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DIE STIMME DER VERGESSENEN IST VERSTUMMT

Schriftsteller, Regisseur, Journalist, politischer und Umweltaktivist, Revolutionär, Guerrillero, Fernfahrer, Küchengehilfe – Luis Sepúlveda, von seinen zahlreichen Freund*innen liebevoll “Lucho” genannt, war so vieles in seinem Leben. Nun ist der vielseitige chilenische Autor im Alter von 70 Jahren in Folge seiner COVID-19-Erkrankung gestorben. Er und seine Frau, die Dichterin Carmen Yañez, gehörten im Februar zu den ersten Chilen*innen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Während sie jedoch nach kurzer Zeit wieder genesen war, erlag Sepúlveda am 16. April nach mehreren Wochen der Beatmung im künstlichen Koma der Krankheit.

Sepúlveda war seinen Idealen zeitlebens treu geblieben: „Ich dachte immer, es gibt bereits Leute, deren Aufgabe es ist, die Geschichte der Gewinner zu schreiben. Ich habe mich immer den Verlierern näher gefühlt. Unsere Aufgabe als Schriftsteller ist es, die Stimme der Vergessenen zu sein”, sagte er, „der Schriftsteller ist das Sprachrohr derjenigen, die keine Stimme haben.” So verfuhr er nicht nur in seiner Literatur, sondern auch im Leben. Trotz großen Erfolgs bescheiden geblieben, behielt er diesen nicht für sich, sondern teilte ihn, nutzte ihn, um zu helfen. Junge Autor*innen, kulturelle oder soziale Projekte und Bewegungen unterstützte er
mit seinem Namen, mit Kontakten und zum Teil
auch finanziell.

Der Durchbruch als Autor kam für Luis Sepúlveda 1989 mit dem später in über 50 Sprachen übersetzten Kurzroman Der Alte, der Liebesromane las, der einem breiten Publikum den vom Extraktivismus – hier in Gestalt von Goldsuchern und Ölfirmen – bedrohten Amazonas-Regenwald nahe brachte. Die titelgebende Hauptperson Antonio José Bolívar Proaño ist wie Sepúlveda selbst ein Exilant im doppelten Sinne: Ohne Möglichkeit, in sein Dorf in den Anden oder in die Gemeinschaft der Shuar im Urwaldgebiet Ecuadors zurückzukehren, die ihm eine zweite Heimat geworden war, blieben ihm am Ende nur die Bücher. Auch Sepúlveda blieben nur seine Bücher und das Schreiben, nur dass die Welten, in die er nicht zurückkehren konnte, Chile und die Revolution waren.

Nach eigenen Angaben „tiefrot geboren”, begann er sein politisches Engagement bereits mit 15 Jahren bei der Kommunistischen Jugend, wechselte dann zu den Sozialist*innen und reiste nach Bolivien, um die ELN-Guerrilla zu unterstützen. Er gehörte zur Leibgarde von Salvador Allende, war nach dem Militärputsch erst im Untergrund und später über zwei Jahre lang im Gefängnis, wo er gefoltert wurde. Auf Druck von Amnesty International wurde seine lange Haftstrafe schließlich in Exil umgewandelt, worauf er sich nacheinander in Uruguay, Brasilien, Paraguay und schließlich in Ecuador aufhielt, wo er auch die Kultur der Shuar kennenlernte. Als Brigadist kämpfte er in Nicaragua für die Sandinistische Revolution.
Anschließend ließ er sich für mehr als 10 Jahre in Hamburg nieder. Während dieser Zeit fuhr er als Besatzungsmitglied auf einem Schiff von Greenpeace über die Weltmeere, um gegen den Walfang zu kämpfen. Er könne sich nicht vorstellen, vom Meer entfernt zu leben, meinte er später einmal.

Sepúlveda wollte „eine gute Geschichte gut erzählen, ohne die Wirklichkeit zu verändern”

Reisen und Abenteuer waren überhaupt ein wichtiger Teil seines Lebens – kein Zufall also, dass er auch über die Reise- und Abenteuerliteratur zum Schriftsteller wurde. „Irgendwann sind mir die Bücher der Autoren ausgegangen, die ich liebte: Jules Vernes, Emilio Salgari, Robert Louis Stevenson oder Francisco Coloane hatten nichts Neues mehr für mich. Da habe ich angefangen, selbst Geschichten zu schreiben von der Art, wie ich sie gerne las.” Patagonien war dabei ein Ort, der seine Phantasie im besonderen Maße beflügelt hat, erst in den Büchern des von ihm bewunderten Coloane und später auf eigenen Reisen. So spielt es auch in mehreren seiner Werke eine Rolle, wie etwa in seinem Reisebuch Patagonia Express.

Sein Schreibstil war schnörkellos und konzentrierte sich darauf, „eine gute Geschichte gut zu erzählen, ohne die Wirklichkeit zu verändern, denn die Bücher verändern die Welt nicht, das machen die Bürger.” Antonio José Bolívar Proaño blieb dabei nicht seine einzige Hauptperson mit autobiografischen Elementen, mit dem desillusionierten ehemaligen Guerillero und Allende-Leibwächter Juan Belmonte aus Sepúlvedas Krimis kam ein weiteres Alter Ego hinzu.

Sepúlveda schrieb außerdem Kinderbücher, in denen es oft um ungewöhnliche Freundschaften (Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte, Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden) und Werte wie Respekt und Toleranz geht. Durchdrungen ist sein ganzes Werk von der Solidarität, die Sepúlveda auch selbst lebte, sowie einer starken Sensibilität für die Bedrohung der Natur.

Neben dem Schreiben wirkte Sepúlveda zuweilen auch im Film, so drehte er selbst Nowhere, einen den Opfern der chilenischen Diktatur gewidmeten Spielfilm mit Harvey Keitel in einer der Hauptrollen. Als Sepúlveda im Jahr 2002 hörte, dass in Patagonien ein großes Aluminiumwerk gebaut werden sollte, das ganze Ökosysteme zu vernichten drohte und die chilenische Regierung so tat, als gäbe es die Menschen vor Ort und ihre Proteste nicht, kam er mit einem Filmteam und drehte die Reportage Corazón Verde darüber, die später sogar den Preis für den besten Dokumentarfilm auf dem Filmfestival von Venedig gewann.

Eine neue Verfassung hätte ihn zur Rückkehr nach Chile veranlassen können

In seinen Jahren in Deutschland als Reporter etwa für den Spiegel tätig, wirkte Sepúlveda bis zuletzt auch journalistisch und äußerste sich insbesondere in seiner Kolumne für die chilenische Ausgabe der Le Monde Diplomatique immer wieder politisch, manchmal zu seiner Wahlheimat Spanien, oft zu Chile. Dort hatte ihn die Zerstörung des Sozialgefüges durch die Diktatur einst sehr betroffen gemacht, entsprechend engagiert verfolgte und unterstützte er dessen Wiederbelebung in den Protesten der letzten Jahre und insbesondere der letzten Monate. Als er, längst in Europa verwurzelt, einmal gefragt wurde, was sich ändern müsste, damit eine Rückkehr nach Chile für ihn infrage käme, sagte er: „die Verfassung”. Noch Ende 2019 schrieb er, der ehemalige Revolutionär: „Es gibt keine Rebellion, die gerechter und demokratischer sein könnte als die Rebellion heute in Chile. Und es gibt keine Unterdrückung, so hart und verbrecherisch sie auch sein mag, die ein Volk im Aufbruch aufzuhalten vermag.”

Illustration: Joan Farías Luan / Cuaderno Imaginario

 

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