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Die Tragödie in ihrem ganzen Ausmaß

Es hätte ein gutes Buch werden können, und ein wichtiges dazu. Denn der rote Faden von Putolión hat einiges zu bieten: Eine junge, regimekritische Dichtergruppe gründet im El Salvador der 70er Jahre eine avantgardistische Zeitschrift. Die Repression und der 1981 ausbrechende Bürgerkrieg treibt die Freunde auseinander, in die Guerilla oder ins Exil. Kaum einer überlebt.

Leid am kalten Exil
Die Hauptfigur Cirilo – also der „Kyrillische“ der Gruppe – geht in die Ukraine, er leidet unter dem kalten Exil, unter der Ferne, dem Unbeteiligtsein, und weiß zugleich, dass nur dies ihm das Leben rettet. Parallel dazu wird die Geschichte des Bürgerkriegs angerissen, das hoffnungslose Patt der Kriegsparteien, das Zehntausende das Leben kostet. Wie kann in diesem zerstörten Land nach Kriegsende weitergelebt werden, worauf könnte Versöhnung aufbauen?
Die Antwort von Hernández entstammt seiner eigenen, literarischen Perspektive: Das Fundament von Versöhnung soll sich in Geschichte und Kultur finden, in den Wurzeln, die vom Krieg nicht gekappt worden sind. Dazu greift er auf mythische Elemente zurück (zu denen Cirilos Vater Putolión Zugang hat), auf die Religion der im 20. Jahrhundert fast ausgerotteten indigenen Pipil-Ethnie, auf Schamanen – und auf die großen Dichter, die durch die Kraft der Geister in einer apokalyptisch-festlichen Schlussszene versammelt werden, in der das alte, zerrissene El Salvador untergeht.
Man muss diese Lösung nicht überzeugend finden. Aber die Frage danach, was die salvadorianische Gesellschaft nach Ende des Bürgerkriegs überhaupt zusammenzuhalten vermag, wie sie sich zu ihrer Vergangenheit stellt – nicht nur, aber auch zu ihrer kulturellen Vergangenheit – diese Frage ist relevant und sollte, ja muss irgendwann einmal literarisch angegangen werden. Allein: David Hernández ist an dieser Aufgabe kläglich gescheitert. Putolión ist der schlagende Beweis dafür, dass eine interessante Idee noch keinen brauchbaren Roman macht. Als Erstes sticht ins Auge, dass es dem Autor an kaum einer Stelle gelingt, eine echte Geschichte oder auch nur eine nachfühlbare Szene zu erzählen. Er führt eine Menge Personen ein – alle Freunde des Dichterkreises, die Schamanen, die Leute im Krieg und in Kiew –, trotz großer Reden werden sie aber überhaupt nicht lebendig.

„Den Himmel erstürmen“
Auf Details komme es ihm an, sagt Cirilo (der im Roman selbst verspricht, einstmals einen Roman über seine Dichtergruppe zu schreiben und stellvertretend für sie Zeugnis abzulegen), und so werden Cafés, Speisen und Getränke, Buslinien und Gebäude aufgezählt, es werden literaturgeschichtliche und publizistische Einzelheiten ausgebreitet, aber eine Handlung, eine erzählte Entwicklung gibt es so gut wie nicht. Die Dialoge sind unendlich hölzern, Wegbeschreibungen lesen sich wie aus dem Reiseführer.
Hernández ist an seinem Stoff viel zu nah dran, zum Beispiel bei Formulierungen wie dieser: „Er kniff sich in den Arm, um sich selbst zu spüren, und zuckte zusammen.“ Erstens: Man kneift sich doch nicht wirklich in den Arm, das ist eine abgegriffene Phrase. Und zweitens: Wozu kneift man sich in den Arm, wenn nicht, um sich zu spüren? Den mittleren Teilsatz hätte er sich sparen können.

