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„Die USA sind ein terroristischer Staat“

Herr Boff, vor zwei Jahren wurde Präsident Lula auf dem Weltsozialforum umjubelt, nun ist er, wenn auch von einer Minderheit, ausgepfiffen worden. Ist der Traum von einem „anderen Brasilien“ schon ausgeträumt?

Lula versucht einen Übergang von einem Staat, der sich für Privatisierung, den Neoliberalismus, den Weltmarkt entschieden hat, in die Richtung eines Sozialstaates, einer anderen Politik für das Volk. In jedem Übergang gibt es Kontinuität und Neues. Die Kontinuität ist die Beibehaltung der makroökonomischen Politik, die alte neoliberale Politik. Das Neue liegt im Null-Hunger-Programm und den dazugehörigen sozialen Initiativen. Die Frage ist, welcher dieser Pole die Hegemonie übernimmt. Lula muss sich entscheiden. Wir müssen ihn unter Druck setzen, damit er sich treu bleibt. 2005 ist entscheidend für die Frage, ob es ihm gelingt, tatsächlich etwas Neues in der brasilianischen Geschichte einzuführen, oder ob er an der alten Politik für die Eliten festhält.

Macht er den Leuten nichts vor, wenn er ihnen eine andere Sozialpolitik verspricht und gleichzeitig an einer makroökonomischen Politik festhält, die auf immer mehr Ungleichheit hinausläuft?

Man darf nicht resignieren. Die Mehrheit der Menschheit ist nicht dazu verdammt, ausgeschlossen zu bleiben. Das ist nicht nur eine politische und wirtschaftliche Frage, sondern auch eine ethische. Die Wirtschaft und die Politik müssen sich an ethischen Kriterien orientieren. In diesem Sinne ist Lulas Politik sehr bedeutungsvoll. Er kann nicht einfach den Sozialismus übernehmen, er würde sich total isolieren. Er kann und will auch nicht den Neoliberalismus übernehmen, das wäre nichts Neues. Er versucht, einen Mittelweg zu finden. Meines Erachtens spielt Lula mit neuen Werten. Er versucht, die Frage des Hungers in die Weltpolitik einzuführen und die Frage nach internationaler sozialer Gerechtigkeit.
In den großen Konzernen, dem Internationale Währungsfonds und der Weltbank spürt man auch, dass unser jetziger Weg zu einer großen Krise führt – und zwar nicht nur für die Armen, sondern für das ganze Weltsystem. Die Ungleichheit, die Unmenschlichkeit, die Barbarei, sind eine Schande. Wir haben alle technischen Mittel, alle politische Macht, und die wirtschaftlichen und finanziellen Mittel, um diese Lage zu überwinden. Wir tun es nicht, weil die Weltpolitik überhaupt keine Sensibilität mehr hat für Menschlichkeit, Kooperation und Solidarität. Alle wollen die unendliche Akkumulation. Die Frage ist, ob die Erde, die Menschheit das vertragen. Das sind Grundfragen, die vorpolitisch und zugleich höchst politisch sind, denn sie orientieren gewisse Entscheidungen. Ich glaube, Lula hat das moralische Gewicht, in der Weltpolitik solche Fragen zustellen.

2001 ist das Weltsozialforum als Kontrapunkt zum Weltwirtschaftsforum entstanden. Wenn wir uns heute die Welt ansehen: Hat Davos nicht klar die Oberhand über Porto Alegre behalten?

Die Frage ist doch, wo liegt die Hoffnung? Alle spüren doch, dass wir auf einem Irrweg sind, weil wir überhaupt keinen Sozialvertrag mehr haben. Das führt nur zu Kriegen wie im Irak. Es gibt nur die militärische, wirtschaftliche und ideologische Hegemonie der USA, die mit Gewalt aufrechterhalten wird. Es ist ein sehr gefährlicher Weg, als Mittel zu irgendeiner Art von Weltordnung auf Gewalt zu setzen. Das System kann sich nicht mehr mit Argumenten durchsetzen. Bush hat den unendlichen Krieg gegen den Terror erklärt. Für mich bedeutet das: Die USA sind ein terroristischer Staat. Sie gehen gewalttätig vor, treten die Menschenrechte mit Füßen, foltern US-Amerikaner und Ausländer.
Für niemanden ist klar, was die Alternativen sind. Aber hier in Porto Alegre entsteht allmählich eine Weltzivilgesellschaft mit dem Bewusstsein, dass wir nicht zufrieden sind mit der Lage der Welt, dass wir uns ändern werden müssen, angefangen bei den Personen bis hin zu den Gemeinschaften. Die Vernetzung von allen möglichen Bewegungen führt zu einer Art Akkumulation von Energie, von Utopie. Allmählich kommen wir zu Konvergenzen, die politischen Druck bedeuten können.

