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Dinosaurier in Miniatur

Eine der bekanntesten lateinamerikanischen Mikroerzählungen ist Der Dinosaurier (1959) von Augusto Monterroso: „Als er erwachte, war der Dinosaurier noch immer da.“ Lange vor Twitter, Blogs und SMS haben sich in Lateinamerika solch kurze und kürzeste Texte bereits als eigenständige, traditionsreiche Gattung etabliert, die bis heute aktuell ist. Im deutschsprachigen Raum sind diese microrelatos allerdings noch kaum bekannt und werden hauptsächlich als flüchtige Zeiterscheinung wahrgenommen, auch wenn sich mehr und mehr Autor_innen auch hier diesem Genre zuwenden. Darüber sowie über Form und Inhalt ihrer Mikrotexte diskutierten argentinische, spanische und deutschsprachige Autor_innen bei den Internationalen Autor_innentagen Literarische Brennpunkte 2011, das vom unabhängigen Literaturhaus Lettrétage in Berlin veranstaltet wurde.
Die Definition eines microrelatos ist unter Umständen umfangreicher als er selbst, komme narrativ doch nur die Spitze des Eisbergs zum Vorschein, stellten sie fest. Es sei denn, diese Definition ist ebenso bissig und knackig wie jene der Autorin Luisa Valenzuela: „Das microrelato: ein eben aus der Erde gezogener Rettich.“
Die folgende Auswahl der argentinischen Autor_innen Ildiko Nassr, Flavia Company und Juan Romagnoli verschafft einen Eindruck von der Vielfalt dieser Erzählminiaturen. Diese und weitere Mikrotexte finden sich in der Sammlung von Lettrétage unter: http://literarischebrennpunkte.wordpress.com/programm/texte

Früher stand er nicht unter solch heftigem Schönheitsdruck.

der schmetterling von Ildiko Nassr // Übersetzt von Claudia Wente

Mama, mach mir das Mädchen hier zurecht, bittet er, den Arm seiner Freundin in der einen und das blutige Messer in der anderen Hand.

mama rettet mich immer von Ildiko Nassr // Übersetzt von Claudia Wente

Die Frau in mir legt sich ihren Wolfspelz an und marschiert in die Welt hinaus, um sich einen Jäger zu angeln.

ausgehen von Ildiko Nassr // Übersetzt von Claudia Wente

Alle Menschen sind sterblich –
Meine Schwägerin … ist eine Wahnsinnsfrau.
Mein Bruder ist sterblich.

Eiferschluss von Juan Romagnoli // Übersetzt von Rike Bolte

Die altbekannte Welt verschwindet mit einem Schlag. Ein einziger Mensch überlebt. Verwundert und betrübt und zudem schweigend wandelt er durch Ruinen, ja nurmehr durch die Trümmer jener Zivilisation, die ihn das Licht der Welt erblicken sah und ihn kaum mehr sterben sehen wird. Es begreift seine Gefühle nicht. Er denkt an seine Familie zurück, doch ist die Einsamkeit so groß, dass seine Erinnerungen verwischen. So viele Dinge, die er vermisst. Die Angst wird unerträglich. Schließlich beschafft er sich eine Pistole und gibt sich die Kugel. Als er mit dem Tod kämpft, taucht ein Raumschiff aus einer anderen Welt auf. Ein planetarischer Rettungstrupp. Eine kleine Gestalt zeichnet sich ab. Ihr Blick fällt auf den Sterbenden; schnell bemüht sie sich, in einer mechanischen Sprache zu fragen: „Haben wir etwas verpasst?“
Der Mann lässt sich Zeit. Mit letzter Puste spricht er: „Nichts wirklich Bewegendes …“
Und stirbt.

Rettung von Juan Romagnoli // Übersetzt von Rike Bolte

Pedro Juan war bereits ein ganzer Mann, als er in der Herrenabteilung eines großen Kaufhauses Esperanza kennenlernte: „Du heißt ja genauso wie meine Mutter: Hoffnung“, bemerkte er. „Aber wirklich ganz genauso wie sie, echt.“ Esperanza lächelte. „Manchmal wird sie Espe genannt“, fügte er hinzu. „Ich auch“, antwortete Esperanza. Und als reichten diese Übereinstimmungen aus, gegenseitiges Vertrauen zu fassen, beschloss Pedro Juan, sie zu einem Kinobesuch einzuladen. Esperanza nahm die Einladung an. Auch willigte sie einige Wochen später, stets im Namen jener vielbedeutenden Übereinstimmungen, die eine unvergleichliche Liebe zu besiegeln schienen, ein, Juan Pedro zu heiraten. Die Freude war riesig, als Mutter Esperanza und Vater Juan Pedro zehn Monate später im Flur einer Entbindungsstation die Geburt ihres ersten Sprösslings erwarteten. Ein Mädchen. Noch eine Esperanza, eine weitere Hoffnung für die Familie. Das Schicksal wollte es, dass an jenem selben Tag, auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause, Esperanza, Esperanza, Esperanza und Juan Pedro zu später Stunde eine Autopanne erlitten. Sie mussten den Wagen verlassen und standen im Freien. Es schneite. Die Kälte war unerträglich. Pedro Juan zog all seine Kleidung aus und reichte sie seinen Esperanzas. Er würde nicht erlauben, dass sie ein anderer schützte. „Jedem die seinen“, ging es ihm durch den Kopf, und gleich darauf hielt er einen Wagen an. Er stieg ein. Am Steuer saß eine wunderschöne Frau, die Milagros zu heißen behauptete, Wunder. „Du heißt ja genauso wie meine Schwester“, bemerkte Pedro Juan. „Ganz genauso wie sie, echt.“ Sie lächelte. „Manchmal wird sie auch Mila genannt“, fügte er hinzu. „Wie auch ich“, antworte Milagros. Diese Übereinstimmungen genügten, dass die beiden Vertrauen fassten. Wirklich ganz und gar.

Hoffnungen hegen Flavia Company // Übersetzt von Rike Bolte

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