„Die Zukunft gehört Lateinamerika“
Die peruanische Journalistin Rocío-Silva Santisteban spricht über das Potenzial Indigener Werte und die Arbeit von NGOs

Sie setzen sich in vielen Facetten für ein besseres Peru ein – mit Ihrer NGO DEMUS, mit dem neuen Buch und vor vier Jahren auch als Politikerin. Was motiviert Sie?
Das Land war in meinem Privatleben immer wichtig. Erstens, weil mein Vater Lehrer war und uns viel über Peru und seine Geschichte beibrachte. Er war aus Cajamarca und hat uns oft dahin mitgenommen und uns die Landschaft gezeigt. Meine Mutter, sie war Touristenführerin, hat mir kulturell wichtige Orte in Lima gezeigt – die Kirchen und Museen. Schon als ich klein war, zeigte sie mir, dass Peru schön ist und dass man das Land lieben sollte. Was meine Aufmerksamkeit auch immer erregt hat, war die Geschichte der Frauen: ihre Literatur, ihre Künste; die Geschichte der Hexen, der Heiligen und so weiter. Und als ich dann an der Universität war, habe ich angefangen die rondas campesinas (bäuerliche Selbstverteidigungsorganisationen, Anm. d. Red.) und die Literatur von Frauen zu studieren. Das hat alles dazu beigetragen, dass ich Peru liebe.
Haben Ihrer Meinung nach Frauen eine engere Beziehung zur Natur?
Indigene Männer und Frauen haben diese enge Beziehung. Aber speziell bei den Quchuas ist es so, dass vor allem die Männer ihr Leben nach den Verträgen mit Unternehmen ausrichten. Das ist bei den Frauen nicht so. Das liegt auch daran, dass Indigene Frauen weniger Bildung genossen und Männer eher eine Beziehung zum städtischen Leben entwickelt haben. Sie sind modern geprägt und Frauen eher traditionell. Diese Bindung zur Tradition ist bedeutend, weil die Frauen sie besser verstehen, aber sie sind nicht, wie manche sagen, „zurückgeblieben“. Ich hasse dieses Wort. Es gibt eine spirituelle Verbindung mit der Natur. In der andinen Welt sind es die Frauen, die das Saatgut schützen. Sie schützen auch das Wasser, tragen es, benutzen es zum Kochen, zum Waschen, Putzen. Frauen sind dadurch in viel tieferem Kontakt mit der Natur. Männer nutzen es nur zum Trinken und um sich zu waschen, das war’s.
Die Frauen kümmern sich also ums Überleben.
Ja, genau. Und vielerorts versammeln sich Frauen am Wochenende an den Flüssen, um zu waschen. Das sind Orte, wo sie sich unterhalten, sich austauschen. Es ist ein Gemeinschaftsraum, es geht nicht primär ums Waschen. Sie sind unter sich. All das trägt dazu bei, dass Frauen in einer engeren Beziehung zu Wasser, Pflanzen und Bäumen stehen.
Das heißt, sie erkennen den Wert all dieser Güter an und wollen sie deshalb auch schützen. In Ihrem Buch stellen Sie solche „Verteidigerinnen der Natur“ vor. Würden Sie sagen, dass es die Frauen sind, die die Natur retten können?
Ja, aber gemeinsam mit den Männern. Klar kennen die den Wert der Natur für die Landwirtschaft auch. Sie wissen auch, wie man mit Wasser umgeht. Aber manchmal passiert es dann, dass ein Megakonzern kommt und sagt: „Ich kauf dir dein Haus ab und ich gebe dir Geld dafür.“ Männer akzeptieren das eher als Frauen.
Frauen haben da also eher den Gedanken: Das Geld ist kein Ersatz.
Genau. Das Geld wird das Land und die Verbindung dazu nicht ersetzen.
Aber diese Verbindung entsteht nur, wenn man auch da aufgewachsen ist?
Ja, sonst schätzt man die Natur weniger. Personen, die in der Stadt wohnen, haben eine ganz andere Weltauffassung.
Es leben immer mehr Menschen in Städten – deswegen kommt es ja vielleicht zu diesem Loslösen von der Natur. Ist das eine Ursache für Umweltzerstörung und Extraktivismus?
Ja, das ist schrecklich. Ich bin zwar selbst in der Stadt aufgewachsen, aber mein Vater hat uns immer aufs Land mitgenommen und dann wollte er, dass wir ganz tief die Luft einatmen, mit dem Duft nach Kuhmist. Ich habe damals die Nase gerümpft und mein Vater sagte nur: „So riecht das Leben!“ Mir erscheint es wichtig, dass heute sich aber wieder mehr und mehr Menschen mit der Natur verbinden.
Wäre das eine Lösung?