Ja, aber was kommt konkret dabei heraus?

Als Menschheit stehen wir an einem Scheideweg. Solche Reflexionen und Utopien wie in Porto Alegre sind der Humus, in dem die Dinge gären. Vielleicht entstehen daraus Maßnahmen, die eine Richtung für die Zukunft aufzeigen. In Davos geht es um materielle Werte, hier geht es um spirituelle, menschliche, ethische Werte. Ideal wäre, wenn beide zusammen kämen, dann könnten wir eine ganzheitliche Vision der Menschheit erarbeiten.
Erleben wir eine Renaissance der Befreiungstheologie?

Die Befreiungstheologie war immer da, aber zuletzt nicht mehr so sichtbar, weil sie nicht mehr so polemisch ist wie früher. Jetzt haben wir wieder die große Vernetzung der Theologen, die von Rom aus völlig zerstört worden war. Das Umfeld des Weltsozialforums, ein säkularer Raum, war ideal, um uns wieder zu treffen, ohne irgendwelche Unterdrückung von Rom oder anderswoher. Außerdem haben wir bereits in den 70er Jahren von der Notwendigkeit einer anderen Gesellschaft, einer anderen Weltordnung, gesprochen. Es gibt also eine Verwandtschaft zwischen der Befreiungstheologie und dem Weltsozialforum.

Wie hat sich der Diskurs der Befreiungstheologie in den letzten 30 Jahren weiterentwickelt?

Die Befreiungstheologie ist ausgehend von der konkreten ökonomischen Situation entstanden, vom Schrei der Armen. In den 80er Jahren haben wir die verschiedenen Gesichter der Armut entdeckt, die der Indigenen, der Schwarzen, der Frauen. In den 90er Jahren spürte man, dass nicht nur die Armen schreien, sondern auch das Wasser, die Wälder, die Tiere. Die Erde wird durch die außerordentliche Verwüstung unterdrückt, die die moderne Industriegesellschaft und der Konsumismus mit sich bringen.
Um eine integrale Theologie zu bewahren, muss man also auch die Ökologie mit einschließen. Zugleich ist die Globalisierungsproblematik hinzugekommen, die große Ausgrenzung von Menschen, die Genmanipulation in der Landwirtschaft, das alles sind Fragen, die jetzt diskutiert werden.

Wie beurteilen Sie den kubanischen Weg?

Man muss differenzieren, weil Kuba einen eigenen Weg gegangen ist. Es ist das einzige Land Lateinamerikas, das konsequent diese sozialistische Vision weiterführt. Kuba hat eine Revolution gemacht, wie kein anderes Land in Lateinamerika. Aber die Revolution gegen den Hunger hat es nicht durch eine Revolution der Freiheit ergänzt. Es werden Leute verfolgt, weil sie keine Sozialisten sind, das sind Menschenrechtsverletzungen. Das ist für mich nicht ideal. Aber man muss verstehen, was 40 Jahre Embargo durch die USA bedeuten, wo alles schwieriger wird. Und trotzdem glauben die Kubaner, dass diese Art der Organisation ein menschlicheres Zusammenleben bedeutet, was selbst der Papst anerkannt hat.

Ist Hugo Chávez ein Hoffnungsträger für Sie?

Ich glaube, Chávez wird verzerrt dargestellt. Die Leute glauben, er sei ein Populist, ein Spinner, ein Clown. Er hat eine andere Form von Demokratie eingeführt und macht zugleich eine soziale Politik. Er will eine Alternative zur Freihandelszone ALCA. Er hat diesen Mut, die Entscheidungsfreudigkeit, die ein Politiker braucht. Ich habe eine vorsichtige Hoffnung. Vorsichtig, weil man gegenüber jeder Macht kritisch sein muss. Aber ich unterstütze ihn als politische Figur, weil er die eigene Problematik mit eigenen Mitteln zu denken und zu lösen versucht.

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