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„Die Revolution tragen wir nicht im Blut“

Der Sohn eines Verschwundenen zu sein, politisiert einen ja vermutlich nicht automatisch. Was gab für dich den Anstoß, dich mit anderen „Hijos” zusammen zu tun?

Wenn man 18 Jahre alt wird, fängt man ja an, über allerhand Dinge nachzudenken. Eines Tages habe ich im Fernsehen von den H.I.J.O.S. erfahren und da hat es klick gemacht. Als ich sie reden hörte, dachte ich, da muss ich hin. Vor dem Bildschirm hatte ich den Eindruck, dass ich mir selber zuschaue. Es ist schon richtig: Sohn von Verschwundenen zu sein, bedeutet überhaupt nicht, dass man sich politisch engagieren muss. Mehr als 1.000 Leute haben schon die H.I.J.O.S.-Gruppen durchlaufen und haben einfach versucht, ihre eigenen Lebensgeschichten auf die Reihe zu kriegen. Bei einigen kommt dann der Moment, an dem sie von der psychologischen zur politischen Aktion übergehen. In den ersten zwei, drei Jahren ging es vor allem um die psychologische Aufarbeitung, heute gibt es das immer noch, doch sichtbarer sind unsere politische Aktionen.

Also existieren heute noch bei euch die Psychologie und die Politik nebeneinander?

Ja, es gibt diese Räume des Trostes und der psychologischen Arbeit immer noch. Man sollte wirklich unterstreichen: dass das Blut eines Verschwundenen in Deinen Adern fließt, heißt nicht, dass Du selber politisch aktiv werden musst. Das heißt jetzt nicht, dass wir nicht stolz auf das wären, was unsere Eltern getan haben. Dass sie ihr Leben für eine soziale Veränderung gegeben haben, dass sie für eine Revolution gekämpft und gearbeitet haben. Ich trage mein Bündel voller Stolz. Aber das sollten wir nicht verallgemeinern. Wir sehen das gerade an den Kindern von den großen Führungsfiguren, die liegen oft im Clinch mit ihren Eltern.

Die Versuchung liegt nahe, Eure Eltern in der Erinnerung zu Helden oder Märtyrern zu machen. Wie vermeidet ihr das?

Für uns sind unsere Eltern weder Helden noch Märtyrer. Sondern einfach Menschen, die für die Veränderung der Wirklichkeit gekämpft haben. Wenn man jemanden zum Märtyrer macht, dann hebt man ihn ja ihn über alle anderen hinweg, immer höher. Und dann sieht man ihn nur noch aus weiter Ferne. Wir wollen diese Leute menschlicher zeigen. Wenn wir die Geschichten unserer Eltern rekonstruieren, interessieren wir uns nicht nur für ihr politisches Engagement, sondern auch dafür, was sie gegessen haben, was sie gerne gemacht haben, ob sie Fußball spielten, welche Musik sie mochten. Darum geht es, um das Menschliche: dass Du, ich, er oder sie heute genauso gut politisch aktiv werden könnte. Das Märtyrertum lähmt. Das hat überhaupt mit diesem ganzen Diskurs zur Erinnerung zu tun: ob diese als etwas Abstraktes begriffen wird – oder als etwas, was immer in Bewegung sein muss, etwas, das kommt und geht, das in die Vergangenheit geht und ins Heute zurückkehrt.

Es gibt ja Stimmen, die die Institutionalisierung eines Erinnerungsdiskurses unter Kirchner kritisieren, weil damit in erster Linie symbolisches Kapital akkumuliert und das Damals gegen das Heute ausgespielt würde. Also Staatsterrorismus in den Siebziger Jahren ächten, wie Kirchner es tut, aber Menschenrechtsverletzungen und Polizeigewalt heute tolerieren. Teilst Du diese Sorge?

Zunächst einmal: Wenn Sachen gut gemacht werden, muss man das anerkennen. Wir haben 30 Jahre Straflosigkeit hinter uns. Dass die Amnestiegesetze annuliert wurden, ist ja das Resultat von 30 Jahren Kampf, von der Präsenz der Mütter auf der Plaza de Mayo. Die Regierung heute handelt nicht der Symbolik wegen, sondern weil es genau diesen Kampf gegeben hat. Was wir daraus lernen, ist, dass wir weiterkämpfen werden. Weil es möglich ist, Siege zu erringen. Aber natürlich bezieht sich der Menschenrechtsdiskurs nicht nur auf die Verschwundenen. Als Menschenrechtsgruppe arbeiten wir nicht nur zu Themen, die uns als Kinder von Verschwundenen betreffen. Wenn heute ein Jugendlicher auf einer Polizeiwache gefoltert wird, dann ist das eine Menschenrechtsverletzung. Das passiert immer noch.

Ihr habt mit euren esraches ja viele Jahre lang für die soziale Ächtung der straffrei gebliebenen Täter und Mittäter der Diktatur gekämpft. Jetzt scheint eine juristische Aufarbeitung in greifbarer Nähe. Vertraut Ihr der amtierenden Regierung und der Rechtstaatlichkeit, die sie heute verspricht?