Das Wichtige bleibt unscharf
Die LeserInnen werden gegängelt, ihnen werden unnötige Dinge aufgedrängt, die sie wissen. Nach vielen wörtlichen Reden wird das Gesprochene noch einmal charakterisiert: „… konterte Jimmy sarkastisch“, „unterbrach Paquito“. Ja, das haben wir schon gemerkt, als Jimmy und Paquito das Ihre gesagt haben, das braucht man nicht noch einmal zu betonen. Und wenn man es ihren Worten nicht hat entnehmen können, dann nützt auch die Stimme aus dem Off nichts mehr.
Zugleich bleiben die wichtigen Dinge ganz unscharf, da ist Hernández wiederum zu weit weg. Wiederholt spricht Cirilo beispielsweise von verlorenen Illusionen, von Utopien, Tragödien und Träumen. Hier könnte es wirklich spannend werden: Was hat denn diese idealistischen Jugendlichen vor dem Bürgerkrieg angetrieben? Wo wollten sie ihr Land sehen, wo sich selbst?
An keiner Stelle erfahren wir jedoch, was mit den Utopien eigentlich gemeint ist. Denn wenn Hernández über die Zeit spricht, in der die Freunde diese Illusionen noch hatten, dann regnet es wieder nur Getränke, Gebäude und Belanglosigkeiten.
Der Text platzt zudem von unangebrachtem, ungedecktem Pathos; da wird der Himmel erstürmt, das Fegefeuer durchschritten, dem Tod mit bloßen Händen getrotzt. Als Cirilo in Los Angeles salvadorianische „Bettler, Abenteurer und Straßendiebe“ herumlungern sieht, meint er, „das ganze Ausmaß der Tragödie“ seines Heimatlandes zu erkennen. Wie das, fragt man sich, zumal er drei Seiten weiter, beim Abschied von einem Freund, „die Tragödie seiner Generation in ihrem ganzen Ausmaß“ schon wieder erkennt.
Ein völlig unbefriedigendes Buch also, das weder von der Handlung noch von der sprachlichen Gestaltung her überzeugt und keinen Lesefluss zulässt. Und nicht allein der Autor, sondern auch der Horlemann Verlag trägt an dieser Peinlichkeit einen gewichtigen Anteil. Denn es kommt noch ärger.

Da krähen ja die Hühner!
Zunächst einmal wäre es angebracht gewesen, das Manuskript zur Überarbeitung zurückzugeben, erst recht bei einem in Deutschland lebenden, gut erreichbaren Schriftsteller wie Hernández. Die Unmengen falscher Bilder, die Wiederholungen der gleichen Formulierungen – ja ganze Szenen werden mehrfach erzählt – all das hätte auch ein mittelmäßiger Lektor mit einiger Fleißarbeit benennen können und dem Autor vorlegen müssen.
Da dies unterblieb, lesen wir einen unstimmigen, unglaubwürdigen Text. Unstimmig auch wegen der Sprachniveaus, die mehrmals verfehlt werden: Da wird mitten in einer tiefsinnigen Diskussion Slang gesprochen, aber es werden auch „die Verse von Vallejo dekonstruiert“, und der Exilant Cirilo möchte von seiner „Identität eines Ungläubigen und Ruhe Suchenden“ befreit werden. Solcher Stuss darf einfach nicht übersehen, nicht gedruckt werden.
Beinahe dankbar dürfen wir Stilblüten zur Kenntnis nehmen wie die folgende: „… die weißen Hühner und die bunt gefiederten Hähne krähen weiter im Hof.“ Hernández ist Agrarökonom, er muss es wissen.
Schließlich, auch das kann nicht unerwähnt bleiben, enthält das Buch massenweise Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler, die sofort ins Auge springen. Putolión wurde schlicht weder lektoriert noch korrigiert.
Es mag hin und wieder Gründe – zum Beispiel dokumentarische – geben, auch literarisch schwächere Bücher übersetzen zu lassen und zu verlegen. Für Putolión hätte das nicht gelten müssen, aber wenn sich ein Verlag schon einmal dafür entscheidet, dann steht er in der Pflicht, das Beste daraus zu machen.

David Hernández: Putolión. Die letzte Reise des Schamanen. Aus dem Spanischen von Gerda Schattenberg-Rincón. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2003, 190 Seiten, 12,90 Euro.

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