«

»

Artikel drucken

Die Rückkehr der Vergangenheit

Der oder die Täter ermordeten Bischof Gerardi am Abend des 26. April, als er von einem Familienbesuch in die Pfarrei San Sebastián im Zentrum der Hauptstadt zurückkehrte. Er wurde mit einem schweren Stein niedergeschlagen, anschließend sein Gesicht zertrümmert. Seine Wohnung wurde durchsucht, doch nichts entwendet. Raubmord ist somit auszuschließen. Unklar ist nach wie vor, ob die Tat von nur einer oder von mehreren Personen begangen wurde. Ein Obdachloser, der regelmäßig in der Nähe der Pfarrei schläft, hat die Tat nach eigenen Angaben beobachtet und spricht von einem Täter. Andere Zeugen haben vier Männer gesehen, die am Tatabend stundenlang vor der Pfarrei warteten.

Zweifel an der offiziellen Version

Der internationale Druck auf die Regierung, den Mord aufzuklären, war sofort sehr groß – Bischof Juan Gerardi war einer der prominentesten Kämpfer für die Menschenrechte in Guatemala. Schon nach wenigen Tagen verhaftete die Polizei Carlos Enrique Vielman Viani und präsentierte ihn als vermeintlichen Mörder. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Vielman erhoben, doch fast alles spricht gegen seine Beteiligung an der Tat.
Bei einer Gegenüberstellung mit den Zeugen haben diese ihn nicht wiedererkannt. Außerdem sprachen die Zeugen von einem Täter, der mindestens 1,70 Meter groß ist – doch Vielman mißt nur rund 1,50 Meter. Es ist zudem unwahrscheinlich, daß es ihm, der außerdem eine Behinderung an der rechten Hand hat, gelungen sein könnte, den 1,85 Meter großen Bischof von oben auf den Kopf zu schlagen.
Das Menschenrechtsbüro des Erzbistums (ODHA) ist von der Unschuld Vielmans überzeugt und fordert seine Freilassung. Menschenrechtsaktivisten in Guatemala befürchten, daß mit dem Beharren auf der Schuld Vianis die Suche nach den wahren Mördern und ihren Hintermännern von offizieller Seite verhindert werden soll.
Tatsächlich scheinen die Ermittlungsbehörden nicht gewillt, anderen Spuren mit gleicher Intensität nachzugehen. Es wird befürchtet, daß der Bischofsmord ein weiteres Beispiel für die Straffreiheit von Menschenrechtsverletzungen wird, die Juan Gerardi wiederholt angeklagt hatte.

Der rächende Jaguar

Zwei Wochen nach der Tat wurde ein Bekennerbrief der Todesschwadron Jaguar Justiciero („Rächender Jaguar“) bekannt, der bei Carlos Catú Otzoy einging. Catú ist Bürgermeisterkandidat der linken Oppositionspartei „Demokratische Front Neues Guatemala“ (FDNG) in San Juan de Comalapa im Departement Chimaltenango. „Wir wollen Dein Blut sehen“, steht in dem Schreiben, in dem angekündigt wird, daß alle FDNG-KandidatInnen für die Kommunalwahlen im Juni ermordet würden. Der „Rächende Jaguar“ bekennt sich in diesem Schreiben auch zu den Morden an Bischof Gerardi, an dem früheren Präsidentschaftskandidaten Jorge Carpio Nicolle und am Präsidenten des Verfassungsgerichtes Epáminodas González Dubón vor einigen Jahren.
Diese Todesschwadron existiert vermutlich seit Ende der 80er Jahre. Sie hat gute Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen der Armee und rekrutiert sich vermutlich aus Mitgliedern des Militärs. Beweise gibt es dafür allerdings noch keine – nicht zuletzt weil die Regierung sich weigert, die Geheimstrukturen innerhalb der Streitkräfte zu untersuchen und aufzulösen. Laut REMHI-Bericht sind die Streitkräfte für etwa 90 Prozent der Menschenrechtsverletzungen während des Krieges verantwortlich, die Geheimstrukturen innerhalb der Armee sind daran jedoch in besonders hohem Maße beteiligt.
Noch ist unklar, ob das Schreiben authentisch ist. Die Regierung ließ sich von ihrer Einzeltäterversion nicht abbringen, der Staatsanwalt spricht von „einer falschen Spur“.
Nun wird das weitere Anwachsen des Terrors rechtsextremer Gruppen befürchtet. Mehrere Oppositionspolitiker haben in den vergangenen Wochen Todesdrohungen erhalten; am 6. Mai wurde Luis Yat Zapeta ermordet. Er war Mitglied der FDNG und seit einigen Monaten Bürgermeister von Santa Cruz del Quiché, nachdem sein konservativer Amtsvorgänger wegen Korruption abgesetzt worden war.

Neue Drohungen gegen die Kirche

Zugleich nehmen die Angriffe gegen die katholische Kirche – vor allem gegen die MitarbeiterInnen von REMHI – zu. Der italienische Priester Pedro Nota, der seit 1995 im REMHI-Projekt arbeitete, ist ins Ausland geflohen, nachdem ihm ein Ultimatum gesetzt worden war, das Land zu verlassen oder ermordet zu werden. Zugleich erhielten zwei Mitglieder der Abteilung für Exhumierung der ODHA Todesdrohungen. Die Wohnung des Verantwortlichen für die Exhumierungen, Federico Reyes, wurde durchsucht, ein Computer mit wichtigen Daten entwendet. Zuletzt hatte das forensische Team der ODHA ein Massengrab in dem Dorf Pujulil III im Departement Sololá mit sieben Opfern eines Massakers der Armee freigelegt.