Als H.I.J.O.S. gegründet wurde, waren wir ungeheuer sauer auf diesen Staat. Unsere Eltern hat dieser Staat verschleppt, als wir selber demonstrierten, hat uns dieser Staat mit Repression geantwortet. Das war in der Regierungszeit von Carlos Menem. Da gab es nur Schweigen, Angst und Vergessen. Für uns war der Staat der Feind. Dem Justizapparat haben wir immer den Rücken zugekehrt. Nun beginnt ein neuer Prozess. Unser Verhältnis zum Staat hat sich verändert. Früher haben wir uns nie an einen Tisch gesetzt. Heute können wir mit der Regierung verhandeln, diskutieren, Meinungen austauschen. Wir begrüßen das, was diese Regierung in Bezug auf die Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur unternimmt, aber wir verlangen auch, dass die Menschenrechte heute geachtet werden.
Da wir nie gedacht haben, dass man diese Leute jemals vor Gericht stellen kann, haben wir mit den esraches angefangen: wenn schon keine rechtliche Bestrafung, dann wenigstens eine soziale Verurteilung. Auf dass sie ihre Anonymität verlieren, dass man sie überall ausbuht, dass der Bäcker ihnen kein Brot verkauft und sie im Café nicht bedient werden. Wir wollten das Versteckte und Verschwiegene markieren – natürlich immer nach einer ausführlichen Recherche – also diejenigen öffentlich machen, deren Namen man nicht kannte, die gewöhnliche Nachbarn waren und ganz in Ruhe ihr Leben gelebt haben. Es war diese Notwendigkeit, zu wissen und zu zeigen, wo sie wohnen. Das war auch die Idee der roten Farbbeutel, die an das Wohnhaus geworfen werden. Das Haus markieren, die Figur demaskieren.
Der escrache ist einfach eine neue Methode, eine Demonstration zu veranstalten. Ich glaube, dass war unser wichtigster Beitrag. Das war natürlich auch das, was von den Medien am ehesten wahrgenommen wurde, was uns als H.I.J.O.S. eine politische Identität verschafft hat. Außerdem haben wir als junge Generation diesem ganzen Schmerz, der dann zu einem Kampf wurde, einen neuen Rahmen gegeben, nämlich die Lebenslust: Ihr habt uns kaputtgemacht, ihr habt uns unsere Familien weggenommen, ihr habt uns ein Wirtschaftssystem aufgezwungen, das uns in den Ruin getrieben hat – und trotzdem können wir lachen und singen. Das war der escrache nämlich auch: eine fiesta.

Der escrache basiert ja auf einer sehr klaren Vorstellung davon, wer die Opfer und vor allem, wer die Täter waren. Was aber ist mit diesen Grauzonen in der zivilen Gesellschaft: die Schweigsamen, die nichts sehen wollten, die passiven Mittäter und Komplizen?

Das ist ein Tabuthema. Was war die Rolle der Zivilgesellschaft? Es ist ein sehr kompliziertes Thema, dass eine Gesellschaft sich mit ihren eigenen Fehlern konfrontiert. Es ist ja leicht, zu sagen, dass die Politiker alle korrupt sind, wie die Argentinier nicht müde werden zu sagen und wie es wohl Leute auf der ganzen Welt immer wiederholen. Ein Beispiel ist der Brand in der Diskothek Cromagnon im Dezember 2004 in Buenos Aires: Ist wirklich der Bürgermeister schuld (dessen Inspektoren die Sicherheitsvorkehrungen nicht überprüft haben, Anm. d. Red.) – oder sind wir nicht auch selber verantwortlich? Und ich schließe mich nicht aus. Die Politiker sind ein getreuer Spiegel der Gesellschaft, in der wir leben. Und das ist unsere große Aufgabe: die Zivilgesellschaft einbeziehen.
Ein Beispiel ist der Club Atletico im Stadtviertel San Telmo. Da machen Stadtteilorganisationen mit, die haben schon vor acht oder neun Jahren angefangen. Die gingen anfangs von Tür zu Tür, „Hallo, ich heiße so und so – wissen Sie irgendwas von dem und dem?”. Und da stößt man dann auf Leute, die einem die Tür vor der Nase zuknallen und auch auf solche, die einem ein Foto geben. Oder Leute, die sich plötzlich zu erinnern anfangen: Ich habe Schreie gehört… Genau so funktioniert diese Art der Erinnerung: es ist eine Art „Ameisenarbeit“, bestehend aus vielen Teilchen.

An den künftigen Erinnerungsorten, dem Club Atlético oder auch der ESMA, soll sich Erinnerung ja materialisieren. Was möchtest Du gerne an diesen Orten sehen?

Letztlich geht es beim Betreten dieser Orte immer darum, zu erkennen, was man heute machen kann. Wenn nicht, bleibt die Erinnerung einfach eine Gedenktafel. Sehen, was passiert ist – und was man heute tun kann: die Kinder sterben noch immer an Hunger, die Leute haben keine Arbeit, es gibt Tausende ohne Dach überm Kopf. Wir sind noch am Diskutieren, inwieweit wir diesen Orten einen pädagogischen Sinn verleihen möchten. Wir haben damit gewisse Probleme. Einige der Mütter, vor allem die Gruppe um Hebe de Bonafini, schlagen ja vor, in der ESMA eine Berufsschule zu errichten oder ein Studienzentrum. Wir glauben aber nicht, dass man an einem Ort, an dem gefoltert wurde, lernen und lehren kann. Dass die ESMA mal eine Erweiterung der Universität werden soll und dass es dann eines Tages wohlmöglich heißt: „Ich studiere an der ESMA” – diese Vorstellung behagt uns nicht. Aber wir müssen weiterdiskutieren. Wir sind ja keine Avantgarde-Organisation. Wir versuchen nur, eine Tür zu öffnen. Wir haben nicht die Lösung für das ganze Land. Die müssen wir schon alle miteinander suchen – auch wenn das jetzt noch so hippiemäßig klingt.

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