Abra

Ein zweites Problem bei dem Gewinnungsprozeß ist der hohe Wasserbedarf. 165 Liter pro Sekunde wurden im ersten Jahr der Produktion gebraucht. Wenn El Abra seine anvisierte Produktionskapazität erreicht, werden es 294 Liter Wasser pro Sekunde sein. Abgezapft wird das Wasser aus den unterirdischen Sammelbecken des nahen Ascotán-Salzsees und aus der Quebrada La Perdiz.
“Beim Wasser kommt erst die Mine und dann die Landwirtschaft,” sagt Manuel Olveiro aus Calama, der nächstgrößeren Stadt. Die 100.000 EinwohnerInnen große Stadt lebt von und mit den Minen und gilt als teuerste Stadt Chiles. Fakt ist, daß das Trinkwasser der Gegend hochgradig mit Schadstoffen belastet ist. Die Schuld der Minen daran kann nicht bewiesen werden, denn zur Freude der Minengesellschaften gibt es darüber keine Studien. Mit den Studien, welche Auswirkungen das Extraktionsverfahren bei EL Abra andernorts haben wird, kann begonnen werden.

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