Eine Lösung muss gemeinsam und mit verschiedenen Ländern erarbeitet werden. Wir sind alle miteinander verbunden, das hat uns spätestens die Pandemie gezeigt. Und in einer so verbundenen Welt mit einer Weltklimakrise, die der Entwicklung des Globalen Nordens geschuldet ist, müssen die Länder aus dem Norden heute von den Ländern aus dem Süden lernen. Klar gibt es dort illegale Minen, Wasserverschmutzung, Rodung. Aber es gibt auch ein anderes Weltbild, das mit Indigenen Werten und Ideen verbunden ist. Dazu gehört, dass wir Menschen nicht mit der Natur kämpfen sollten, sondern sie lieben müssen, weil wir Teil von ihr sind. Viele junge Menschen in Lateinamerika wissen heute, dass ihr Weg nicht nach Europa führt, sondern in Lateinamerika ist. Und ich bin überzeugt, dass die Zukunft Lateinamerika gehört.
Warum?
Aus verschiedenen Gründen. Die Indigenen Völker sind vorbereitet und stark. Sie sagen: „Wir haben 500 Jahre Invasion überlebt, das können wir noch länger.“ Das ist sehr positiv. Und wir Frauen werden immer emanzipierter, auch wenn sie uns umbringen. Aber wir wissen auch, dass die Gewalt gegen Frauen der Verbindung zwischen Kapitalismus und Patriarchat geschuldet ist. Ein wichtiges Thema in Lateinamerika war die letzten Jahre, ein eigenes Denken zu konstruieren und da sind wir weitergekommen. Wir reden zwar Spanisch und ich verstehe, dass es eine koloniale Sprache ist. Aber es ist auch von Vorteil. Von Mexiko bis Patagonien vereint uns das. Wir sind zwar sehr unterschiedlich, aber wir sprechen alle Spanisch.
Das hört sich sehr positiv an.
Ja, ich bin Optimistin in dem Punkt, dass Lateinamerika in der Zukunft ein Protagonist werden wird.
Sie haben selbst eine NGO gegründet, DEMUS. Wie bewerten Sie die Rolle von ausländischen NGOs in Peru?
Klar, es gibt da Interessen. Die meisten NGOs arbeiten in der technischen Zusammenarbeit. Sie haben viel dazu beigetragen, Kokafelder durch Kakaoanbau zu ersetzen, unter anderem USAID. Die hatten auch die Bekämpfung des Drogenhandels im Sinn. Bauern hatten sich immer mehr für Koka entschieden, weil sie von den Drogenhändlern mehr Geld dafür bekamen. Und dann gibt es noch die NGOs, die sich für Menschenrechte einsetzen und die werden immer mehr. DEMUS beispielsweise hat angefangen, präventiv gegen Geschlechtergewalt zu kämpfen – durch Arbeit an Schulen und Workshops mit Frauen zum Beispiel. Und wie überleben wir?
Mit Geldern aus dem Ausland?
Ja. Wir tun uns mit anderen NGOs aus Lateinamerika zusammen und bewerben uns um Gelder aus dem Ausland, der EU beispielsweise. Sie fordern sehr viele Nachweise und eine Evaluierung. Das ist alles sehr transparent.
Könnte man sagen, dass NGOs, die einen zivilgesellschaftlichen Beitrag leisten, weniger kritisch zu betrachten sind?
Na ja, internationale Zusammenarbeit ist immer mit kommerziellem Interesse verbunden.
Finden Sie, wir brauchen diese Art Zusammenarbeit?
Ja, leider brauchen wir sie noch. Weil der peruanische Staat investieren sollte, aber das tut er nicht. In Lateinamerika generell und in Peru speziell war verbreitet, dass Politiker*innen in Dinge investieren, die sichtbar sind. Deswegen haben viele in Monumente oder Stadien investiert. Politiker*innen, die hingegen in Bildung investieren – von denen sagen die Menschen schnell, dass sie nichts tun. Aber das ist zum Glück seit einiger Zeit anders.
Was wünschen Sie sich für Peru?
Ich wünsche mir einen starken Wandel, mehr an die Indigene Bevölkerung zu denken, an die, die keinen leichten Zugang zu Bildung haben. Peru ist eine Klassengesellschaft und rassistisch. Ich bin privilegiert, ich habe an der Universität studiert. Aber das können viele nicht, vor allem die Menschen auf dem Land. Die Schulen sind schlecht, es gibt kaum Ressourcen. Da braucht es mehr Investitionen, auch für Gesundheit und Freizeit. Es sollte mehr gegen Gewalt gegen Frauen und für Kinder getan werden, die in einem plurikulturellen Staat aufwachsen. Das erscheint mir fundamental. Der Globale Süden wird auch in Zukunft die Welt ernähren. Wir haben eine Vielzahl an Waren und fruchtbare Erde, wir wollen sie nicht verpesten. Der Amazonas muss geschützt werden, er ist die Lunge der Erde. Und die Indigenen können ihn am besten schützen.
Rocío Silva-Santisteban
Geboren 1962 in Lima und Mutter einer Tochter, ist sie Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation DEMUS. Sie lehrt Recht und Literatur an der Päpstlichen Katholischen Universität Perus (PUCP) sowie an der Universität Antonio Ruiz de Montoya in Lima. Von 2020 bis 2021 war sie Abgeordnete im peruanischen Kongress. Sie hat zahlreiche Bücher und Gedichtbände veröffentlicht, darunter Defensoras de la Naturaleza im Jahr 2024.


