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Die Wiederentdeckung der Masse

Als im Dezember 2001 die Massen auf Kochtöpfen trommelnd durch die Straßen zogen, stand das krisengebeutelte Land im Medieninteresse der Welt. Doch die Rebellion ist nicht plötzlich entstanden. Piquetes, Escraches oder Cazerolazos, diese „neuen“ Protestformen haben sich bereits im Laufe der 90er Jahre entwickelt. Das verdeutlichen die AutorInnen des Colectivo Situaciones. Mit den Escraches wurden beispielsweise seit Mitte der 90er Jahre zunächst Militärs und Helfershelfer in ihrer Nachbarschaft mit Demonstrationen vor ihrer Haustür gebrandmarkt. Wenn die Justiz nicht funktioniert, dann müsse das Volk selbst für Gerechtigkeit sorgen, argumentiert die Organisation der Kinder von Verschwundenen, H.I.J.O.S. Seit 2001 werden nun auch jene, die vom Volk für die Situation des Landes verantwortlich gemacht werden, regelmäßig mit Farbbeuteln und Kochtöpfen heimgesucht. Mit dem 19. und 20. Dezember erreichten diese Formen, die bislang am Rande und ohne großartige Medienpräsenz vor sich gingen, eine breite Öffentlichkeit und werden seitdem als Teil einer Bewegung betrachtet – trotz unterschiedlicher Ziele und unterschiedlicher Mittel: „Piquete – cazerola: la lucha es una sola“ – egal ob Arbeitslosenbewegung oder Kochtopfdemo: der Kampf ist ein und derselbe!

“Alle sollen abhauen“

Der Aufstand hatte keine Urheber. Seine einzige Protagonistin ist die Menschenmenge auf den Straßen. Hinter dem Slogan „Qué se vayan todos (Alle sollen abhauen)“, der schnell zur Hymne des Widerstandes gegen die herrschende Politikerklasse erhoben wurde, verbirgt sich mehr als bloße Ablehnung. Er ist eher Ausdruck eines Vereintsein im Willen nach Veränderung, im Nicht-mehr-akzeptieren-wollen. Sozusagen ein kollektives Erwachen.
Nicht nur die Inhalte der Politik, sondern vor allem deren Form und Legitimation, suchen diese sozialen Bewegungen zu kritisieren und zu verändern. Im Mittelpunkt des Buches steht dementsprechend die Darstellung alternativer Formen sozial und politisch kollektiven Handelns. Stadtteilversammlungen, selbstverwaltete Schulen und Kindergärten, die Besetzung und Wiederinbetriebnahme von bankrotten Fabriken, Tauschringe, Volksküchen, Theaterprojekte sind nur Beispiele. „Preguntando caminamos“ (fragend gehen wir) diesen zapatistischen Satz schreibt sich das Colectivo Situaciones auf die Fahnen, das aus AutorInnen mit teils akademischem Hintergrund besteht, die sich als aus der Praxis kommend fühlen.

Momentaufnahmen und Einschätzungen

Die im Buch enthaltenden Aufsätze sind zum Großteil wenige Monate nach besagtem Dezember 2001 entstanden. Dementsprechend optimistisch erscheint streckenweise der Tenor über die mögliche Reichweite dieser Proteste. Veraltet sind die Texte deshalb aber noch lange nicht, weil sie versuchen, die Ereignisse aus der Sicht ihrer ProtagonistInnen zu reflektieren, ohne vorschnell Diagnosen anzustellen.
Den Momentaufnahmen fehlen jedoch zwangsläufig wichtige Schlussfolgerungen, die sich aus den inzwischen vergangenen knapp eineinhalb Jahren bis zur Präsidentschaftswahl im April 2003 ergeben. Zu diesen in der argentinischen Originalausgabe „Apuntes para el nuevo protagonismo social“ betitelten „Aufzeichnungen“ liefern die später verfassten Beiträge der deutschsprachigen AutorInnen die tiefgründige Ergänzung. Außenstehend und mit dem nötigen zeitlichen Abstand betrachten sie das Phänomen der argentinischen Revolte. Nennenswert sind dabei vor allem der Aufsatz von Alix Arnold über besetzte Betriebe und ein praxisnaher Beitrag über das Prinzip der Tauschbörsen von Stefan Thimmel.
Arnold zeigt, wie das Solidaritätsprinzip erfolgreich in die Praxis umgesetzt werden kann – trotz der Schwierigkeiten in der Konfrontation mit kapitalistischen und staatlichen Strukturen. Zwar entstehen die Besetzungen zunächst als „Überlebensprojekte in einer defensiven Situation (S. 146)“ – doch die vielen kulturellen und vor allem sozialen Engagements der ArbeiterInnen, wie es sich zuletzt bei der schnellen Hilfe für die Opfer der Überschwemmungen in Santa Fé und Entre Ríos gezeigt hat, verdeutlichen, dass darüber hinaus ein wichtiger nachbarschaftlicher Zusammenhalt entstanden ist. Sie zitiert einen Arbeiter der Fabrik Zanon: „Wir wollen die Fabrik in den Dienst der Allgemeinheit stellen, wir wollen so produzieren, dass es das Leben von allen verbessert. (S. 151)“ Als eindrückliches Beispiel dieser Solidarität wären die sich inzwischen ebenfalls organisierenden Altpapier sammelnden Cartoneros zu nennen, die von ihrem kargen Einkommen einige Peso in einen Fonds einbezahlen, mit dem sie Hungerleidende in der ärmsten Provinz Tucumán unterstützen.
Thimmel beschreibt dagegen Grenzen und Scheitern dieser Solidarität anhand der einst blühenden und von vielen als Alternative zum Kapitalismus gesehenen Tauschbörsen, die Clubes de Trueque. Nach dem Eindringen von marktwirtschaftlichem Interesse ging vielen von ihnen mittlerweile die Luft aus. Sie scheiterten quasi an ihrem massenhaften Erfolg. Zu viel Falschgeld war im Umlauf und zu viel einseitige Nachfrage machte das Konzept der „prosumición“, der „konsumierenden Produktion“, kaputt.

