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Die Rosenkavalierin

Eine Handvoll Männer rennt einen staubigen Hügel hinab. Alle tragen große Umhängetaschen oder wuchten Handkoffer hinter sich her. Ihre Blicke sind gehetzt. Einer gibt den anderen Handzeichen, wann sie hinter einem Busch geduckt einen Moment ausharren sollen und wann das Gestolper den Abhang hinunter weitergeht. Das Ziel: große Container mit Blumen am Fuße des Hügels. Als die Wachleute zur Kaffeepause in einer Baracke verschwinden, setzen die Männer zum Endspurt an. Doch natürlich werden sie bei ihrer Rosenjagd entdeckt, bis auf einen gelingt ihnen allerdings der Rückzug. Wüst beschimpfen sie den Sicherheitsmann, der ihren Kollegen festhält: „Er ist doch dein Landsmann, du Arschloch, lass ihn gehen!“ Der Wächter spuckt ihnen bloß verächtlich hinterher. „Faules Pack. Ihr müsstet nur um sechs aufstehen, um anständig zu arbeiten, so wie ich.“
Die Einstiegsszene in Fernando León de Aranoas Film Amador macht dessen Setting gleich deutlich: Es geht um Einwanderung in Spanien, um den Überlebenskampf der MigrantInnen, um die Hierarchien zwischen verschiedenen Herkunftsländern sowie denjenigen mit und denen ohne legalen Aufenthaltsstatus. Doch diese Themen stellen nur seine Rahmenhandlung dar, Leóns Film ist kein politisches Drama, das die Missstände europäischen Asylrechts anklagt.
Im Vordergrund des Films steht die Geschichte von Nelsón und Marcela, die versuchen, sich fern ihrer Heimat eine neue Existenz im Euroland aufzubauen. Dazu vertreiben sie die geklauten Rosen, säuberlich zu Sträußen gebunden oder einzeln in Plastikfolie verpackt, an Immigranten aus Afrika weiter, die sie dann wiederum in Restaurants und Kneipen weiterverkaufen.
Der spanische Regisseur – der bereits 2002 mit Los lunes al sol („Montags in der Sonne“) über Arbeitslosigkeit an der galizischen Küste Spaniens und 2005 mit Princesas, einem eindrucksvollen Porträt zweier Prostituierter, mit gut beobachteten Sozialstudien überzeugte – präsentiert mit Amador einen leisen, ruhigen Film über die zwischenmenschlichen Beziehungen von Personen, die versuchen, ihr eher klägliches Leben zu ordnen. Und die versuchen, darin noch etwas Glück zu finden.
Marcela ist sich fast sicher, dass ihres nicht im Leben mit Nelsón (Pietro Sibille) liegt und beschließt, ihn endlich zu verlassen. Doch ihr Aufbruch endet schon an der Bushaltestelle vor ihrem Haus, sie wird ohnmächtig und kommt ins Krankenhaus. Als die Ärztin ihr sagt, sie sei im zweiten Monat schwanger, kehrt sie niedergeschlagen nach Hause zurück. Magaly Solier, die Hauptdarstellerin des peruanischen Films La teta asustada („Eine Perle Ewigkeit“), der vor zwei Jahren den goldenen Bären der Berlinale gewann, spielt diese Marcela mit entrückter Melancholie. Fast ohne Mimik, mit tiefer Traurigkeit in den Augen und einer fast kindlichen Naivität, sieht Marcela ihrem Leben eher zu, wie es an ihr vorbei geht, anstatt es selbst in die Hand zu nehmen. So erzählt sie Nelsón auch nichts von der Schwangerschaft. Es bleibt unklar, ob aus Angst, er könne das Kind nicht wollen, oder weil sie ihn nicht mehr liebt – oder einfach nur, weil es sich nicht ergibt.
Als der Kühlschrank, in dem Nelsón die Rosen aufbewahrt, kaputt geht, nimmt Marcela einen Sommerjob bei einer spanischen Familie an, deren bettlägrigen Vater sie pflegen soll. Nun zeichnet sich zunächst das aus vielen Filmen bekannte Motiv ab: grimmiger, wortkarger alter Mann und junge, naive (ausländische) Frau nähern sich langsam einander an. Doch León de Aranoa lässt der Beziehung zwischen den beiden viel Raum sich zu entwickeln, beobachtet feinfühlig wie diese beiden einsamen Menschen sich aufeinander einlassen und gegenseitig ihre Geheimnisse entdecken. Der im Sterben liegende Amador (äußerst liebenswert gespielt von Celso Bugallo) ist der einzige, der entdeckt, dass Marcela schwanger ist. Und Marcela ist empfänglich für die letzten Weisheiten dieses alten Mannes. Sie beginnt endlich, Entscheidungen für ihr Leben zu treffen.
Und dann nimmt die Handlung auch doch noch einige unerwartete Wendungen, die zwar mitunter etwas konstruiert wirken, den Film aber dennoch davor bewahren, vollständig ins Vorhersehbare abzurutschen. Nichts desto trotz liegt die Stärke des Films nicht in seinem Plot, sondern in den feinen Beobachtungen der kleinen Veränderungen seiner DarstellerInnen. Besonders schön ist die solidarische Schicksalsgemeinschaft, die sich zwischen Marcela und der älteren Prostituierten Puri (Fanny de Castro) entwickelt, die Amador jeden Donnerstag „besucht“. Puri steht Marcela, als diese in eine missliche Lage gerät, mit mütterlichem Rat und vor allem einer gesunden Portion Abgeklärtheit zur Seite.
Auch wenn Amador titelgebend war, sind es in Leóns Film am Ende die Frauen, die zwar am Rande der Gesellschaft, aber trotzdem selbstbestimmt ihrem Leben eine Richtung geben. Denn neben Marcela und Puri, bestimmt auch Amadors Tochter Yolanda schlussendlich, wo es mit ihrer Familie langgeht.

Amador // Fernando León de Aranoa // 112 Min. // Spanien 2010 // Auf der 61. Berlinale zu sehen im Panorama

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