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Die Sicht der Betroffenen

Am 16. und 17. April versammelten sich in Paraguays Hauptstadt Asunción über 100 Personen.Die große Mehrheit kommt aus den ländlichen Gebieten der Ostregion, um eine Koordination von Pestizidopfern auf nationaler Ebene aus der Taufe zu heben. Angesichts fehlender Antworten seitens der neuen Behörden wegen den Vergiftungen mit Pestiziden soll diese Koordination das Werkzeug sein, um sich kollektiv Gehör zu verschaffen.

Es war das erste Mal, dass Pestizidopfer so viel Platz in den Medien bekamen.

Zentral für den Kongress war der Protagonismus der direkt Betroffenen. Männer, Frauen und Kinder, Alte und Jugendliche kamen aus den Sojaanbaugebieten des Grenzgebietes zu Brasilien im Norden und Osten. Auch aus dem urbanisierten Landesteil Central kamen VertreterInnen. Es handelt sich um die Menschenrechtskoordination Ñemby, die seit 3 Jahren gegen die Pestizidfabrik Chemtec in ihrem Viertel Los Naranjos kämpft. Die unterstützenden Nichtregierungsorganisationen (NRO) beschränkten sich auf Logistik und Pressekontakte. Schnell stellte sich heraus, dass die Lage in Bezug auf Sojaanbau und Pestizide für alle VertreterInnen ähnlich ist: die Sojamonokulturen fressen sich wie ein Krebs immer weiter ins Land hinein. Dies kostet Menschenleben und zerstört die Lebensräume der Kleinbäuerinnen und -bauern und der Indigenen [dieses Problem existiert auch in der Amazonasregion, siehe Artikel in dieser Ausgabe, Anm. d. Red.].
In vielen Landesteilen gibt es Schulen, die vollständig von Soja umgeben sind, wo die Kinder kilometerweit durch die Felder zur Schule kommen müssen. Wenn gesprüht wird, weigern sich viele Kinder, zur Schule zu gehen. Und diejenigen, die kommen, leiden sehr oft unter akuten Vergiftungserscheinungen wie Schwindel, Sehstörungen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Erbrechen. Aus dem Dorf Minga Pora aus Alto Paraná reiste eine Mutter mit 4 Kindern an. Minga Pora liegt an der Straße von Ciudad del Este Richtung Norden. Der Weg dorthin ist gepflastert mit Silos der multinationalen Konzerne Cargill, Bunge, ADM und Luis Dreyfus. Die Landschaft ist ausgeräumt, wo vor 20 oder 30 Jahren noch der atlantische Regenwald stand. Die Kinder, die das erste mal ihr Dorf verließen, stehen der anwesenden Presse Rede und Antwort und halten die roten Pusteln und abgelösten Hautflecken in die Kameras. Es war das erste Mal, das Pestizidopfer so viel Platz in den Medien bekamen. Sie waren in allen Fernsehkanälen mit Interviews präsent. Die Printmedien hingegen, blockierten jegliche Artikel über den Kongress, obwohl ihre JournalistInnen und FotografInnen vor Ort eine gute Arbeit leisteten und viel Sensibilität an den Tag legten.
Pedro Caballero, ein junger Bauernführer der Gemeinde Nueva Germania aus der Region San Pedro, wurde zu einem der vier Koordinatoren des Kongresses gewählt. Mit viel Elan und Hintergrundwissen geißelte er die Expansionspolitik der Konzerne des Agrobusiness in seinem Departement San Pedro: „Der Manager des bislang einzigen Silos am Hafen von Antequera am Río Paraguay hat mir gesagt, dass die benachbarten Grundstücke von Cargill, ADM, Dreyfus und anderen Firmen gekauft wurden. Die 85 Kilometer von Santa Rosa nach Antequera sind nun fertig asphaltiert. Der Transport der Soja wird viel einfacher und kostengünstiger. Täglich kommen mehr Brasilianer nach San Pedro, um Soja anzubauen. Im Silo von Antequera haben sie mir gesagt, dass viele Brasilianer nach San Pedro kommen wollen, weil die Erde hier noch jungfräulich sei. In Alto Paraná dagegen, wo sie heute noch zu hause sind, sei der Boden steril geworden wegen der Monokultur und den Pestiziden. Sie lassen eine Wüste zurück und machen sich nun daran, unser Territorium zu zerstören.“

Die Sojamonokulturen fressen sich wie ein Krebs immer weiter ins Land hinein.