Überwindung der Angst

Die Zukunft der beschriebenen Alternativen sozialen Handelns ist ungewiss. Es gibt viele Ahnungen, tastende und stürmische Versuche. Manche scheitern, doch manchmal tragen sie Früchte. Wichtig ist die Hoffnung. Erstmals wurde in Argentinien wieder eine breite Öffentlichkeit erreicht und mitgerissen. Die Mittelschicht erhob sich aus dem Fernsehsessel. Die argentinischen EinwohnerInnen ließen sich die Unfähigkeit und Korruption der Politik, das Einfrieren ihrer Ersparnisse, den Niedergang des Landes nicht weiter stumm gefallen. Es war, als bräche endlich ein Damm und als wäre die Zeit reif für neue, unbeschrittene Wege einer anderen gesellschaftlichen Ordnung. „Die Zuschauer erstürmen die Bühne in einer massenhaften Invasion“ — so beschreiben die Autoren des Colectivo Situaciones die Aufstände des 19. und 20. Dezember, die das politische System Argentiniens zusammenbrechen ließen. „Eine Zeit der Illusionen und des Abwartens ging zu Ende (S. 39)“.
Wichtig ist dabei vor allem die Tatsache, dass die angstträge und einförmige Phase der Post-Diktatur zu Ende zu sein scheint. Die Demokratie als politische Ordnung gilt in Argentinien nicht mehr als unantastbar. Jetzt darf sie kritisiert werden, ohne in den Verdacht zu geraten, die „starke Hand“ des Militärs heraufzubeschwören. Jetzt weiß und spürt man, dass es auch dazu Alternativen geben muss – trotz drohender Repression: „Ohne feste Führung, ohne Modelle, ohne Versprechen und ohne Programme vollzieht sich einer der wichtigsten Aufstände der zeitgenössischen argentinischen Geschichte – und zugleich die erste große Gehorsamsverweigerung seit der Diktatur (S.42).“

Die Linke und die soziale Emanzipation

Die Anerkennung dieser Veränderungen in der argentinischen Gesellschaft, die nicht nur die ärmeren Teile der Bevölkerung, sondern auch die Mittelschicht zu mehr Solidarität bewegten, sind wesentlich wichtiger als Versuche, den Ereignissen in Argentinien einen verkrampft linkstheoretischen Mantel überzustülpen. Wer jedoch gerade aus dieser Intention heraus die sozialen Bewegungen in Argentinien als „gescheitert“ ansieht, nur weil auch weiterhin die alte politische Elite auf dem Regierungssessel sitzt, macht es sich in seiner Bewertung zu einfach. Genau das kritisiert auch das Colectivo Situaciones an der argentinischen „Linken“. Dem Colectivo geht es nicht darum, inwiefern die Proteste „scheitern“ oder welchen „Erfolg“ sie haben. Sie gehen sogar so weit zu sagen, dass auch die linken Parteien, die zetern, dass eine „revolutionäre Chance“ verpasst sei, „Teil des Alten“ und in der Lage seien, diese neue kollektive Erfahrung zu zerstören. Wie so häufig ist das Problem der linken Bewegung die Linke selbst. Zu uneins ist sie sich, zu unterschiedlich scheinen die Motivationen und Hintergründe, als dass man sich zu einem gemeinsamen Ziel, der Veränderung bestehender Machtverhältnisse vereinen könnte. „Qué se vayan todos“ – das beinhaltet auch die Linke.
Mit dieser Negation im Hinterkopf ist der Bewusstseinswandel in Argentinien zu sehen. In erster Linie sind all diese Bewegungen aus vielen verschiedenen Gründen entstanden – aus dem blanken Erfindungsgeist im Kampf ums Überleben, aus der Wut heraus, aus der Erkenntnis, dass auch der Rückzug ins Private nicht mehr funktioniert. Sicherlich waren es die wenigsten, die sich gedacht haben: „Wir setzen jetzt den sozialistischen Gedanken einer besseren Zukunft in die Praxis um.“ Aus den Entwicklungen Argentiniens lässt sich ablesen, dass soziale Emanzipation nicht durch einen revolutionären Machtwechsel zu erreichen ist. Das haben inzwischen auch diejenigen verstanden, die noch vor einem Jahr in Fernseh-Castings aus TeilnehmerInnen von Asambleas die zukünftigen politischen VertreterInnen finden wollten. Ein starkes solidarisches Fundament von unten ist nötig, um nicht wieder in dieselben Schemata zu verfallen. Dass dies aber seine Zeit braucht ist offensichtlich. Zumindest sei aber „der sprichwörtliche argentinische Egoismus und die Arroganz“ gebrochen worden: „Subjektive Veränderungen, die zu einem anderen Alltagshandeln führen“, schreibt Thimmel als einen positiven Ausblick für die Zukunft. Der Enthusiasmus ist leiser geworden, die Straßensitzungen der Asambleas übersichtlicher.
„Qué se vayan todos“, das sind unfertige Denkskizzen, die zur Diskussion anregen möchten. Das Buch ist nicht als großer theoretischer Wurf konzipiert, auch wenn es dann doch stellenweise den Anschein erregen möchte.

Colectivo Situaciones, ¡Que se vayan todos! Krise und Widerstand in Argentinien. Herausgeben von Ulrich Brand, erschienen im Verlag Assoziation A, Berlin/ Hamburg/ Göttingen, 2003, 180 Seiten, 14,- Euro.

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