Gefährliche Vergangenheit

Das Ziel der Drohungen ist eindeutig: Wer die Vergangenheit nicht ruhen läßt, muß um sein Leben fürchten. Seit kurzem bestimmt die Angst vor einer Rückkehr des Terrors das politische Klima. Die katholische Kirche hat sich hinter die Arbeit von REMHI gestellt, die mit der Veröffentlichung des Berichts ja längst noch nicht beendet ist. Und auch wenn die Regierung dies nach dem Mord an Bischof Gerardi nicht offen sagt, so ist ihr die Arbeit von REMHI doch äußerst unangenehm. Schließlich enthält der Bericht „Guatemala: Nie wieder!“ zahlreiche Forderungen zu politischen und sozialen Reformen und zur Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen sowie zur Entschädigung der Opfer des 36jährigen Bürgerkrieges. Doch viel mehr als schöne Worte möchte die Regierung dafür nicht aufbringen.
Durch die Ereignisse der letzten Wochen erhält auch der Bericht der „Wahrheitskommission“ neue Brisanz, der Ende Juli veröffentlicht wird. Der Leiter dieser im Rahmen der Friedensabkommen zwischen der guatemaltekischen Regierung und der Guerillaorganisation URNG vereinbarten Kommission, der deutsche Völkerrechtler Christian Tomuschat, steht mittlerweile unter verstärktem Polizeischutz.
Zugleich haben sich sofort nach dem Mord an Bischof Gerardi 70 Organisationen zur „Convergencia: Nunca Más!“ zusammengeschlossen, um für ein Ende der Repression in Guatemala und die vorbehaltlose Aufklärung sämtlicher Menschenrechtsverletzungen einzutreten. Die Auseinandersetzung über den Umgang mit der Vergangenheit und den Schutz der Menschenrechte wird in Guatemala ein immer bedeutenderes gesellschaftliches Thema – mit dem sich auch jene, die es gerne totschweigen würden wie Regierung, Parteien und Militärs befassen müssen.

KASTEN

Bischof Juan Gerardi – ein Leben für die Menschenrechte

Mehr als 30 Jahre hat sich Juan Gerardi als Bischof für die Rechte der unterdrückten Indígena-Bevölkerung seines Landes eingesetzt. Nach seiner Ernennung zum Bischof der Diözese von Verapaz im Jahr 1967 lernt er die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den großen Kaffee- und Kardamomfincas der Region kennen. Zur Unterstützung der mehrheitlich indigenen Bevölkerung, die unter dem Rassismus der weißen und mestizischen Oberschicht leidet, ruft Gerardi 1973 die Indígena-Pastorale ins Leben.
1974 wird er zum Bischof der Diözese Quiché ernannt, wo er sich eindeutig auf die Seite der armen Bevölkerung stellt. Mehrmals muß er sich im Militärquartier von Santa Cruz den Anfeindungen der Militärs stellen, die ihn beschuldigen, die Guerilla zu unterstützen. Bei einer dieser Gelegenheiten sagt er den versammelten Militärchefs: „Sie sind diejenigen, die morden, Sie sind die Feinde des Volkes. Wir müssen auf der Seite der Bevölkerung stehen. Solange Sie sich nicht verändern, kann es keine Übereinstimmung zwischen uns und Ihnen geben.“
Der Quiché ist die Region, die vom Bürgerkrieg, der sich seit Ende der siebziger Jahre verschärft, am stärksten betroffen ist. Mehr als die Hälfte der von REMHI untersuchten Massaker finden hier statt. Der Terror der Armee macht auch vor der Kirche nicht halt. Ein Attentat überlebt Gerardi unverletzt, doch im Sommer 1980 muß er mit seinem gesamten Stab den Quiché verlassen, nachdem mehrere Pfarrer und KirchenmitarbeiterInnen ermordet werden; die Diözese wird aufgelöst.
Nach einer Reise zum Vatikan wird dem Bischof der Wiedereintritt nach Guatemala verwehrt, bis 1984 lebt er im Exil in Costa Rica. Zusammen mit Bischof Rodolfo Quezada Toruña vertritt er ab 1988 die guatemaltekische Bischofskonferenz in der auf Basis des Abkommens von Esquipulas gegründeten „Nationalen Versöhnungskommission“. 1989 gründet Gerardi das „Erzbischöfliche Menschenrechtsbüro“ (ODHA) in Guatemala-Stadt, und von 1995 bis 1998 ist er für das bei der ODHA angesiedelte Projekt REMHI verantwortlich. Bei der Vorstellung des REMHI-Berichts am 24. April in der Kathedrale von Guatemala-Stadt bemerkt Gerardi zur Bedeutung des Berichts „Guatemala: Nie wieder!“: „Wir wollen zum Aufbau eines anderen Landes beitragen. Wir haben mit dem Bericht die Erinnerung des Volkes wiedererweckt. Dieser Weg war und ist voller Risiken, aber die Errichtung des Reiches Gottes ist eine gefährliche Aufgabe.“
Nur zwei Tage später wird Bischof Juan Gerardi ermordet. Er war einer der prominentesten Fürsprecher der indigenen Bevölkerung und Kämpfer für die Menschenrechte in Guatemala.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/die-rueckkehr-der-vergangenheit/