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Die Revolution von Cardoso

Ich habe für Lula gestimmt, deshalb muß ich mich in diesem ersten Punkt sehr deutlich ausdrücken. Fernando Enrique Cardoso hat aufgrund seiner poltischen Verdienste gewonnen, nicht durch die Hilfe anderer. Die Figuren aus der Regie­rung, die ihm helfen wollten, haben ihm nur das Spiel erschwert. In Anbetracht der schlechten Erinnerungen, die sich mit Namen wie Ricupero und Stepanenko verbinden, hat Fernando Enrique Cardoso reagiert wie der chilenische Politiker, der in einer ähnlichen Situation seinen Ver­bündeten zurief, sie sollten ihm nicht hel­fen. Vielleicht hätte er das noch lauter rufen sollen, um sein Bild und das des Landes aufzubessern.
Wachstum und Armut
Fernando Enrique ist ein zu geistreicher Intellektueller, als daß sich seine Ideen in einem einzigen Satz zusammenfassen ließen. Wenn er sagt, Brasilien sei kein unterentwickeltes sondern ein ungerechtes Land, dann meint er damit, daß Brasilien noch ungerechter als unterentwickelt ist. Sicher weiß er, daß der Sertâo von Pariba oder Bahía unterentwickelt ist; was er ausdrücken möchte, ist, daß das wirt­schaftliche Wachstum von Sao Paolo un­gerecht ist. Die Statistiken sagen, die bra­silianische Wirtschaft sei im vergangenen Jahr um fünf Prozent gewachsen, das Be­schäftigungsniveau aber gleich geblieben. Ist das etwa kein Beispiel für ungerechtes Wirtschaftswachstum?
“Sao Paolo – Wachstum und Armut” ist der Titel eines Buches aus den siebziger Jahren, das wiederaufgelegt werden müßte. Erstens ist es eine exzellente soziologische Studie, und zweitens ist ei­ner der Autoren Fernando Enrique Cardoso. Die Idee, die dem Buch zugrun­deliegt, ist folgende: Die Wirtschaft Sao Paolos wächst, und mit ihr wächst die Armut.
Auf den Hügeln von Rio sieht man die Favelas schon länger, dicht bei den Hoch­häusern der Mittelklasse. Brasilien wächst wie kaum ein anderes Land der modernen Welt, und an der Seite des Reichtums wächst die Armut.
Auch ein anderes Zitat von Fernando Hen­rique wird immer wieder angeführt: “Vergeßt das, was ich geschrieben habe.” Wenn er das jemals gesagt haben sollte, so glaube ich nicht, daß er das so meinte, wie es jetzt interpretiert wird. Warum sollte er seine intellektuellen Fähigkeiten leugnen, wenn das seine größte Stärke ist? Alle, die wie ich, in seiner Wahlkampagne für den Senat 1978 mitgearbeitet haben, wissen, daß seine politische Rolle damals die des Intellektuellen als Führungsfigur der Intellektuellen im Widerstand war. Das ist überhaupt die Bestimmung eines Intel­lektuellen: Andere Intellektuelle anzufüh­ren. Als solcher konnte er sich nur auf seine Bücher und seinen Ruf stützen. Ein großer Teil der brasilianischen Intellektu­ellen sind zur PT übergegangen und an­dere – nicht so wenige, wie geglaubt wird – sind bei der PMDB (Partei der demokra­tischen Bewegung Brasilien: War die große, während der Militärdiktatur einzig zugelassene Oppositionspartei. Anm. der Red.) geblieben. Aber wie anders, als durch die Leitfigur Fernando Henrique, ließe sich erklären, daß so viele zur PSDB (Sozialdemokratische Partei – spätere Ab­spaltung von der PMDB) gewechselt sind?
