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DIE ÜBERLEBENDEN

Pakuyi und Tamandua: Nach der teilweisen Auslöschung und Vertreibung ihrer Gemeinde allein im Regenwald (Foto: mindjazz Pictures)

Pakyî und Tamandua, ein Onkel und sein Neffe, wollten sich nicht vertreiben lassen und leben seit mehr als zwanzig Jahren alleine im Amazonaswald. Denn im Reservat leben nur noch wenige Überlebende der Piripkura fernab von ihrem ursprünglichen Leben. Der Film Piripkura beschreibt eine Suche nach der gleichnamigen indigenen Gemeinde. Jair Candor, Koordinator der brasilianischen Indigenenschutzbehörde FUNAI, sucht sie alle paar Jahre auf. Solange nachgewiesen werden kann, dass sie weiterhin dort leben, darf der Wald nicht abgeholzt werden. Die Suche ist vor allem deshalb schwierig, weil die beiden ständig unterwegs sind.

Die Expedition hat zwangsläufig etwas Exotisierendes – Pakyî und Tamandua werden gesucht wie seltene Schätze, meistens sind Weiße von der FUNAI zu sehen, wie sie sich auf dieser Suche durch den Urwald kämpfen. Dass sie einen Gesundheitscheck mit den beiden Männern durchführen, obwohl diese seit Jahren unabhängig unter härtesten Bedingungen leben, hat etwas vom weißen Helferkomplex und ist manchmal peinlich. Immerhin wird diese Rolle im Film nicht schön geredet. Die verlegene Unbeholfenheit während der ersten Begegnung etwa, wird nicht rausgeschnitten, sondern genauso gezeigt. Wahr ist auch, dass die FUNAI eine der wenigen Regierungsorganisationen ist, die tatsächlich gegen illegale Holzfäller*innen und deren Morde und Straftaten vorgeht.

Es bleibt etwas Unfassbares, der Wahnsinn dieser Begegnung: Zwei Menschen haben sich nach der teilweisen Auslöschung und Umsiedlung ihrer Gemeinde entschieden, weiterhin im Regenwald zu leben. Unbekleidet treffen Paykî und Tamandua auf die FUNAI und sprechen eine Sprache, die sonst niemand versteht. Wie ist dieses Leben zu zweit, in solcher Einsamkeit? Was brachte sie zu dieser Entscheidung? Wie fühlt es sich an, als letzte Überlebende der eigenen Zivilisation an diesem Stück Natur noch festzuhalten? Es sind Fragen, die ihnen keine*r der Anwesenden stellen kann.

Manchmal fühlt es sich fast übergriffig an, die beiden Männer zu beobachten – einerseits. Es gibt aber die politische Notwendigkeit andererseits, ihrem Leben Sichtbarkeit zu verleihen, um ein Argument gegen die Gier der Holzfäller*innen und Goldgräber*innen zu haben. Gerade jetzt: die Gewalt gegen Indigene in Brasilien hat in den wenigen Tagen nach dem Wahlsieg Bolsonaros akut zugenommen.
Bei der Verabschiedung wiederholen die beiden Piripkura gegenüber den Angestellten der FUNAI die wenigen Worte auf portugiesisch, die sie sprechen können, unzählige Male “Ciao” und mit großer Nachdrücklichkeit beim Gehen: “Ihr bleibt hier.”

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