In ihrer Analyse stimmten die RepräsentantInnen überein, dass es einen strukturellen Plan gibt, die bäuerliche Bevölkerung in Paraguay zu eliminieren. Jorge Galeano vom Movimiento Agrario y Popular erklärt die Pläne der Weltbank über schnelle Titulierung von Kleinbauernland und Sozialwohnungsbau rund um die städtischen Zentren: „Die schnelle Titulierung von Kleinbauernland dient dazu, dass die Familien in ihrer verzweifelten Situation zu einem besseren Preis und vor allem legal an die Sojafarmer verkaufen können. Um sie in der Stadt aufzunehmen, gibt es Kredite für sozialen Wohnungsbau. Eins ist glasklar: Die kleinbäuerliche Bevölkerung und die dezentrale Besiedelung des Landes sind ein Hindernis für die kapitalistische Inwertsetzung des Agrobusiness.“ Alle Anwesenden kritisierten die Zersplitterung der sozialen Organisationen, die oft verhindere, dass sie gemeinsam kämpfen. Diese Einheit ist aber umso wichtiger, weil alle Gemeinden und Organisationen die Rechtsmittel ausgeschöpft haben, um ihr Leben und ihre Umwelt zu verteidigen. Und es kommt noch schlimmer.
Im Parlament wurde das neue Pestizidgesetz in Rekordtempo von der großen Kammer angenommen. Es wurde von den rechten Parteien der Colorados und Oviedistas präsentiert, im Interesse der Sojaproduzenten. Es nimmt den Leuten die wenigen legalen Werkzeuge zu ihrer Verteidigung und übergibt alle Kompetenzen der Pflanzenschutzbehörde SENAVE, die traditionell auf Seite der chemischen und Agrarindustrie steht. Das Gesundheitsministerium soll kaltgestellt werden, denn dort haben viele Gemeinden in der Zwischenzeit Gehör gefunden. Etliche der TeilnehmerInnen arbeiten gemeinsam mit NRO in der Lobbyarbeit mit verschiedenen SenatorInnen, um die Annahme des Pestizidgesetzes in der kleinen Kammer zu vereiteln.
Als sich am Freitag, dem 17. April, die Umweltstaatsanwaltschaft weigerte, eine Delegation der anwesenden Kleinbäuerinnen und -bauern, in ihrem Protest gegen deren chronische Untätigkeit, zu empfangen, begannen die TeilnehmerInnen Farbe und Pinsel auszupacken und ihrem Unmut künstlerisch Ausdruck zu verleihen: Korrupte Staatsanwälte raus! Schluss mit Pestiziden! Es lebe das Leben! Soja tötet!

„Eins ist klar: Die kleinbäuerliche Bevölkerung ist ein Hindernis für die kapitalistische Inwertsetzung des Agrobusiness.“

Für den Nachmittag wurden verschiedene staatliche Institutionen eingeladen, doch nur vier Ministerien fanden den Weg zur Versammlung. Von der Umweltbehörde SEAM, dem Landreforminstitut INDERT, dem Erziehungsministerium und des Ministeriums für Kinder und Jugendliche. Letztere Institution wurde von der Ministerin Liz Torres persönlich vertreten. Sie hat ein Team geschaffen, welches gezielt zur Problematik von Pestiziden arbeitet. Sie sind in den Sojawüsten von Alto Paraná, Caaguazú und Canindeyú präsent, um die katastrophale Lage der eingeschlossenen indigenen Bevölkerung zu überwachen und entsprechende politische Schritte zu ihrem Schutz einzuleiten. Doch sie selber gab zu bedenken, dass „die ökonomischen Interessen in diesem Falle sehr groß sind und dass es eine Kraftanstrengung von breiten Schichten der Gesellschaft braucht, um das Leben von Indigenen- und Bauernkindern darüber zu stellen“. Auch Marta López vom Erziehungsministerium will eine Abteilung schaffen, die sich der Lage der eingeschlossenen Schulen annimmt und darüber hinaus eine Gratistelefonnummer einrichten, wo die Leute Pestizidsprühungen in der Nähe von Wohnhäusern und Schulen anzeigen können. Alle VertreterInnen der Regierung unterstrichen die Wichtigkeit der neuen Koordination von Pestizidopfern und boten institutionelle Zusammenarbeit an. Dies bedeutet eine politische Anerkennung dieser gemeinsamen Anstrengung, die es in der Zukunft erlauben wird, die Klagen zu bündeln und die Lobbyarbeit besser zu koordinieren.

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