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Diese ganze lange Nacht

Eine Frau sitzt auf einer Pritsche, starrt vor sich hin, kaut an einem Stück Brot und summt eine Melodie von Atahualpa Yupanqui. Eine andere, hochschwanger, sitzt auf ihrer Pritsche und streichelt mit verklärtem Mutterblick ihren Bauch. Eine dritte Frau wälzt sich – von Alpträumen geplagt – auf ihrer Pritsche hin und her. Die vierte Pritsche ist noch leer, wird aber wenig später von einer Frau belegt, die gerade gefoltert worden ist.
Eine Gefängniszelle im Südamerika der 70er Jahre ist der Hand­lungsort des Stückes von Jorge Diaz (Regie: Heinz-Rudolf Müller). Dargestellt werden vier Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft und politischer Prägung.
Rosario /Sigrid Landgrebe, die älteste von ihnen, ist Lehrerin, verheiratet und hat drei Kinder. Sie ist in einer Eisenbahnerfami­lie aufgewachsen, war sich schon früh der sozialen Ungerechtigkei­ten bewußt und haßt daher die Bourgeoisie. Sie und ihr Mann sind politisch aktiv gewesen, bis beide verhaftet wurden. Rosario stellt den stärksten Charakter dar; sie wirkt wie eine “Mutter Courage”.
Jimena (Martina Maurer), hochschwanger, sehr jung, im Schwanger­schaftskleid mit weißem Kragen, naiv, politisch völlig ahnungslos, ist der Inbegriff dessen, was Rosario haßt – eine Bourgeoise.
Olga (Conny Diem) kommt aus der Arbeiterklasse, ist Kranken­schwester, überzeugte Kommunistin und aktiv in einer linken Widerstandsorganisation.
Aurora (Esther Hellmund) ist eine schillernde und exaltierte Fern­sehschauspielerin, die inhaftiert wurde, weil ihr Freund im Wider­stand tätig war.
Es geht um die Ängste der Frauen vor der Folter, vor der ungewis­sen Zukunft, um ihren Schmerz nach den Folterungen. Die Folter wird nicht dargestellt. Die Folterer und Gefängniswärter bleiben anonym. Sie sind lediglich über ihre Befehle und Schritte, die per Lautsprecher übertragen werden, anwesend.
Die Frauen pflegen und trösten sich nach der Folter. Sie teilen das Wasser, das Brot, die Seife, den Zucker miteinander. Doch ihr Leben hat sich nicht reduziert auf den puren Überlebenswillen und das Überwinden der Schmerzen. Im Mittelpunkt des Stückes stehen nicht die Folter, sondern die politischen und zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, die die Frauen miteinander austragen. Denn diese vier Frauen bilden keine Einheit. Sie fühlen sich nicht automatisch solidarisch miteinander verbunden, weil sie Frauen sind, oder weil sie sich alle in derselben Situation befinden. Sie sind nicht frei von Vorurteilen und Mißtrauen gegeneinander, was sich in ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft und ihren unter­schiedlichen politischen Ansichten begründet.
Rosario hat nichts gegen Jimena persönlich, aber sie verachtet sie insgeheim aufgrund ihrer Herkunft und ihres bürgerlichen Lebens. Olga wird von Rosario und Aurora verdächtigt, eine Denunziantin zu sein, was Rosario in eine schwierige Situation bringt, da sie auf eine Kontaktperson wartet, und Olga behauptet, diese zu sein. Olga wiederum greift Aurora an, weil diese nicht politisch aktiv war und nichts vom “Klassenkampf” wissen will. Zwischen Aurora einer­seits und Rosario und Olga andererseits entspinnt sich eine Dis­kussion über die Wichtigkeit des Vertrauens zu einem einzelnen Menschen (Aurora) oder zu einer ganzen Klasse (Rosario,Olga).
In diesem Stück werden verallgemeinernde Sichtweisen des Menschen und Urteile über Menschen aufgehoben. Die Brüchigkeit von pau­schalisierenden Bildern wird dargestellt. Die vier Frauen illustrieren die Unberechenbarkeit von Stärke und Schwäche des Menschen in Situationen wie Inhaftierung und Folter. Dabei wird Stärke nicht als heroische Eigenschaft und Schwäche nicht Feigheit dargestellt, sondern beides als etwas zutiefst Menschliches, das unabhängig ist von sozialer und politischer Prägung und weder Bewunderung noch eine Verurteilung verlangt.
Am Ende des Stückes stellt sich heraus, daß keine der Frauen – außer Rosario – das ist, was sie am Anfang darzustellen schien. Jimena, die Bürgerliche, ignoriert Rosarios Haß auf ihre Klasse; sie bewundert sie und sieht in ihr einzig den Menschen, der für soziale Gerechtigkeit kämpft. Als Rosario ihr an den Kopf wirft, daß sie natürlich einen Sohn gebären würde, und daß dieser Sohn den Namen eines großen Revolutionärs erhalten würde, schlägt Jimena sie mit einem einzigen Satz: “Nein, es wird ein Mädchen, und ich werde es Rosario nennen, weil es so werden soll wie du.” Jimena bittet die anderen Frauen immer wieder, ihr keine Informa­tionen über den Widerstand zu geben, da sie unter der Folter alles verraten würde, weil sie körperlichen Schmerz nicht ertragen könne. Aber schließlich ist sie es, die keine Informationen preis­gibt, obwohl sie so schwer gefoltert wird, daß es zu einer Frühge­burt kommt, und sie danach stirbt. Nach ihrem Tod erfahren die Frauen, daß sie nicht zufällig inhaftiert worden war, wie Rosario angenommen hatte. Ihr Mann, der eher zum rechten Spektrum gezählt wurde, hatte in seinem Büro Widerständler versteckt.
Aurora, die in den Diskussionen mit Rosario und Olga apolitisch und egozentrisch erscheint, hatte – so stellt sich letztlich heraus – nicht nur ein erotisches Abenteuer mit einem Widerstands­kämpfer, sondern auf ihr Konto laufen sämtliche Gelder aus dem Exil für eine Widerstandorganisation.
Und Olga, die militanteste, die radikalste Widerständlerin erklärt am Ende, daß sie bei jeder Folterung Namen preisgegeben hat, weil sie die Schmerzen nicht habe ertragen können. Sie müsse nun mit der Verachtung leben.
Benommen verläßt man das Theater, blättert noch einmal im Pro­grammheft herum und versteht jetzt, warum auf Erklärungen verzich­tet wurde und stattdessen Pablo Neruda zitiert wird: “Denn größer als das Meer und seine Inseln ist der Mensch, und wie in einen Brunnen muß man in ihn stürzen, um aufzutauchen mit einem Strauß heimlicher Tränen und bitterer Wahrheiten.”

“Diese ganze lange Nacht” von Jorge Diaz wird bis zur Sommerpause in der Vaganten Bühne, Kantstr.12 a, 1000 Berlin 12 (Tel.: 312 45 29) aufgeführt. Nächste Vorstellungen: 11.-13.April, 2.-4.Mai um 20 Uhr.

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