Ich verstehe den Sinn dieses Satzes, der einen Skandal auslöste, nur so: “Versucht nicht, die Diskussion konkreter Fragen von heute kompliziert zu machen durch das, was ich in den siebziger oder achtzi­ger Jahren geschrieben habe.” Intellektu­elle, die ein Minimum an praktischer politischer Erfahrung haben, wissen, was das bedeutet. Wenn wir uns bereits schwer damit tun, heute ein konkretes Problem zu verstehen, so ist es doch noch schwieriger, auch die früheren Schriften der heutigen Protagonisten zu verstehen. Wenn ich, immer dann, wenn ich handeln muß, zu meinen damaligen Arbeiten zurückkehren würde, dann wäre mir sogar meine be­scheidene politische Aktivität unmöglich. In Anbetracht eines konkreten Problems sagt kein Intellektueller, man möge seine Schriften vergessen. Aber Diskussionen über Texte stören die Analyse eines realen Problems.
Bürgerliche Erziehung
Die ersten Bücher von Fernando Henrique entstanden unter dem Einfluß Florestan Fernandes, einige in Zusammenarbeit mit Octavio Ianni. Sie handeln von ethnischen Problemen im Süden Brasiliens. Niemand muß erst lange abstrakte Diskussionen führen, um zu erkennen, daß diese Texte eine demokratische Gesellschaft fordern und ein Land, in dem niemand sich wegen seiner Hautfarbe erniedrigen muß. “Kapitalismus und Sklaverei”, die bemer­kenswerte Doktorarbeit Fernando Henri­ques, ist eine Neuinterpretation der Wur­zeln des brasilianischen Kapitalismus. In seiner brillianten Habilitationsschrift “Industrieunternehmer und wirtschaftliche Entwicklung in Brasilien” zeigt er, daß Unternehmer häufig staatliche Subventio­nen erhielten, ohne daraus Verantwort­lichkeiten abzuleiten. Hat sich das bis heute geändert?
In dem Buch “Abhängigkeit und Ent­wicklung in Lateinamerika”, das er ge­meinsam mit Enzo Faletto geschrieben hat, entwickelt er die Idee, daß Brasilien trotz seiner Abhängigkeit wachse. Das war ungewöhnlich in einer Zeit, in der wir glaubten, aufgrund unserer Abhängigkeit zur Stagnation verdammt zu sein. Darauf folgten die siebziger Jahre, die Texte des Kampfes für Demokratie, die in “Autoritarismus und Demokratie” und “Demokratie für den Wechsel” zusam­mengefaßt sind.
Ich glaube nicht, daß Fernando Henrique vergessen will, was er geschrieben hat, auch wenn er jetzt Präsident ist. Ich glaube auch nicht, daß das notwendig ist. Ich erinnere mich aber nicht nur an seine Texte, sondern auch an verschiedene Situationen – zum Beispiel, als wir ge­meinsam Mitte der siebziger Jahre im Auftrag der UNO durch das peruanische Hochland reisten. Wir wollten dort zu Bauerndörfern zwischen dem Titicaca-See und Cuzco Kontakt aufnehmen und die Aktivitäten von Kooperativen unter der Regierung Belaunde Terry untersuchen.
Unsere soziologische Neugierde brachte uns an den Rand einer immer ärmeren Welt, bis wir schließlich in ein Dorf von Indígenas gelangten. Sie feierten die Ein­weihung ihres Abwassersystems, das mit Hilfe der Regierung und der Armee gebaut worden war. Die Dorfoberen kamen uns schwankend entgegen, um uns zu empfangen. Sie waren betrunken, kein Wunder bei einer solchen Feier, wo die Hauptspeise ein rattenähnliches Nagetier war, dazu gab es eine große Menge dun­kelroter Chicha, ein Maisgebräu, das für westlich-christliche Eingeweide gänzlich unbekömmlich ist. Obwohl Fernando Henrique genauso gerührt war wie ich von dieser ulkigen Mischung aus Indígenas und Militärs, sagte er zu mir: “Das ist ziemlich viel für mich, Weffort, ich hatte eine sehr bürgerliche Erziehung.”
Wenn Fernando Henrique die Wahlen wegen des Plan Real gewonnen hat, dann will ich hier daran erinnern, daß dieser Plan bis jetzt das Ergebnis einer kompli­zierten Mischung aus technischem Know-How, Unterstützung durch die Eliten und die dominierenden Gruppen gewesen ist, sowie einer überraschend großen Sensibi­lität für jemanden wie Fernando, dem der “Geruch nach Volk” nicht gefällt, wie ebenso vielen anderen brasilianischen Politikern bürgerlicher Herkunft auch.
Aber ich frage mich, was er in seiner Regierung machen kann, mit den Verbün­deten, die er hat. Wenn ich auf der Grundlage seiner bisherigen Werke sein Verhalten prognostiziere, dann wird er ein Staatschef sein, welcher der Modernisie­rung und Demokratisierung der Gesell­schaft verpflichtet ist. Er wird sich wün­schen, daß die Wirtschaft weiter wächst, allerdings weniger ungerecht. Hier sind wir wieder an dem Punkt, den ich ein­gangs erwähnte.
Das bedeutet, daß alle, die ihre Opposition auf den Glauben stützen, der Präsident sei ein Konservativer, sich auf dem Holzweg befinden. Das Problem ist, daß der Präsi­dent, wie wichtig er auch sein mag, nicht die ganze Regierung ist. Er wird mit ver­schiedenen politischen Kräften und deren teilweise sogar gegensätzlichen Ansichten zusammenarbeiten müssen. Es gibt fol­gende klassische Formen für das Verhal­ten brasilianischer Eliten in einer solchen Situation. Die erste ist die “Politik der Versöhnung”. Die zweite sagt, daß nie­mand einem Konservativen ähnlicher ist als ein Liberaler an der Regierung. Die dritte schließlich erklärt: Liberale fordern, Konservative machen die Reformen.
Ein Präsident der Reformen
Das große Problem ist, daß diese Formen vielleicht im heutigen strukturell differen­zierten Brasilien nicht wirksam sind. Soweit sich das absehen läßt, wird der Staat nur gemäß pluralistischer Prinzipien funktionieren können. Das bedeutet in der Praxis, daß der Präsident seine Regierung auf ein komplexes System von Verbin­dungen stützen muß. Jede dieser Verbin­dungen hat natürlich ihren Preis. Er wird seine Reformen nur mit der Hilfe einer reformbereiten Opposition verwirklichen können, die vielleicht sogar reformisti­scher ist als er selbst. Diese Reform-Opposition muß durch die PT angeführt werden, oder es wird keine geben.
Was die Opposition angeht, gilt es zu ver­stehen, daß es hier in diesem Land keinen Platz mehr für monopolistische Regierun­gen gibt, genausowenig wie es einen Platz für eine sogenannte Systemopposition gibt. In einem bestimmten Moment seiner Kampagne hat Lula Fernando des Plagiats beschuldigt. Merkwürdigerweise hat der “organische Intellektuelle” der Arbeiter­klasse zu dieser Art Beschuldigung gegrif­fen, die doch eigentlich nur unter Intel­lektuellen Sinn macht. Plagiat oder die Übereinstimmung in Programmpunkten, die entscheidende Frage ist doch: Mit welcher Begründung könnte die PT der neuen Regierung die Unterstützung ver­sagen?
Brasilien, so sagt Fernando, sei eher unge­recht als unterentwickelt, doch jetzt gibt es die Möglichkeit einer Veränderung, oder besser gesagt die Möglichkeit, mit Veränderungen zu beginnen. Und die ein­fachste Erklärung, die Spitze eines histori­schen Eisberges ist, daß einerseits die Regierung einen großen Intellektuellen an ihrer Spitze hat und andererseits die Opposition einen großen Arbeiterführer. Und beide werden, jeder auf seine Art, die beiden neuen Parteien PT und PSDB anführen. Von beiden wird erwartet, daß sie in der Lage sind, das zu definieren, was in der Politik die “Tagesordnung” des Kongresses heißt.
Wenn diese Politik in die richtige Rich­tung weist, wird sich unser Land hin zu einer Festigung der Demokratie bewegen, hin zu einer weniger ungleichen Gesell­schaft. Wir werden auf eine weiter ent­wickelte, weniger ungerechte Gesellschaft zusteuern. Ist das nicht, was allgemein als Moderne definiert wird? Wenn das der Weg wäre, was ich auch hoffe, dann wer­den die Wahlen von 1994 in unserer Ge­schichte so wie die von 1930 eingehen, nämlich als der Anfang einer zweiten demokratischen Revolution.

Übernommen aus der Brecha vom 14.10.1994, La revolución de Cardoso

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